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Merken   Drucken   01.01.2006, 19:36 Schriftgröße: AAA

Japan avanciert zum Liebling der Strategen  

Nach einem fröhlichen ersten Halbjahr in Europa rechnet die Mehrheit mit einer aus Amerika kommenden Eintrübung von Konjunktur und Börsenstimmung. Bondmarkt-Pessimisten werden seltener. von Thorsten Kramer, Yasmin Osman, Mark Schieritz, Claus Hecking, Frankfurt, und Jens Korte, New York
Eine Filiale des japanischen Wertpapierhändlers Nomura   Eine Filiale des japanischen Wertpapierhändlers Nomura
Anlagestrategen richten ihr Augenmerk in diesem Jahr vor allem auf die konjunkturelle Entwicklung und die Zinspolitik der Notenbanken. In der Mehrheit rechnen die Experten an den europäischen Börsen bis zur Jahresmitte mit steigenden Kursen, ehe eine Seitwärtsbewegung einsetzen dürfte. Noch optimistischer sehen sie Japan. Der Wall Street trauen die meisten Investmenthäuser dagegen nach dem schwachen Jahr 2005 immer noch kaum Potenzial zu. An den Anleihemärkten erwarten Strategen zumindest in den ersten beiden Quartalen steigende Renditen und fallende Kurse. Am Devisenmarkt rechnet die Mehrheit damit, dass dem Dollar die Puste ausgeht.
Liebling der Aktienexperten ist zurzeit Japan. "Die gleichlaufende Erholung des mittel- und langfristigen Konjunkturzyklus erinnert an die goldenen 80er Jahre", sagte Kiyohide Nagata, Japan-Experte der Fondsgesellschaft Invesco. Die Erfolge tiefgreifender Reformen lockten bereits im vergangenen Jahr internationale Investoren an: Mit einem Plus von knapp 40 Prozent kletterte der Nikkei-Index so kräftig wie zuletzt 1986.
Für das zweite Halbjahr erwartet Takahide Kiuchi, Volkswirt beim Investmenthaus Nomura, eine Zinsanhebung durch die Bank of Japan. Einen nachhaltigen Dämpfer stellt dies nach Auffassung von Aktienstrategen aber nicht dar. Allenfalls bremse dies den Anstieg etwas.
Abkühlung im zweiten Halbjahr erwartet
In Europa erwarten die meisten Banken eine Anhebung der Notenbankzinsen von zurzeit 2,25 auf 2,5 bis 2,75 Prozent. Einige große Investmenthäuser wie JP Morgan rechnen allerdings mit einer stärkeren Wirtschaftserholung und prognostizieren deshalb einen Zinsanstieg auf mehr als 3,0 Prozent. Dies hat Konsequenzen für die Erwartungen an die Aktienmärkte. JP Morgan sieht den Dax am Jahresende nur noch bei 5000 Punkten. Europa-Stratege Mislav Matejka begründet dies neben dem prognostizierten Zinsanstieg auch mit steigender Inflation und den vermutlich enttäuschenden Unternehmenszahlen. Meist prognostizieren die Aktienexperten großer Banken aber einen dynamischen Gewinntrend bei den Bilanzdaten und einen Dax-Anstieg zwischen sieben und acht Prozent. 2005 hatte der Index um mehr als 26 Prozent zugelegt. Als weitere Argumente führen die Optimisten die günstige Bewertung und anhaltende Übernahmeaktivitäten an.
Merrill Lynch zeigt für europäische Aktien den größten Pessimismus. Für den breit gefassten Stoxx-600-Index rechnet die Bank mit einem Einbruch um fast zehn Prozent. Die meisten Investmentbanken sind dagegen optimistisch. Dazu zählt etwa ABN Amro. Deren Aktienstratege Rolf Elgeti erwartet im Gegensatz zu JP Morgan starke Unternehmenszahlen und niedrige Zinsen. Zudem spreche das gewachsene Vertrauen der Unternehmen und Anleger für europäische Aktien, sagte er. ABN Amro rechnet für den Stoxx 600 mit einem Anstieg um 15 Prozent. Lehman Brothers, Commerzbank, Deutsche Bank und HSBC sagen einen Zuwachs zwischen 7,4 und 10,4 Prozent voraus.
Viele Marktteilnehmer rechnen für das zweite Halbjahr mit einer Abkühlung der Wirtschaft. Dies dürfte die Märkte belasten. Als größtes Risiko für die Konjunktur stufen sie eine Schwäche am US-Immobilienmarkt ein. "Rund 20 Prozent der Weltkonjunktur hängen vom US-Verbraucher ab. Eine Schwäche des Immobilienmarktes zieht den US-Konsum nach unten, und das wiederum belastet die Nachfrage nach Importen", sagte Richard Bernstein, US-Stratege bei Merrill Lynch. Zudem gilt ein anhaltend hoher Ölpreis weiterhin als starker Belastungsfaktor.
Leicht sinkende Rendite prognostiziert
Der Wall Street trauen die meisten Investmenthäuser nach dem wenig aufregenden Jahr 2005 immer noch keine großen Sprünge zu. Die meisten Banken erwarten dort eine Abschwächung der Konjunktur. Deshalb gilt es als wahrscheinlich, dass der Leitzins in den USA von aktuell 4,25 Prozent nur noch um 25 oder 50 Basispunkte steigt. Hinzu kommt, dass die Bewertung der US-Börsen weniger attraktiv ist als die der Börsen in Europa und Japan.
An den Rentenmärkten bleiben die steigenden Notenbankzinsen eine Hypothek. Allerdings prognostizieren die meisten Häuser keine extremen Verwerfungen. So rechnet Goldman Sachs für die zehnjährige Bundesanleihe mit einem Renditeanstieg von derzeit rund 3,3 auf 3,7 Prozent auf Sicht von zwölf Monaten und liegt damit im Mittelfeld der Schätzungen.
Da im zweiten Halbjahr viele Analysten eine sich abschwächende Konjunktur und niedrige Inflationsraten erwarten, geht eine nennenswerte Minderheit, darunter HypoVereinsbank und HSBC Trinkaus & Burkhardt, sogar von leicht sinkenden Renditen aus.
  • Aus der FTD vom 02.01.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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