Es ist ein Balanceakt. Angemessene Demut und selbstbewusste Verteidigung seines Instituts - beides muss Jamie Dimon richtig dosieren. "Ich bin verantwortlich, absolut", räumt der Chef der größten US-Bank JP Morgan Chase mit Blick auf den mindestens 2 Mrd. Dollar großen Handelsverlust des Geldhauses ein, zu dem der Bankenausschuss des amerikanischen Senats ihn an diesem Mittwoch befragt. Doch zu weit will Dimon den Abgeordneten nicht entgegenkommen. Er sei sich nicht sicher, ob die 2010 beschlossene Finanzmarktreform dabei geholfen habe, das Bankensystem sicherer zu machen, sagt er. Der Hieb muss dann doch sein.
Geht es doch um viel mehr als eine peinliche Fehlspekulation mit Derivaten und das erschütterte Vertrauen in den Branchenstar Dimon. Alte Sorgen über die Risiken im Bankensystem sind wieder aufgetaucht, die Befürworter strikterer Regeln für die Geldhäuser im Aufwind. Die Anhörung wird damit zum Vorboten der noch anstehenden Kämpfe zwischen der Wall Street und denjenigen, die versuchen, sie zu zähmen.
Dimon beginnt defensiv. So räumt er gleich zu Beginn der Anhörung schwere Fehler des Managements ein, das den Handelsverlust nicht verhindert habe, und entschuldigt sich dafür. Gleichzeitig betont der Bankchef aber, dass die starke Kapitalbasis und das breitgefächerte Geschäftsmodell seines Instituts ihre Funktion erfüllt und die Bank gegenüber dem unerwarteten Verlust in der Risikoabsicherungsabteilung abgesichert hätten.
Dabei muss Dimon zugeben, dass er unzureichend über die sich entwickelnden Verluste informiert wurde. Die betreffenden Manager hätten ihm lange versichert, es handle sich nur um ein "isoliertes, kleines Problem". Um Distanzierung bemüht, fügt er mit Blick auf die involvierten Händler und Manager hinzu: "Meiner Meinung nach verstößt das gegen den gesunden Menschenverstand."
Der JP-Morgan-Chef hält die Balance. Mit kräftiger Stimme, scharfen Aussagen und selbstbewusstem Auftreten pariert er die Fragen der Abgeordneten. Diese bleiben allerdings unerwartet friedfertig. Scharfe Angriffe gibt es kaum - vielleicht auch, weil Dimon den Politikern immer wieder Häppchen in den Rachen wirft. So zum Beispiel mit der Ankündigung, die Bank werde versuchen, an die für die Panne verantwortlichen Manager ausgezahlte Gehälter zurückzuholen.
Ohnehin interessieren sich die Fragenden vor allem für die Implikationen des Vorfalls für die Regulierung der US-Finanzbranche. Hätte die geplante sogenannte Volcker-Regel, die Geschäfte der Banken auf eigene Rechnung weitgehend verbieten soll, den Skandal womöglich verhindert? Nach wiederholter Nachfrage gibt Dimon zu, es sei "möglich", dass die Regel die Verluste eingedämmt hätte.
Jedoch wehrt er sich gegen Kritik, viele US-Banken seien zu groß geworden, um sie noch effektiv beaufsichtigen und Risiken gering halten zu können. "Es gibt Platz für große und für kleine Institute", sagte Dimon, wieder gewürzt mit einem Schuss Demut: "Die Nachteile der großen Unternehmen sind die Gier, Arroganz und der Größenwahn." Gut geschlagen habe er sich, attestieren viele Beobachter Dimon nach der Anhörung - die große Schlacht muss noch warten.