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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   16.11.2012, 16:23 Schriftgröße: AAA

Konjunktur: Afrikas Konsumrevolution

Kommentar Eine wachsende Bevölkerung, die immer besser ausgebildet ist und immer mehr frei verfügbares Einkommen hat: Afrikas Verbrauchermacht ist ein gigantisches Versprechen.
von David Fine
Blick auf Angolas Hauptstadt Luanda. Mit ca. 4,8 Mio. Einwohnern ...   Blick auf Angolas Hauptstadt Luanda. Mit ca. 4,8 Mio. Einwohnern ist sie nach Lagos, Kinshasa, Kairo und Khartum die fünftgrößte Stadt Afrikas
 
David Fine ist Direktor bei McKinsey & Company und leitet das McKinsey-Büro in Südafrika.

Das wirtschaftliche Potenzial Afrikas - und die damit verbundenen Geschäftschancen - ist heute weithin bekannt. Es herrschen zwar noch immer höhere Armut und Arbeitslosigkeit als in anderen Schwellenländern, aber ein beschleunigtes Wachstum seit dem Jahr 2000 ließ Afrika zu der am zweitschnellsten wachsenden Region der Welt werden (hinter dem aufstrebenden Asien und auf gleicher Stufe wie der Nahe Osten).

Dieses rasche Wirtschaftswachstum brachte auch wohlhabendere Verbraucher mit sich - und umgekehrt: 45 Prozent des gesamten afrikanischen BIP-Wachstums in den 2000er-Jahren (vor Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008) stammten aus den konsumnahen Sektoren der Wirtschaft. Es wird erwartet, dass im Jahr 2020 über die Hälfte der afrikanischen Haushalte - beinahe 130 Millionen, im Gegensatz zu den 85 Millionen von heute - frei verfügbare Einkommen haben werden.

Überdies verfügt Afrika über die am raschesten wachsende Bevölkerung der Welt - und auch über die jüngste, wobei über die Hälfte der Menschen unter 20 Jahre alt sind. In China liegt dieser Wert bei 28 Prozent. Die Vereinten Nationen schätzen, dass der Kontinent bis 2030 für über 40 Prozent des weltweiten Bevölkerungswachstums sorgen und die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter diejenige Chinas zahlenmäßig im Jahr 2040 überholen wird.

Angesichts dieser Trends ist bis 2020 mit einem Wachstum der Konsumgüterindustrie des Kontinents um weitere 410 Mrd. Dollar zu rechnen - also um mehr als die Hälfte des gesamten Umsatzwachstums, das alle Firmen bis zum Ende des Jahrzehnts erwarten. In einer der ersten Studien dieser Art erhob das McKinsey Africa Consumer Insights Center in den Jahren 2011 und 2012 entsprechende Daten von 13.000 Personen aus 15 Städten in zehn Ländern des Kontinents. Diese zehn Länder - Algerien, Angola, Ägypten, Ghana, Kenia, Marokko, Nigeria, Südafrika, der Sudan und Tunesien - zeichneten im Jahr 2011 für 81 Prozent des privaten Konsums in Afrika verantwortlich. Allerdings sind die Marktchancen für verbraucherorientierte Firmen eher in Städten als in einzelnen Ländern zu finden.

Tatsächlich ist Afrika, wo 40 Prozent der Bevölkerung in Städten leben, stärker urbanisiert als Indien (30 Prozent) und fast ebenso stark wie China (45 Prozent). Bis 2016 werden über 500 Millionen Afrikaner in städtischen Ballungsräumen leben, und die Zahl der Städte mit mehr als einer Million Einwohner soll von 52 im Jahr 2011 auf 65 ansteigen (gleich wie Europa und höher als Indien und Nordamerika).

Diese Entwicklung ist für Konsumgüterunternehmen von entscheidender Bedeutung. Die Ausgaben städtischer Haushalte in Afrika steigen doppelt so schnell wie die Ausgaben im ländlichen Bereich, wobei die Pro-Kopf-Einkommen in den Städten im Durchschnitt um 80 Prozent höher liegen als die landesweiten Einkommen.

Insgesamt geben die Verbraucher in den meisten Einzelhandelsbereichen mehr aus. Bis zu 30 Prozent der optimistischen Verbraucher in einigen Ländern sagen, dass sie häufiger einkaufen und dabei neue und kostspieligere Produkte kaufen. Und die Hälfte der Befragten gibt an, im täglichen Leben Verzicht zu üben, um für eine größere Anschaffung zu sparen. Das deutet darauf hin, dass Firmen, deren Angebot aus billigen, qualitativ minderwertigen und Nichtmarkenprodukten besteht, langfristig wohl nicht erfolgreich sein werden.

Bei der Entscheidung, wo man verkaufen möchte, spielt zudem Zeitplanung eine entscheidende Rolle. Die Nachfrage nach Konsumgütern folgt typischerweise einer S-Kurve. Bei steigenden Einkommen erreichen die unterschiedlichen Produktkategorien einen bestimmten Punkt, ab dem sich die Nachfrage auf drei- bis fünfmal höhere Werte beschleunigt. Im Falle höherer Einkommensniveaus erreicht der Markt eine Sättigung, und das Wachstum lässt nach.

Verschiedene Produkte und Kategorien erreichen die "heiße Phase" zu unterschiedlichen Zeitpunkten: Produkte mit niedrigen Preispunkten wie etwa Imbisse und Getränke erreichen den erwähnten Punkt typischerweise relativ früh. Schönheitsprodukte brauchen etwas länger und Luxusgüter wie Markenmode noch länger. Es ist daher wenig überraschend, dass auf den meisten afrikanischen Märkten nur wenige Produktkategorien die von langsamerem Wachstum geprägte "Ruhephase" erreicht haben.

Hier ist das Verständnis von Geschäftschancen auf städtischer Ebene von entscheidender Bedeutung. Planung und Ressourcenallokation auf Länderebene ist für die meisten in Afrika tätigen Firmen noch die Regel, und das führt zu ineffizienter Allokation von Human- und Kapitalressourcen. Durch die Erstellung detaillierter Profile der vielversprechendsten städtischen Geschäftschancen könnten die Firmen ihre Investitionen effektiver und gezielter tätigen.

Das Erkennen von Wachstums-Hotspots ist nur der Anfang. Beträchtliche Unterschiede zwischen den Ländern und innerhalb eines Landes bedeuten, dass es eines viel tiefgreifenderen und detaillierteren Verständnisses von Verbraucherpräferenzen und Erschwinglichkeitsprofilen nach Produktkategorie bedarf.

In dieser Hinsicht verdient die Jugend Afrikas besondere Aufmerksamkeit: Aus der Studie geht hervor, dass die Altersgruppe der 16- bis 34-Jährigen schon jetzt über 53 Prozent des Einkommens in städtischen Zentren verfügt. Die Konsumgewohnheiten junger Menschen unterscheiden sich erheblich von denen ihrer Eltern. Bei jungen Menschen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich Informationen im Internet holen oder Produkte und Geschäfte nach dem "richtigen Image" auswählen, mehr als doppelt so hoch. Überdies verfügen sie über eine höhere Bildung, wobei 40 Prozent der 16- bis 24-Jährigen über einen Highschool-Abschluss verfügen, während dieser Wert in der Gruppe der über 45-Jährigen lediglich bei 27 Prozent liegt.

Diese Merkmale deuten auf einen bedeutenden Wandel der afrikanischen Konsumgewohnheiten hin, wenn diese jungen Menschen in die Jahre kommen, ihre Einkommen steigen sowie ihr Verhalten und ihre Auswahlkriterien zur gesellschaftlichen Norm werden. Viele Firmen - vor allem multinationale, die an alternde Bevölkerungen in den Industrieländern gewöhnt sind - werden sich entsprechend anpassen müssen.

  • Aus der FTD vom 17.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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