Douglas Keenan ist unabhängiger Mathematikwissenschaftler und ehemaliger Morgan-Stanley-Händler.
1991 fing ich bei der Investmentbank Morgan Stanley in London als Trader an. Ich handelte mit Anleihen, Derivaten und anderen Wertpapieren. Eines dieser Wertpapiere basierte auf dem Drei-Monats-Libor - dem Zinssatz, zu dem sich Banken für drei Monate Geld leihen können. Morgan Stanley handelt nicht auf dem Interbankenmarkt. Deshalb konnte ich nicht direkt Geld zum Libor leihen oder verleihen. Ich konnte aber Terminkontrakte auf den Drei-Monats-Libor handeln.
Wie solche Terminkontrakte funktionieren, zeigt dieses Beispiel: Angenommen, wir befürchten, dass der Drei-Monats-Libor im September höher steht als heute. Liegt der Zins jetzt bei einem Prozent, können wir mit einem entsprechenden Terminkontrakt diesen Satz festschreiben. Steht er im September dann bei zwei Prozent, können wir dank des Kontrakts trotzdem für ein Prozent Geld leihen. Futures auf den Drei-Monats-Libor wurden und werden an der London International Financial Futures Exchange (Liffe) gehandelt. Für September gab es einen Standardkontrakt. Der Zins wurde am dritten Mittwoch des Monats um elf Uhr festgelegt.
1991 hatte ich an meinem Arbeitsplatz Handelsbildschirme, die mir in Echtzeit die aktuellen Libor-Entwicklungen anzeigten. Im September 1991 schaute ich am dritten Mittwoch um elf Uhr auf diese Bildschirme, um zu sehen, wo der Abrechnungspreis für diesen Terminkontrakt liegen würde. Kurze Zeit später gab Liffe den Abrechnungspreis bekannt. Der entsprach allerdings nicht dem Satz, den ich auf meinem Bildschirm gesehen hatte, sondern wich um ein paar Hundertstelprozent ab.
Ich fühlte mich betrogen und beschwerte mich bei Liffe. Die Börse erklärte mir, der Abrechnungspreis basiere nicht auf den tatsächlichen Marktsätzen. Vielmehr befrage der britische Bankenverband BBA einige Institute zu ihren Interbankzinsen. Die höchsten und die niedrigsten Sätze werden ignoriert, und vom Rest wird ein Durchschnitt gebildet. So ergibt sich der Abrechnungspreis. Liffe erklärte mir, dieses Verfahren entspreche den Konditionen des Terminkontrakts.
Beschwerde bei der Terminbörse
Erfahrenere Kollegen sagten mir, dass Banken den Libor falsch angeben, um davon zu profitieren. Das heißt, Libor-Manipulationen könnten bereits seit mindestens 1991 an der Tagesordnung gewesen sein. Der Unterschied zwischen dem ausgewiesenen und dem tatsächlichen Satz mag klein erscheinen, aber insgesamt ging es um beträchtliche Summen, denn am Libor hängen Kontrakte im Wert von mehreren Hundert Billionen.
Die Person, die 1991 bei Morgan Stanley in London den Zinshandel verantwortete, steht im Mittelpunkt des aktuellen Skandals: Bob Diamond. Ich erinnere mich nicht, mit Diamond über das Falschausweisen des Libor gesprochen zu haben, aber da die Praxis unter den Händlern allgemein bekannt war, gehe ich davon aus, dass auch er davon wusste. (Dies ist jedoch keine Kritik an Herrn Diamond. Was hätte er denn dagegen unternehmen sollen?)
Es gibt zwei Gründe für Banken, den Libor falsch auszuweisen. Der erste: Gewinnsteigerungen. Der zweite: das Verschleiern von Liquiditätsproblemen.
Abfuhr beim Finanzausschuss
Das Falschausweisen des Libor läuft seit Jahrzehnten. Warum wird erst seit Kurzem ermittelt? Dass alle Ermittlungsbehörden jahrzehntelang nichts davon gewusst hatten, erscheint höchst unwahrscheinlich. Ich vermute, dass sie nach der Finanzkrise von 2008 zu dem Schluss kamen, dass sie ihre Pflichten besser erfüllen sollten. Das würde erklären, warum die Ermittlungen offenbar Falschausweisungen aus der Zeit vor 2005 außen vor lassen: Sie wollten die Versäumnisse ihrer früheren Arbeit vertuschen.
Eine der Ermittlungen wird vom Finanzausschuss des britischen Unterhauses geführt. Diesen Ausschuss rief ich am 3. Juli an und sprach mit einem Experten. Ich schilderte ihm den Sachverhalt und sagte, ich sei bereit, diese Aussage unter Eid zu wiederholen. Der Experte schien äußerst interessiert. Mir wurde gesagt, der Libor-Skandal sei Gegenstand einer Besprechung, und dann werde man mich zurückrufen. Da ich nichts mehr hörte, rief ich erneut an und fragte, was Sache ist. Der Experte sagte mir, meine Aussage sei nicht erwünscht, denn sie widerspreche der offiziellen Version.