FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » Marktberichte Aktien » Wolfgang Münchau - Der Stress nach dem Test

Merken   Drucken   29.07.2010, 15:58 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Wolfgang Münchau - Der Stress nach dem Test

Die Bundesregierung muss die Banken jetzt zur Rekapitalisierung drängen. Sonst drohen neue Schocks. von Wolfgang Münchau 
Die Stresstests sind vorüber, und jetzt? Eigentlich wird es nun erst interessant, denn die wahrscheinlich größte wirtschaftspolitische Aufgabe dieses Jahrzehnts wird darin bestehen, die Kapitaldecke der Banken zu erhöhen. Vergessen Sie die 3,5 Mrd. Euro, die als zusätzlicher Kapitalbedarf in den Stresstests moniert wurden. Wir reden hier von Größenordnungen im unteren dreistelligen Milliardenbereich.
Die Stresstester der europäischen Bankaufsicht in London haben als Grundlage für ihre Tests das sogenannte Tier-1-Kapital benutzt, eine offizielle Definition des Kernkapitals. Hierbei handelt es sich um Aktien, zurückbehaltende Gewinne, aber auch um verschiedene hybride Formen von Kapital. Dazu gehören stille Einlagen oder Vorzugsaktien. Diese Definition von Kapital entspricht den geltenden Baseler Eigenkapitalrichtlinien und wird fast überall auf der Welt angewandt. Nur leider ist die Definition genauso schrottreif wie der Giftmüll, der durch dieses Schrottkapital gedeckt wird.
Infografik - So schnitten die Deutschen beim Stresstest ab   Infografik - So schnitten die Deutschen beim Stresstest ab
Das Baseler Komitee der Bankaufseher hat im Laufe der Krise einen neuen Vorschlag gemacht mit dem Ziel, die Definition des Kernkapitals zu verschärfen. Zugelassen sein sollen danach vorwiegend Aktienkapital und einbehaltende Gewinne, nicht mehr die hybriden Instrumente. Wenn das so eins zu eins umgesetzt würde, dann wäre für die Landesbanken das Ende nahe. Die Aktienkapitaldecke deutscher Landesbanken ist verheerend dünn.
Weltmeister der innovativen Kapitalformen
Eine in Deutschland besonders beliebte Form hybriden Kapitals ist das sogenannte stille Kapital. Der Ausdruck "stilles Kapital" ist ein Widerspruch in sich. Denn es ist das Wesen des Kapitals, dass es nicht still ist, dass die Eigner des Kapitals kräftig bei der Führung des Unternehmens mitwirbeln. Anleihen sind still. Der Besitzer von Anleihen will nicht mitregieren, sondern pünktlich sein Geld bekommen. Die stillen Kapitalgeber deutscher Landesbanken, oft Bundesländer, wollen zwar mitregieren, aber am liebsten nicht dafür geradestehen. Für sie ist es nicht denkbar, dass ihr Kapital dazu benutzt wird, toxischen Müll zu neutralisieren. Sie sehen sich nicht als Aktionäre.
Und damit sind diese hybriden Formen von Kapital auch vollends beschrieben. Die Öffentlichkeit interessiert sich für das Thema doch nur deswegen, weil man die Banken nicht mit weiteren öffentlichen Mitteln stützen will. Um das zu verhindern, benötigen die Banken echtes Kapital. Damit ist Kapital gemeint, dass für Verluste aufkommt. Und daher ist auch eine enge Definition von Eigenkapital sinnvoll.
Die angeblich so soliden deutschen Banken sind Weltmeister im Erfinden innovativer Kapitalformen. Es geht dabei häufig um regulatorische und rechtliche Gesichtspunkte, nicht um ökonomische. Das Ziel besteht darin, ein System aufrechtzuerhalten, das ökonomisch betrachtet nicht mehr funktioniert. Ich habe für die folgende Aussage sehr viel Kritik einstecken müssen, aber ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass das deutsche Bankensystem bei rein ökonomischer Betrachtung nicht mehr solvent ist. Das heißt jetzt nicht, dass Ihre Sparkasse oder Bank morgen den Konkurs anmeldet, sondern dass das Bankensystem insgesamt nicht die Ressourcen hat, um den wahrscheinlich drohenden Schocks in Zukunft zu begegnen.

Teil 2: Die Alternative heißt verstaatlichen

  • FTD.de, 29.07.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Kommentare
Kommentar schreiben Pflichtfelder*




Newsletter:   Eilmeldungen Finanzen

Wenn die Deutsche Bank durch einen Stresstest fällt, erfahren Sie es zuerst in unserem Finanznewsletter.

Beispiel   |   Datenschutz
markets - Das Finanzinformationsportal
  DAX 6764,83  [-1.84 -0,03%
  Euro Stoxx 50 2507,89  [-7.26 -0,29%
  Dow Jones 12845,13  [-17.1 -0,13%
  Nasdaq Composite 2901,99  [-3.67 -0,13%
  Euro 1,3106 USD  [-0.0011 -0,08%
  Brent-Öl 115,12 USD  [1.83 +1,62%
Tweets von FTD.de Finanz-News

Weitere Tweets von FTD.de

Immobilien-Kompass
Partnerangebot Immobilien suchen in ...
 



AKTIEN + MÄRKTE

mehr Aktien + Märkte

DERIVATE

mehr Derivate

INVESTMENTFONDS

mehr Investmentfonds

IMMOBILIEN

mehr Immobilien

ALTERNATIVE ANLAGEN

mehr Alternative Anlagen

FINANZCHECK

mehr Finanzcheck

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote