Ab Wochenmitte werden sich die Blicke auf die USA richten. Hier erhoffen sich die Investoren vom Arbeitsmarktbericht und weiteren Konjunkturindikatoren neue Aufschlüsse über eine mögliche Wachstumsschwäche der amerikanischen Wirtschaft. In Deutschland wird die Frage im Mittelpunkt stehen, wie nachhaltig der jüngste Höhenflug der einheimischen Aktien ist.
Der Dax war am Freitag im Handelsverlauf bis auf 4453,01 Punkte gestiegen, den höchsten Stand seit dem 9. Juli 2002. Im Wochenvergleich legte der Index um 1,9 Prozent auf 4444,71 Punkte zu. Der europäische Stoxx-50 gewann 0,9 Prozent. Aktienstrategen sind aber nur vorsichtig positiv gestimmt: Sie rechnen vorerst nicht mit nachhaltigen Gewinnen. "Wir sind auf kurze Sicht durchaus zuversichtlich", sagt Kai Franke, Stratege bei ING.
Doch die Strategen der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) meinen, die Wahrscheinlichkeit einer leichten Konsolidierung sei kurzfristig höher als ein Anstieg auf 4500 Punkte. Auch Thomas Körfgen, Leiter der Gesamtstrategie bei SEB Invest, rechnet höchstens mit leicht steigenden Kursen: "Wir sind noch in der Seitwärtsbewegung", sagt der Fondsmanager.
Neuwahlen ohne Einfluss
Einig sind sich die Marktbeobachter, dass die Debatte über einen möglichen Regierungswechsel im Bund die Börsen vorerst nicht mehr direkt beeinflussen wird. Die Analysten der Deutschen Bank heben allerdings die politische Unsicherheit vor möglichen Neuwahlen hervor: Ihnen zufolge dürften Investitionen und privater Konsum daher zunächst noch nicht fühlbar ansteigen.
Nach Ansicht der Experten dürften in dieser Woche die US-Konjunkturdaten die Richtung des deutschen Aktienmarkts vorgeben. "Die Trends werden in den USA gemacht," sagte LRP-Stratege Steffen Neumann.
An der Wall Street hat sich die Stimmung in der vergangenen Woche weiter aufgehellt: Der S&P 500 legte 0,1 Prozent zu, der Nasdaq 0,2 Prozent. Die wieder gestiegenen Ölpreise wurden dabei von den Investoren weitgehend ignoriert. "Abgesehen von dem kleinen Ölpreisschock ist die Inflation unter Kontrolle", glaubt David Resler, Chefökonom von Nomura. Auch die Wachstumsraten werden von den meisten Analysten als robust angesehen. "Ich sehe keine ernsthafte konjunkturelle Abkühlung", sagte John Silvia, Chefökonom von Wachovia Securities. "Positiv ist, dass sich das Wachstum nicht nur auf die Konsumenten stützt, sondern auch auf einen Anstieg der Investitionen."
Zu den wichtigsten Konjunkturindikatoren dieser Woche gehört am Dienstag das Verbrauchervertrauen. Analysten rechnen mit einem leichten Rückgang von 97,7 auf 96 Punkte. Nach dem Einkaufsmanager-Index am Mittwoch folgen am Freitag die Arbeitsmarktdaten. Ökonomen erwarten, dass im Mai 180.000 neue Stellen geschaffen wurden; im April waren es noch 274.000 Jobs gewesen.
Euro vor Bewährungsprobe
Am Devisenmarkt steht der Euro am Scheideweg. Seit Wochen verliert die Einheitswährung gegenüber dem US-Dollar an Boden; am Freitag notierte sie wenige Minuten lang sogar unterhalb der 1,25-$-Marke. Allerdings haben zahlreiche wichtige Unterstützungslinien im Bereich zwischen 1,2450 und 1,2490 $ bisher gehalten. "Sollten wir darunter fallen - und das wäre bei einem Nein der Franzosen möglich - könnte dies kurzzeitig Panik bei den Euro-Bullen auflösen", sagt Valentin Hofstätter, Devisenstratege der Raiffeisen Zentralbank.
"Andernfalls jedoch könnte der Euro eine Gegenbewegung bis auf 1,27 $ starten." Mittelfristig prophezeihen die Experten aber ein weiteres Abrutschen der Einheitswährung. "In den USA ist nur von einer möglichen Wachstumsabschwächung die Rede - aber in der Euro-Zone gibt es zurzeit fast überhaupt kein Wachstum", sagt Marcus Hettinger von Credit Suisse.
Bei den Staatsanleihen erwarten die meisten Experten für die kommende Woche eine Seitwärtsbewegung. "Sollte es keine Überraschung bei den US-Arbeitsmarktdaten geben, dürften wir auf diesem hohen Niveau konsolidieren", prognostiziert Marius Gero Daheim, Zinsanalyst der WestLB. Nach der Rekordjagd der letzten Monate werde die Luft langsam dünn - und auch eine mögliche Abschwächung des US-Wachstums sei mittlerweile eingepreist. Am verMittwoch war der Bund-Future mit 122,30 Punkten erneut auf ein historisches Hoch gestiegen. Seit Mitte März hat der Kontrakt fast 500 Stellen hinzugewonnen.
Bond-Bären fürchten blutige Nase
"Technisch sind wir längst überkauft", weiß Daheim, "aber trotzdem ist der Markt gut unterstützt." Dies habe vor allem der Donnerstag gezeigt, als die Anleihekurse kurzfristig unter Druck kamen, sich dann aber nach massiven Zukäufen schnell wieder erholten. "Der Markt tut sich schwer mit einer Korrektur", sagt Ulrich Wortberg, Bondstratege bei Helaba Trust. "Viele Leute, die auf fallende Kurse setzen, haben sich in den vergangenen Wochen schon zu oft eine blutige Nase geholt."
Der Ausgang des französischen Referendums wird Daheim zufolge nur kurzfristig eine Rolle spielen: "Zwar haben sich die Risikoaufschläge für Staatsanleihen innerhalb der Euro-Zone zuletzt ausgeweitet. Doch wenn das Ergebnis einmal fest steht, wird der Markt wieder zur Tagesordnung übergehen - selbst wenn die Franzosen die Verfassung ablehnen."
Anders dürfte die Lage bei den EU-Neumitgliedern aussehen. "Bisher wurde selbstverständlich angenommen, dass diese Staaten spätestens 2009 den Euro einführen", sagt Gregor Eder, Schwellenländer-Experte der Dresdner Bank. "Diese Selbstverständlichkeit gäbe es bei einem französischen Nein wohl nicht mehr - und das könnte höhere Volatilität an den Finanzmärkten dieser Länder zur Folge haben."
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