Eine Serie enttäuschender Konjunkturdaten aus aller Welt hat den europäischen Aktienanlegern am Donnerstag die Stimmung verhagelt. "Investoren sind besorgt, dass die Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise immer weitere Kreise ziehen", sagte Analyst Keith Bowman vom Brokerhaus Hargreaves Lansdown. "Die heutigen Konjunkturdaten scheinen diese Einschätzung zu untermauern." Die dadurch aufkeimende Hoffnung auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik (QE3) durch die US-Notenbank Fed bremse allerdings den Kursabschwung.
Der Konjunkturindex der Notenbank von Philadelphia (Philly Fed) sackte im Juni auf minus 16,6 Punkte von minus 5,8 Zählern im Vormonat. Analysten hatten mit einem Anstieg auf 0,0 Stellen gerechnet. Für Tom Porcelli, Chef-Volkswirt für die USA bei RBC Capital Markets, deuteten die Zahlen auf eine schwache US-Konjunktur im zweiten Halbjahr hin. Damit stiegen die Chancen auf QE3. "Vielleicht schon in nicht allzu ferner Zukunft."
US-Notenbankchef Ben Bernanke hatte am Vorabend zwar auf die Ankündigung von QE3 verzichtet, sich aber eine Tür offengelassen. "Wir würden sicherlich auch weitere Staatsanleihenkäufe in Erwägung ziehen, wenn die Wirtschaft einer weiteren Stärkung bedarf." Bernanke will zunächst nur die "Operation Twist" verlängern, bei der die Fed Anleihen mit kürzerer Laufzeit in länger laufende Papiere umschichtet. Dafür will sie 267 Mrd. Dollar in die Hand nehmen.
In China sind die Konjunkturaussichten auch nicht rosig: Der dortige Einkaufsmanagerindex fiel im Juni auf ein Sieben-Monats-Tief. Das entsprechende Stimmungsbarometer für die Euro-Zoneverharrte unterdessen auf dem niedrigsten Niveau seit drei Jahren.
DAX und EuroStoxx50 verloren 0,8 Prozent auf 6343,13 Punkte beziehungsweise 0,2 Prozent auf 2202,49 Punkte. Auch der Euro ging in den Keller. Er kostete mit 1,2573 Dollar fast 1,5 US-Cent weniger als zum New Yorker Vortagesschluss. Dabei litt die Gemeinschaftswährung Aktienhändlern zufolge unter Dollar-Käufen derjenigen Anleger, die auf die Ankündigung von QE3 gewettet hatten. Einige der Investoren, die ihr Geld aus dem Aktienmarkt abzogen, steckten es in den "sicheren Hafen" Bundesanleihen. Der Bund-Future legte 96 Ticks auf 141,45 Punkte zu.
Vor dem Hintergrund des enttäuschenden Philly Fed verpuffte auch die Erleichterung über die erfolgreiche Emission spanischer Staatsanleihen. Der europäische Bankenindex drehte ins Minus und schloss 0,4 Prozent tiefer, ebenso der Leitindex von Madrid, der 0,3 Prozent verlor.
Spanien verkaufte am Vormittag Anleihen im Volumen von 2,2 Mrd. Euro. Das Interesse war so hoch, dass das Land die dreifache Menge hätte absetzen können. Allerdings lagen die Zinsen teilweise so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr. "Unter den gegebenen Voraussetzungen war dies eine erfolgreiche Emission", sagte Analyst Sebastian von Koss von HSBC Trinkaus . "Spanien hat etwas mehr abgesetzt als geplant und auch die Überzeichnungsquote war recht hoch, obwohl die Renditen in den vergangenen Tagen deutlich nachgegeben haben." Vor diesem Hintergrund fielen die Renditen der bereits gehandelten, richtungsweisenden zehnjährigen Titel weiter auf 6,625 Prozent. Anfang der Woche hatten sie noch mehr als einen halben Prozentpunkt höher gelegen.
Gegen den Trend stiegen Papiere von Air France um 5,5 Prozent. Die Fluggesellschaft will mehr als 5000 Stellen streichen, um aus den roten Zahlen zu kommen. Erzrivale Lufthansa verbuchte ein Kursplus von 0,8 Prozent.
Groß in Mode waren auch die Titel von Tom Tailor im Kleinwerte-Index SDAX. Sie gewannen 4,3 Prozent, nachdem der Modekonzern am Vorabend angekündigt hatte, die Marke Bonita für 220 Mio. Euro zu kaufen. "Das ist ein ziemlich großer Kauf für Tom Tailor", sagte ein Händler. "Angesichts der besseren Profitabilität von Bonita scheint der Preis aber nicht zu hoch zu sein."