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Merken   Drucken   21.06.2008, 10:00 Schriftgröße: AAA

Kurators Liebling: Frankfurter Fensterspielereien

Viele deutsche Konzerne leisten sich wertvolle Kunstsammlungen. Die FTD stellt daraus vierteljährlich die Lieblingsstücke der Kuratoren vor. Astrid Kießling von der Dresdner Bank hat ein Werk der Nachwuchskünstlerin Martina Wolf ausgesucht: Eine Häuserinsel im Frankfurter Bahnhofsviertel. von Ina Lockhart
Eng, voll, jeder Quadratmeter optimiert. So beschreibt die Nachwuchskünstlerin Martina Wolf ihren ersten Eindruck von Frankfurt, als sie direkt von ihrem Studienjahr in Paris in die Stadt am Main kommt. "In Frankfurt hat mich schon immer die Enge irritiert", sagt Wolf. Kein Wunder, dass es sie reizt, damit zu spielen. Von ganz oben. Ihre Blicke aus den Fenstern der Hochhäuser der Dresdner Bank im Bahnhofsviertel fängt Wolf in ihren Arbeiten ein.
Sie fügt zum Stadtbild etwas hinzu, um gleichzeitig etwas wegzunehmen. Dabei nutzt sie die Fensterscheibe als Sichtsperre und als Reflexionsfläche. "Mit meiner Arbeit 'Häusergruppe', die nur ein Teil einer ganzen Reihe ist, habe ich eine weiße, halb durchsichtige Farbschicht aus Buttermilch auf die Fensterscheiben des Bankhochhauses gemalt", sagt Wolf. "Durch dieses Hinzufügen habe ich gleichzeitig etwas aus dieser Enge, dieser Fülle weggenommen."
Astrid Kießling, Kuratorin bei der Dresdner Bank seit dem Jahr 2000, hat sich für Martina Wolf entschieden, weil sie deren Arbeiten als "sehr authentisch und ehrlich" empfindet. Die Bank hat die Künstlerin 2004 über das mit rund 20.000 Euro dotierte, einjährige "dynamo.eintracht"-Atelierstipendium ihrer Kulturstiftung Dresden gefördert. Die Serie um "Häusergruppe" und die Videoarbeit "Fahrstuhl" sind in dieser Zeit entstanden. Ein Jahr, das Wolf zum größten Teil, häufig auch an den Wochenenden, in den Hochhäusern der Bank verbracht hat - in dem Aluminiumturm am Jürgen-Ponto-Platz und dem gläsernen Gallileo-Turm an der Gallusanlage.
Astrid Kießling, Kuratorin der Kunstsammlung der Dresdner Bank mit ...   Astrid Kießling, Kuratorin der Kunstsammlung der Dresdner Bank mit ihrem Lieblingswerk, einer Fotografie der Dresdner Bank-Stipendiatin Martina Wolf
Als Stipendiatin steht Wolf für den neu eingeschlagenen Weg der Sammlung. "In der nächsten Zeit will ich die Sammlung durch den gezielten Ankauf von Werken unserer Stipendiaten verjüngen", sagt Kießling. "Es wäre schön, von jedem zumindest eine Arbeit zu haben." Dafür steht ihr erstmals in der Geschichte der Sammlung der Bank ein Ankaufsbudget zur Verfügung, im Schnitt 5000 Euro pro Werk.
Zuvor waren diese Budgets Teil der Investitionen für neue Gebäude. "Das Besondere an der Sammlung ist, dass sie stark mit den verschiedenen Gebäuden der Bank ge- und verwachsen ist", sagt Kießling. "Wir haben zumeist nur dann angekauft, wenn es Um- oder Neubauten gab." Zwar hat die Bank seit den 70er-Jahren Kunst angekauft, doch eher, um das Jürgen-Ponto-Hochhaus repräsentativer zu gestalten.
Martina Wolf   Martina Wolf
"Erst mit der Eröffnung des Vorstandsgebäudes an der Gallusanlage Anfang der 90er kann man von einer Sammlung sprechen", sagt die studierte Kunstwissenschaftlerin, die vor ihrer Dresdner-Bank-Zeit auch als freie Kuratorin gearbeitet hat. Einer der prägenden Köpfe der Sammlung war Bernhard von Löffelholz, der den Kunstbereich in den 90er-Jahren leitete und auch im Vorstand der Jürgen-Ponto-Stiftung und der Kulturstiftung Dresdner saß. Das "dynamo.eintracht"-Programm kam bislang 21 Künstlern zugute, die Jürgen-Ponto-Stiftung hat rund 120 bildende Künstler gefördert.
Die Künstlerin
Vita Martina Wolf spricht von einer "schrägen DDR-Biografie". Die 1967 im sächsischen Wurzen geborene Künstlerin findet spät zu ihrer Passion. Erst nach einem staatlich verordneten Umweg über ein Sonderpädagogikstudium beginnt sie mit 30 ein Kunststudium in Dresden. Nach ihrem Abschluss widmet sie sich stärker ihren Videoprojekten. Durch Stipendien finanziert, geht sie auf Ideensuche in Moskau und den USA. Diesen Herbst kehrt sie als Stipendiatin der Hessischen Kulturstiftung nach Moskau zurück, um ihre erste vertonte Videoarbeit zu realisieren.
Preise Seit 2005 vertritt die Dresdner Galerie Baer die Künstlerin. Im Portfolio der Galerie ist Wolf durch ihren Fokus auf Videoarbeiten die Exotin. Von der Dreierauflage einiger Videoarbeiten, die je 2800 bis 5500 Euro kosten, ist oft nur noch eine Arbeit verfügbar wie beispielsweise von der Sequenz "Treppe" (zu sehen auf www.martinawolf.de). Wolfs eher kleinformatige Fotoarbeiten liegen bei 900 bis 1750 Euro. Baer findet es verfrüht, von einer Preisentwicklung zu sprechen. Doch hat sich zum Beispiel das Video "Fahrstuhl" seit 2005 um 50 Prozent verteuert.
Nicht nur mit ihrer Ankaufspolitik betritt die Kuratorin Neuland. Gerade hat sie in der privaten Kunsthalle Koidl in Berlin-Charlottenburg die Ausstellung "Moves" eröffnet, die erstmals einen Querschnitt der 3000 Werke starken Sammlung außerhalb der Bank zeigt. Martina Wolfs "Häusergruppe" ist eines der handverlesenen 16 Kunstwerke. Sie habe nicht gewagt zu fragen, ob sie mit dabei ist, sagt die Künstlerin in ihrer bestimmten, aber doch bescheidenen Art.

Teil 2: "Videoarbeiten faszinieren mich"

  • Aus der FTD vom 21.06.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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