Kenneth Rogoff, Professor für Ökonomie an der Harvard Universität
Der penetrante Verweis auf die Geschichte kommt in den Wirtschaftswissenschaften einer (Konter-)Revolution gleich. "Die Erforschung der Wirtschaftsgeschichte ist marginalisiert worden", sagt Rogoff. Seit die Zunft vom Glauben an rationales Verhalten gepackt wurde, setzten die Ökonomen auf abstrakte Modelle mit der Annahme, dass wirtschaftliche Prozesse immer ähnlichen Prinzipien folgen.
Die Idee Nach Rogoffs Diagnose hat dieses Vorgehen nicht die Krise erkennen geholfen, auch lasse sich nicht die Annahme halten, dass sich Finanzmärkte über das Auf und Ab von Preisen vernünftig selbst regulieren. Das Problem sei, dass sich die Wirtschaft nur dann in Modelle passen lasse, wenn die Menschen stets ähnlich reagieren. In einer Finanzkrise komme es aber zu ungewöhnlichen Ereignissen und überproportionalen Reaktionen. "Selbst mit einem Modell, das in Normalzeiten perfekt funktioniert, lässt sich da wenig erklären." Dann gibt es zu wenige Vergleichswerte, um systematische Formeln abzuleiten.
Für Rogoff liegt ein Ausweg im historischen Vergleich. Zusammen mit Carmen Reinhart von der Universität Maryland fing der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds schon vor rund acht Jahren an, Daten zu sammeln - und stellte fest, dass Finanzkrisen eine große Konstante sind. Seit 1800 gab es weltweit 70 Krisen, die dem Ausufern von Inlandsschulden folgten - und mehr als 250 Auslandsschuldenkrisen.
Rogoff und Reinhardt fanden heraus, dass es ein paar unzweideutige Phänomene gibt, die vor fast jeder Finanzkrise auftreten und als Warnsignal meist übersehen werden: eine Welle an Finanzmarktliberalisierungen, hohe Kapitalzuflüsse, eine hohe private Verschuldung, ein starker Anstieg von Immobilienpreisen und eine abflauende Konjunktur - wie in den USA 2007/08. Die Ökonomen berechneten auch, dass dann lange Rezessionen folgten und sich die Staatsschulden im Schnitt anschließend fast verdoppelten.