Mehr als 260 Prozent Kursgewinn in einem halben Jahr. Das ist die eindrucksvolle Performance von Travel24. Gut zwei Jahre nach der Übernahme durch den Leipziger Portalbetreiber Unister hat sich der bis dahin chronisch defizitäre Internetreiseanbieter zum Überflieger entwickelt. Auch mit einer Neuemission konnten Anleger im bisher wechselvollen Börsenjahr 2012 viel Geld verdienen. Kostete die Aktie von Weng Fine Art bei der Erstnotiz Anfang Januar 16 Euro, müssen Anleger für den Kunsthändler inzwischen gut 56 Euro hinlegen. Als Geldvernichtungsmaschinen erwiesen sich einmal mehr die Solarwerte. Aktien von Centrotherm Photovoltaics, Payom Solar und Q-Cells verloren drei Viertel an Wert. Keine Werbung für Börsenneulinge war Amalphi. Knapp acht Monate nach dem Gang aufs Parkett schockiert der IT-Serviceprovider Ende März mit einem Verlust und stellt auch noch das Geschäftsmodell teilweise infrage.
Allen Turbulenzen zum Trotz war auch in den ersten sechs Monaten 2012 die Anlage in Nebenwerte wieder lohnend. Um gut acht Prozent hat der SDAX bis zur Jahresmitte zugelegt. Alle fünf Outperformer im Small-Cap-Index hat Börse Online bereits frühzeitig empfohlen. Pflanzenzüchter KWS Saat haben wir am 19. Oktober 2011 als ersten Titel ins Nebenwerte-Depot aufgenommen. Werkzeugmaschinenbauer Schuler, der gerade vom österreichischen Wettbewerber Andritz übernommen wird, und die Zeitarbeitsfirma Amadeus Fire wurden in Heft 04/12 vorgestellt, Marktforscher GfK in Heft 07/12 und Wohnimmobilienspezialist Patrizia Immobilien in Heft 09/12. Nun präsentiert Börse Online ihre Favoriten für die zweite Jahreshälfte.
Ganz oben auf der Liste steht i:FAO. Der Softwarespezialist für Geschäftsreisen glänzt mit überragenden Kennzahlen. Völlig ohne Bankschulden erzielte das Unternehmen im vergangenen Jahr einen Umsatz von gut 12 Mio. Euro und ist damit in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich gewachsen. Vor Zinsen und Steuern (Ebit) blieben fast 3,5 Mio. Euro übrig. Das ergibt eine weit überdurchschnittliche Umsatzrendite (Ebit-Marge) von 28,3 Prozent. Der hohe Cashflow von rund 3,6 Mio. Euro - das entspricht 30 Prozent des Umsatzes - bietet genügend Mittel, um künftige Entwicklungen zu finanzieren und weiter zu expandieren. Die steigende Zahl von Reiseanbietern sorgt dafür, dass die Buchungsmöglichkeiten bei jeder Geschäftsreise zunehmen. Mit der online verfügbaren Software schaffen die Frankfurter einen vollständigen Überblick über alle Möglichkeiten und suchen automatisch die günstigste heraus. So können die Kunden Reisekosten sparen. Die Software ist quasi kostenlos. Erst bei erfolgter Buchung kassiert i:FAO.
Im ersten Quartal 2012 ist i:FAO moderat gewachsen. Auch wenn der Vorstand und die Analysten von steigenden Umsätzen und Gewinnen ausgehen, bleibt angesichts der unsicheren konjunkturellen Lage Vorsicht geboten. Börse Online rechnet mit leicht sinkenden Ergebnissen, weil das Unternehmen wohl mehr für Marketing und Vertrieb ausgeben muss. Dennoch ist die i:FAO-Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 13,2 und einer Dividendenrendite von 7,2 Prozent günstig bewertet. Wenn sich die konjunkturelle Lage wieder aufhellt, ist bei i:FAO eine Kursverdopplung ohne Weiteres möglich.
Derzeit leidet auch die Notiz von Baumaschinenhersteller Wacker Neuson unter dem Konjunkturpessimismus - obwohl die Auftragseingänge in der Bauindustrie nicht nur hierzulande kräftig zulegen. Das Wachstum der Münchner ist denn auch ungebrochen. Die Bewertung mit einem Börsenwert deutlich unter dem Buchwert, einem KGV von gerade einmal 7,4 und einer attraktiven Dividendenrendite von 4,8 Prozent ist eine Einladung zum Kauf. Das Kursziel für die Wacker-Neuson-Aktie von Frank Laser, Analyst bei Warburg Research, ist 14,50 Euro.
Börse-Online-Dauerfavorit KWS ist deutlich weniger abhängig von weltwirtschaftlichen Abschwächungen. Er profitiert vom Megatrend der steigenden Nachfrage nach hochwertigen Lebensmitteln und umweltfreundlicher Energie. Im gerade beendeten Geschäftsjahr 2011/12 (30. Juni) hat KWS ein Rekordergebnis eingefahren. Auch wenn das - aufgrund von Sonderfaktoren - nur schwer zu wiederholen ist, ist die Aktie mit einem KGV von 13,7 im historischen Vergleich günstig bewertet. Die Ebit-Marge ist mit 13,6 Prozent deutlich niedriger als bei i:FAO.
Doch KWS ist eine Substanzperle, die das Kurs-Buchwert-Verhältnis von 2,8 nicht widerspiegelt. Das größte Vermögen der Saatzüchter steckt in der riesigen Gendatenbank, die über die vergangenen mehr als 100 Jahren zusammengetragen wurde und in Abertausenden von Pflanzen und Saatproben umhegt wird. Bisher haben sich die Niedersachsen auf die Pflanzenzucht in den gemäßigten Klimazonen beschränkt. Mit der Akquisition von drei brasilianischen Unternehmen expandiert KWS nun auch in die Tropen. Die Kursziele der Analysten liegen zwar nicht sehr weit von den aktuellen Notierungen, doch ist KWS eine extrem sichere Anlage in einem aktuell äußerst schwierigen Börsenumfeld.
Acht Jahre in Folge hat Amadeus Fire die Gewinne und die Dividende gesteigert. Triebfeder des Wachstums ist der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitnehmern in Deutschland. Das Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV) von weniger als 8 zeigt: Im Dienstleistungsgeschäft ist Wachstum auch ohne hohe Investitionen möglich. Daher hat das Unternehmen für das vergangene Jahr auch den gesamten Gewinn von 2,84 Euro je Aktie ausgeschüttet. Nach einem guten Start in das neue Geschäftsjahr erwarten wir weiter steigende Ergebnisse. Auf eine Vollausschüttung wollen wir jetzt noch nicht setzen. Aber auch mit einer Dividende von 2,50 Euro je Aktie hat Amadeus eine Dividendenrendite von acht Prozent. Das ist doppelt so hoch wie der Durchschnitt in Deutschland. Der Wertzuwachs der Aktie um ein Drittel auf 35,39 Euro sollte noch nicht das Ende sein. Die Aktie hat mindestens ein weiteres Drittel Kurspotenzial.
Zwei heiße Spekulationen sind SAF-Holland und Youniq. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 hat den Spezialisten für Lkw- und Anhängerkomponenten SAF an den Rand des Ruins getrieben. 2011 schafften die Bessenbacher dann den Turnaround. Der Start ins laufende Geschäftsjahr gelang besser als vom Vorstand erwartet. Der Umsatz legte um sieben Prozent auf 217 Mio. Euro und das bereinigte Ebit um ein Prozent auf 14 Mio. Euro zu. Dennoch zeigten die Analysten sich eher enttäuscht. Einige befürchten, dass bei einer globalen Konjunkturabschwächung wieder Gewinneinbrüche drohen. Nur so ist die extrem niedrige Bewertung mit einem KGV von unter 5 zu erklären. Risikobewusste Anleger greifen jetzt zu. Tim Schuldt, SAF-Kenner bei der Equinet Bank, setzt auf eine Verdopplung - sein Zielkurs sind 9 Euro.
André Hüsemann von SRC Research empfiehlt Youniq: Das Abwärtspotenzial sieht er inzwischen als eng begrenzt an. Denn in diesem Jahr sollte der Turnaround gelingen. 2011 hat Youniq - hauptsächlich durch die Abwertung des zum Verkauf stehenden Wohnungsbestands in Leipzig und Nürnberg - 21 Mio. Euro Verlust gemacht. Nun konzentriert sich das Unternehmen ausschließlich auf Studentenapartments. Das sollte schon im kommenden Jahr einen Gewinn von knapp 10 Mio. Euro bringen.
Auch in der zweiten Jahreshälfte bleibt es spannend. Erfolgreiche Turnaround-Firmen werden vermutlich zu den Topgewinnern zählen. Sie dürften allerdings auch die Nerven ihrer Anleger strapazieren. Amadeus und KWS sollten den Markt outperformen, die Aktionäre dabei aber deutlich ruhiger schlafen lassen. Und das ist doch auch was wert.