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Merken   Drucken   12.05.2009, 13:51 Schriftgröße: AAA

Inflationsschutz: Vom trügerischen Schein der Sachwerte

Eine Investition in Aktien soll vor Inflation schützen. Doch ein Blick auf 110 Jahre Börsengeschichte zeigt: Das Gegenteil ist der Fall. Wer so agiert ist, vor Teuerungswellen nicht geschützt. von Christian Kirchner
Es war eine Titelseite, die Geschichte schrieb: Den "Tod der Aktie" verkündete das US-Magazin "Business Week" 1979. Da lagen bereits 13 schlechte Jahre hinter den Anlegern - und drei weitere vor ihnen, ehe 1982 der Superbullenmarkt der 80er- und 90er-Jahre begann. Die Unterzeile des berühmten Artikels ist indes inzwischen in Vergessenheit geraten: "Wie die Inflation den Aktienmarkt zerstört". Damals spürten Anleger in den Depots, welche verheerende Wirkung die Geldentwertung auch auf die Aktienmärkte hat.
Heute hingegen muss die Inflation oft als Argument für den Einstieg in den Aktienmarkt herhalten: Als Sachwerte böten sie schließlich einen Schutz vor Inflation, zumal die Notenbanken weltweit im Kampf gegen die Rezession die Notenpressen laufen lassen.
Doch in der Praxis waren Aktien in den vergangenen Jahrzehnten allenfalls bei sehr langen Betrachtungszeiträumen und im Umfeld einer Währungsreform wie in Deutschland 1923 und 1948 ein wirksamer Schutz vor Inflation. "Die Aussage, Aktien bieten einen Inflationsschutz, ist ein theoretisches Argument", sagt Frank Bulthaupt, Professor an der Hochschule der Sparkassen-Finanzgruppe in Bonn. In der Praxis ist eine hohe Inflation seit Jahren Gift für die Aktienmärkte. Sie sorgt real, also nach Abzug der Geldentwertung, meist für Kursverluste, selbst wenn die Wirtschaft wächst.
So verliefen die beiden Jahrzehnte der Inflation - die 40er- und 70er-Jahre - für Anleger in den US-Aktienmarkt enttäuschend. In den 40ern legte der Dow-Jones-Index 2,7 Prozent pro Jahr zu, in den 70ern sogar nur 0,5 Prozent. Dabei waren die 40er-Jahre das Jahrzehnt mit dem real höchsten US-Wirtschaftswachstum seit dem Beginn des Jahrhunderts - und auch in den 70er-Jahren wuchs die US-Wirtschaft allen Unkenrufen von der "Stagflation" zum Trotz real im Schnitt um 3,0 Prozent pro Jahr. Dennoch ging es an den Aktienmärkten zwischen 1966 und 1982 mit nur wenigen Unterbrechungen meistens abwärts, wie das US-Analysehaus Crestmont Research errechnet hat.
Ein einfacher Grund dafür: Die wichtigste Determinante für die künftige Kursentwicklung der Märkte ist nicht das Wirtschaftswachstum, sondern das Bewertungsniveau zum Zeitpunkt der Betrachtung. In Zeiten hoher Inflation billigt der Markt aber den Aktien nur weit niedrigere Bewertungen zu als in Zeiten stabiler Preise. Lag die Teuerung in den USA im Schnitt seit 1900 zwischen zwei und drei Prozent, also nahe an der Preisstabilität laut der Definition der Notenbanken, so betrug das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis am US-Aktienmarkt 22. In Phasen sehr hoher Inflation lag es lediglich bei acht. Wer 1966 in den US-Aktienmarkt eingestiegen ist, hatte bis Anfang der 80er-Jahre real fast die Hälfte seines Vermögens verloren und sah erst nach über 20 Jahren seinen Einstandskurs wieder.
Steigen also Inflation und Inflationserwartungen, geben die Kurse selbst bei unveränderten realen Gewinnerwartungen nach, weil die Käufer von Aktien einen Risikoabschlag für den Kauf von Aktien verlangen. Im historischen Mittel sorgt ein Anstieg der Teuerung von zwei bis drei Prozent auf über zehn Prozent selbst bei unveränderten Gewinnerwartungen für eine Drittelung der Aktienkurse - der Inflationsschutz wird so konterkariert.

Teil 2: Reihe von Gründen spricht für diesen Risikoabschlag

  • Aus der FTD vom 12.05.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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