Gert Wagner studierte Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Frankfurt am Main. Im Jahr 1984 promovierte er an der TU Berlin, wo er sich 1992 auch habilitierte. Seit 2002 ist er Professor an der TU Berlin.
Seit Juli 1989 verantwortet Wagner am Berliner DIW, Deutschlands ältestem Forschungsinstitut, das Sozio-oekonomische Panel. Dabei werden jährlich dieselben Personen und Familien zu ihrer wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitlichen Lage befragt. Wagner ist seit Februar 2011 DIW-Vorstandsvorsitzender. Sein Vertrag läuft bis Jahresende; dann soll ein Makroökonom die Geschicke übernehmen.
Mit dem Sozio-oekonomischen Panel verantwortet DIW-Chef Gert Wagner die von Ökonomen weltweit meistgenutzte Längsschnittstudie. Damit gewinnen Volkswirte Erkenntnisse über das gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhalten von Menschen - abseits der gängigen ökonomischen Modelle.
FTD Herr Wagner, seit Ausbruch der Finanzkrise stehen die Ökonomen in der Kritik, es gibt gelegentlich Rufe nach einer Revolution in der Zunft. Täuscht der Eindruck, dass das am Gros der Beteiligten vorbeigeht, die meisten Betroffenen an der alten Lehre hängen?
Gert Wagner Das ist ja nicht überraschend und in allen wissenschaftlichen Disziplinen so. Ein Sinneswandel, ein sogenannter Paradigmenwechsel, geht nicht von heute auf morgen. Das ist auch gut so, da jedes neue Paradigma sich aus einem alten heraus entwickeln soll. Ganz neue Ansätze setzen sich nur allmählich durch, nämlich mit dem Heranwachsen einer neuen Forschergeneration. Wissenschaftliche Revolutionen finden ja nicht statt, weil die Träger des alten Mainstreams überzeugt würden. Das ist eher ein biologischer Prozess.
Sie wollen sagen, die Alten müssen erst abtreten?
Wagner Wenn ich ernsthaft Wissenschaft betreibe, dann muss ich von meinen Hypothesen und Methoden völlig überzeugt sein. In höherem Alter die Einstellung radikal zu ändern gelingt doch in so gut wie keinem Lebensbereich. Was natürlich nicht ausschließt, dass es glänzende Ausnahmen gibt. Soweit ich weiß, hat sich Nobelpreisträger James Heckman früher nicht mit Psychologie beschäftigt, was er aber inzwischen eindrucksvoll tut.
Es gibt auch Leute wie Thomas Straubhaar, den Chef des HWWI-Instituts, der seinen früheren Glauben an die Effizienz der Finanzmärkte aufgegeben hat...
Wagner ...das ist historisch eher eine Ausnahme...
...die auch zu viel Kritik von etablierten Kollegen geführt hat.
Wagner Das ist doch menschlich, der Renegat ist nirgendwo beliebt. Wenn jemand plötzlich das Gegenteil behauptet von dem, was er und die Mehrheit seiner Kollegen 30 Jahre lang gesagt haben, dann macht er sich bei seinen Kollegen nicht beliebt.
Das klingt nicht gerade so, als könnten uns die Ökonomen auf absehbare Zeit sehr viel helfen.
Wagner Das sehe ich nicht so. Die Ökonomen, die in der Öffentlichkeit Einfluss haben, sind doch fast alle in meinem Alter oder noch älter und stehen somit kurz vor dem Ruhestand. Das gilt auch für etliche der journalistischen Meinungsführer, die ja in der herrschenden Denkschule oder im Fundamentalwiderstand dazu ausgebildet wurden. So wird fast systematisch übersehen: Der Paradigmenwechsel ist bereits voll im Gange.
Wo denn?
Wagner Nehmen Sie ganz schlichte empirische Studien wie das "Betriebspanel" des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) oder das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), das wir am DIW betreiben. Durch die Befragung von über 20.000 Personen kann ganz anders empirisch geforscht werden und viel differenzierter an Fragen herangegangen werden, als es die Ökonomen zwei Jahrhunderte lang konnten. Wir sind nicht mehr auf sehr einfache und abstrakte Modelle angewiesen, sondern können psychische Grundlagen menschlichen Handelns in unseren Analysen berücksichtigen.
Und was bringt das?
Wagner Jede Menge. Mithilfe der Verhaltensökonomie konnte statistisch gezeigt werden, dass die meisten Menschen eine sehr ausgeprägte Abneigung gegen Risiken haben und - im Vergleich zu alten Lehrbuchmodellen - wenig rational ihre Ausgaben planen. Das SOEP wird von weltweit anerkannten Volkswirten genutzt, die dabei sind, das alte ökonomische Paradigma weiterzuentwickeln, wie Armin Falk oder Ernst Fehr. James Heckman sitzt bei uns im Beirat.
In der Verhaltensforschung mag es ja interessante Erkenntnisse geben. Aber reicht das für einen Paradigmenwechsel? Wo ist das neue Modell?
WagnerDie Bausteine sind wichtig. Über Jahrzehnte wurden in den Vorlesungen Indifferenzkurven gemalt, und man wusste nicht, wie die in der Wirklichkeit aussehen. Vieles kann man heute dank empirischer Forschung besser bestimmen.
Lange behaupteten Ökonomen, ein deutliches Einkommensgefälle erhöhe die Leistungsbereitschaft. Jetzt scheinen viele erschrocken, was das für soziale Konsequenzen hat. Was lernen wir daraus?
WagnerMit der Glücksforschung, wie die Presse die Erforschung der Zufriedenheit gern nennt, haben wir herausgefunden, dass Einkommenszuwächse bei höheren Einkommen zu kaum noch messbaren winzigen Zuwächsen der Lebenszufriedenheit führen. Man kann daraus ein gutes Argument gegen eine zu große Ungleichheit der Einkommen ableiten. Die Anreizwirkungen höchster Einkommen wurden krass überschätzt.
Was ist die Konsequenz?
Wagner Dass eine progressive Besteuerung den Nutzen derer, die betroffen sind, kaum mindert.
Nach herrschendem Paradigma gilt aber noch, dass es die Anreize zum Arbeiten reduziert.
Wagner Ja. Aber das ist eine Hypothese, kein allgemeingültiger empirischer Befund. Leute mit hohem Einkommen und guter Ausbildung arbeiten aus ganz anderen Gründen als nur der Bezahlung wegen.
Dann brauchen Banker auch nicht so hohe Bonuszahlungen?
WagnerBoni werden überschätzt. Das schließt natürlich nicht aus, dass die Bezieher hoher Boni gern damit rumprotzen. Diesen Nutzen hätten sie aber auch, wenn die Boni hoch besteuert würden. Da Boni als Leistungsanreiz überschätzt werden, haben wir im DIW auch die Publikationsprämien abgeschafft.
Taugt das denn schon zum großen neuen Paradigma?
Wagner Natürlich nicht. Aber so ist das nun mal bei einem Paradigmenwechsel. Zuerst gibt es viele neue Einzelerkenntnisse, dazu tragen durchaus auch ältere Forscher bei, bis ein jüngerer Forscher kommt, die Puzzlesteine neu zusammensetzt und so zum Konstrukteur des neuen Paradigmas wird. Das könnte eine der heutigen Doktorandinnen sein.
Von Doktoranden hört man oft, dass sie im Wissenschaftsbetrieb nicht vorwärtskommen, wenn sie aufmüpfig sind. Gibt es überhaupt genügend Anreize fürs Forschen jenseits des Mainstreams?
Wagner Es gab schon immer zwei Typen von Jungforschern. Solche, die aus Sicherheitsgründen Mainstreamforschung machen. Und solche, die etwas Neues machen wollen und Karriererisiken eingehen. Zum Paradigmenwechsel gehört Risikofreude und ein noch größeres Maß an Beharrlichkeit, um nicht zu sagen: Sturheit. Leider war und bin ich nur stur, aber nicht risikofreudig.