FTD Herr Leverenz, mit Ihrem rund 28 Mrd. Dollar schweren Schwellenländer-Aktienfonds setzten Sie stark auf Konsumaktien. Mit Verlaub: Hat sich mittlerweile nicht bis zum letzten Investor herumgesprochen, dass Konsumwerte in Schwellenländern attraktiv sein sollen?
Justin Leverenz Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Vor gerade einmal fünf Jahren war der Markt genau andersherum positioniert. Es ging bei Schwellenländer-Anlagen fast nur um Infrastruktur und Rohstoffe. Angeblich lief da ja ein Superzyklus. Seinerzeit - ich habe den Fonds 2007 übernommen - haben Sie viele Konsumgüteraktien noch zu attraktiven Kursen bekommen. Zugegeben: In der Breite gibt es da keine Schnäppchen mehr. Aber sehr wohl noch bei einzelnen Unternehmen.
Spricht man mit Europa- und US-Experten großer Fondsgesellschaften, raten diese zu Nahrungsmittel- und Konsumgüterkonzernen wie Coca-Cola und Nestlé . Die sind auch in den aufstrebenden Märkten aktiv, aber transparenter und stärker am Shareholder-Value orientiert ...
Leverenz Das stimmt auch, und wissen Sie was? Ich halte auch einige dieser Aktien. Etwa die Carlsberg -Brauerei, ein dänischer Konzern, aber sehr stark in Osteuropa und Russland vertreten. Oder SAB Miller, die sind in London notiert, aber generieren 90 Prozent ihrer Gewinne in Schwellenländern.
Dennoch, das Thema scheint ausgereizt.
Leverenz Nein. Es gibt eine fundamentale Veränderung in der globalen Wachstumsgeschichte von Schwellen- und Industrieländern. Bedingt durch das schwache Wachstum der Industriestaaten fällt der relative Vorsprung der Schwellenländer vor den Industrieländern heute weit höher aus in den letzten zehn bis 15 Jahren. Das Wachstum ist mindestens dreimal so groß. Für Investoren sind das paradiesische Zustände.
Schwellenländer-Börsen laufen trotz der besseren Rahmenbedingungen aber seit 2010 schlechter als die in Europa und den USA. Wieso?
Leverenz Wir haben eine signifikante Wachstumsabschwächung gesehen, zum Beispiel in der größten und wichtigsten dieser Volkswirtschaft, in China. Das ist aber ein zyklisches Phänomen, das nach so vielen langen Jahren des Wachstums nichts Besonderes ist. Ähnliches gilt für Brasilien. Lediglich in Indien sind die Probleme faktisch hausgemacht, hier hat schlicht die Politik für eine Wachstumsabschwächung und höhere Inflation gesorgt. Und dann wäre da noch Russland - ein Land, das ähnlich wie Brasilien stark von Rohstoffpreisen abhängig ist, die eine Weile schwächelten.
China steht besonders im Fokus der Investoren als Wachstumslokomotive. Droht von dort weiter Ungemach für die Weltwirtschaft?
Leverenz Vor zwei Jahren waren viele extrem optimistisch für China gestimmt. Ich bin es auch heute noch. Aber in der Hinsicht, dass ich an dauerhaft fünf bis sieben Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr glaube. Aber eben nicht die acht bis zehn Prozent der vergangenen Jahre. Wenn aber China nur mit fünf bis sieben Prozent wächst, heißt das, dass die Wirtschaft absolut jedes Jahr um etwa 500 Mrd. Dollar zulegt. Das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt von Taiwan.
Damit stößt das Land doch bald an Grenzen?
Leverenz China wird dieses Wirtschaftswachstum nicht mehr wie früher größtenteils über den Ausbau des Anteils am Welthandel oder über Binnenthemen wie dem Immobilienmarkt erzielen. Das Wirtschaftswachstum wird vor allem über Produktivitätsfortschritte getrieben. Was wiederum heißt, dass die nunmehr etwas niedrigeren Wachstumsraten auch erheblich nachhaltiger sind als all das, was wir bisher gesehen haben. Nämlich als Wachstum stark über Infrastruktur- und Bauprojekte generiert wurde. Produktivitätsfortschritte gibt es durch bessere Maschinen, bessere Logistik, bessere Bildung. Und das führt auch zu höheren Margen der Firmen.
Chinas Aktien fallen trotzdem seit 2009 ...
Leverenz ... mit dem Ergebnis, dass Sie derzeit dort sehr gute Firmen zu sehr guten Preisen kaufen können. Und das zum ersten Mal seit Jahren. Es gibt dort eine Handvoll toller Unternehmen, die zu außergewöhnlich niedrigen Kursen zu haben sind. Internetfirmen wie Baidu und Tencent etwa.
Sie gelten als einer der wenigen ausgesprochenen Indien-Optimisten unter den Schwellenländer-Managern. Worauf gründet sich Ihr Ruf?
Leverenz Ich sehe kein Land, dem künftig sowohl relativ als auch absolut gesehen ein derartiges Wirtschaftswachstum zugetraut wird wie Indien. Das ist ein wenig wie China vor gut 20 Jahren. Hinzu kommt die Liberalisierung: Bislang hat es Indien nicht geschafft, selbst einfache Dinge wie den Retail-Versicherungsmarkt zu liberalisieren, geschweige denn die Infrastruktur. Hier gibt es Reserven.
Rechnen Sie mit einem Wandel?
Leverenz Die Regierung steht dem Wirtschaftswachstum seit Jahren im Weg, und die Wirtschaft ist dennoch real mit fünf Prozent und mehr gewachsen. Was wäre wohl ohne diesen Hemmschuh möglich? Was viele zudem unterschätzen: Die vergangenen 20 Jahre waren geprägt von einer Auslagerung der Produktion von kapitalintensiven Wirtschaftszweigen in Schwellenländer. Die kommenden zehn Jahre werden wir erheblich mehr Auslagerungen in höherwertigen Bereichen sehen: Etwa IT-Dienstleistungen, Software, Wartung, Marketing und Vertrieb. Das sind wenig kapitalintensive Sektoren. Davon wird Indien stark profitieren. Darauf setze ich mit indischen Software- und IT-Konzernen.
Haben Investoren heute überhaupt noch die Geduld, zehn und mehr Jahre zu warten, bis ein Investment Früchte trägt?
Leverenz Ich mache den Job jetzt seit 20 Jahren. Die Schwellenländer haben sich in dieser Zeit dramatisch verändert: Früher hatten diese schlicht nicht genügend inländische Spareinlagen, um auch mal den Abzug von Kapital und einen Wirtschaftsabschwung ausgleichen zu können. Wenn die Notenbanken weltweit die Geldmenge verknappt und Zinsen erhöht haben, war immer Not am Mann. Entsprechend volatil waren die Aktienkurse. Jetzt haben die Länder sehr hohe Einlagen und Überschüsse. Das ist neu. Was sich nicht geändert hat, ist die Einstellung der Investoren. Für die sind Schwellenländer vor allem eins: volatil. Das ist Quatsch. Das volkswirtschaftliche Wachstum in Schwellenländern ist eben nicht mehr volatil. Sowohl absolut als auch relativ ist der Vorsprung der Schwellenländer in puncto Wachstum zuletzt immer stärker gewachsen. Vor diesem Hintergrund sind die meisten Investoren aus Industrieländern nicht gut positioniert. Sie halten nur einen ganz kleinen Teil ihrer Portfolios in den dynamischen und kapitalstarken Ländern.
Ändert sich das denn nicht derzeit?
Leverenz Das Über-den-Tellerrand-Schauen steht mit Blick auf die Schwellenländer noch ziemlich am Anfang. Bedenken Sie, dass solche Prozesse über 20 bis 30 Jahre laufen. Davon haben wir bestenfalls zehn Jahre hinter uns. Und wissen Sie, was der größte Fehler ist, den Anleger machen?
Lassen Sie uns raten: Zu wenig in Schwellenländer-Aktien zu investieren.
Leverenz Nein, die Realität in Zahlen zu ignorieren! Ich verwalte seit 1996 Schwellenländer-Fonds, und seitdem reiht sich Krise an Krise. Die Asien-Krise 1996 und 1997. Die Russland-Krise 1998. Das Platzen der Dotcom-Blase 2000. Dann war mal kurz Ruhe. Ab 2007 dann die Finanzkrise, jetzt die Schuldenkrise. Und unter dem Strich hat der 15 Jahre alte Oppenheimer Schwellenländer-Fonds trotzdem 15 Prozent Rendite pro Jahr gebracht - auf Dollar-Basis. Was wäre bloß, wenn es mal keine Krise gibt? Es ist frustrierend, dass so viele Anleger weiter skeptisch sind. Investoren sind so stark getrieben von Verlustängsten. Sie kaufen, wenn es sich bequem anhört zu investieren. Das ist das fundamentale Problem unserer Investmentindustrie.
Experten empfehlen deshalb ja auch: Kaufen, wenn die Fonds starke Mittelabflüsse haben und Blut fließt - und verkaufen, wenn die Stimmung zu gut ist. Ist das eine gute Strategie?
Leverenz Nein. Das Vorgehen ist ein Relikt der 80er- und 90er-Jahre, als man dachte: Unter dem Strich kehren die Kurse nach Übertreibungen immer wieder in die Mitte zurück, und die Trader machen das Geld. Ich setze auf konsistente Erträge. Mit Jojo-Traden kommen Sie in Schwellenländern nicht mehr weit. Nehmen Sie koreanische Banken: Das sind die Institute mit der höchsten Leverage der Welt. Will man so etwas haben? Nein. Sehen Sie sich noch die Displayhersteller an aus Taiwan, Korea oder Sharp aus Japan. Da herrscht ein ruinöser Preiskampf, der massenhaft Aktionärswert vernichtet. Sie können allerdings ein Vermögen verdienen, wenn sie den Lagerzyklus der Firmen halbwegs richtig raten. Dann können sie eine Vervielfachung mitnehmen. Aber wenn Sie die falsche Firma kaufen oder beim Raten des Lagerzyklus daneben liegen, ist das Geld futsch. Das hat nichts mit langfristig funktionierenden Anlagestrategien zu tun. Es kommt allein auf Qualität an.
Interview: Christian Kirchner