Unterschiedlicher könnte das Stimmungsbild kaum sein: Obwohl die Aktienmärkte vergangene Woche weltweit kräftige Verluste erlitten haben, halten US-Strategen eine Jahresendrally an der Wall Street weiter für möglich. Die meisten deutschen Aktienstrategen haben diese Hoffnung dagegen aufgegeben und sehen diese Woche wenig Besserung am Horizont.
"Es wird wohl schon eine Art Rally geben", sagt Nicolas Colas, Chefmarktstratege bei der amerikanischen Investmenttechnologiefirma Convergex. "Zwar werden wir sicherlich mehr Unsicherheit in den Märkten sehen als noch vor den Wahlen. Aber US-Aktien sind immer noch ziemlich preiswert." So seien die den Kursen zugrundeliegenden Daten, etwa die Zahlen aus den Geschäftsberichten, ziemlich überzeugend. Analyst Colas rechnet damit, dass sowohl der US-Leitindex Dow Jones als auch der S&P 500 bis zum Jahreswechsel noch einmal zwei bis drei Prozent zulegen werden. Treibende Kraft werde dabei wohl weiter der Finanzsektor sein, der bisher stärkste in diesem Jahr.
Auf Wochensicht verlor der DAX 2,7 Prozent auf 7163 Punkte. Der Eurostoxx 50 schwächte sich um 2,6 Prozent ab. Der Nikkei-Index in Tokio büßte 3,2 Prozent ein und der Börsenindex in Schanghai gab drei Prozent nach.
Mit einer Jahresend-Rally rechnet auch John Praveen, Chefstratege beim US-Versicherer Prudential. Er hält an der Progose von 1480 Punkten für den S&P 500 zum Jahreswechsel fest. Am frühen Freitagabend notierte der Index bei 1385 Punkten. Die Gründe dafür seien vielfältig: "Zunächst einmal denke ich, dass wir schon bald eine Einigung über die anstehenden automatischen Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen - auch 'fiscal cliff' genannt - sehen werden, vielleicht schon Ende dieses Monats oder Anfang Dezember." Allerdings dürften die Märkte gar nicht so lange abwarten, erwartet Praveen. Ihnen reiche es schon, wenn sie ab kommender Woche sehen, dass Gespräche darüber im US-Kongress zielorientiert laufen. Darüber hinaus erwartet Praveen gute Nachrichten aus Europa: Etwa über weitere Hilfen für Griechenland und Spanien. Nicht zuletzt dürfte auch China positive Signale senden, wenn der Machtwechsel an der Spitze der Kommunistischen Partei vollzogen ist.
Die aktuellen Verluste führen Experten unter anderem auf Gewinnmitnahmen zurück. Der Grund: US-Anleger fürchten einen starken Anstieg der Kapitalertragsteuer, sollte der Kongress keine baldige Lösung finden. Der Steuer liegt gegenwärtig bei 15 Prozent. Wie hoch sie 2013 ausfallen könnte, ist bisher noch Spekulation. Die Dividendensteuer etwa droht auf 43 Prozent hochzuschnellen. "Eines ist jedenfalls sicher: Die Kapitalertragsteuer wird niemals mehr so niedrig sein wie jetzt", sagt Colas.
Die Stimmung bei europäischen Aktienstrategen ist hingegen pessimistischer. Die Experten der DZ Bank rechnen bis zum Jahresende mit einer Konsolidierung an den Börsen und auch Eugen Keller, Stratege beim Bankhaus Metzler empfiehlt Gewinnmitnahmen bei Aktieninvestments , um "aufgelaufene Gewinne nicht wieder in Gefahr zu bringen".
Von der Flut anstehender Konjunkturdaten aus der Euro-Zone erwarten sich Analysten kaum positive Impulse. Eine Ausnahme dürfte am Dienstag der deutsche ZEW-Konjunkturindikator sein, für den ein leichter Anstieg erwartet wird. Am Donnerstag werden die ersten Schätzungen für das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal aus Deutschland, Frankreich und Italien vorgelegt. Die Berichtssaison der DAX-Konzerne geht zu Ende. Die beiden Versorger Eon , RWE legen ebenso ihre Ergebnisse vor wie K+S , Infineon , Merck und Henkel .
Dem Euro trauen Strategen derzeit keine nachhaltige Erholung zu, nachdem er vergangene Woche deutlich an Wert verloren hatte und am Freitag zeitweise unter 1,27 Dollar rutschte. "Ein Rückschlag in Richtung von 1,25 Dollar ist nicht unwahrscheinlich", schrieben die Experten der HSH Nordbank in ihrem Ausblick.
Aufwärts ging es nach den US-Wahlen mit US-Staatsanleihen und in deren Sog auch mit Bundesanleihen. Deren Renditen gingen in beiden Fällen kräftig und auf den niedrigsten Stand seit zwei Monaten zurück. Die Rendite zehnjähriger deutscher Papiere fiel am Freitag zeitweise auf 1,31 Prozent, die ihres US-Pendants auf 1,58 Prozent. Bis zum Jahresende erwarten mehrere Experten für Bundesanleihen allerdings wieder einen Renditeanstieg in Richtung 1,60 Prozent.
Gold hat die beste Woche seit Januar hinter sich und verteuerte sich im Wochenvergleich um rund 3,5 Prozent auf zuletzt 1733 Dollar je Feinunze. Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen kletterten die Aktiva, die in börsennotierten Gold-Produkten wie Fonds liegen, am Donnerstag auf ein Rekordniveau von 2596,106 Tonnen. Außerdem beflügelte die Hoffnung auf weitere geldpolitische Lockerungsschritte in den USA und Europa die Nachfrage. Die Edelmetallanalysten sind für Gold so optimistisch wie lange nicht, 25 von 33 befragten Experten erwarten laut der Nachrichtenagentur Bloomberg diese Woche steigende Preise. "Die unglückliche Wahrheit ist, dass der einfachste politische Weg aus dem Haushaltsdefizit darin besteht, es Stück für Stück wegzuinflationieren", schrieb Steven Feldman, Chef beim Analysehaus Gold Bullion International. "Die negativen Zinsen, die Gold so lange angetrieben haben, werden kurzfristig nicht gestoppt."