Die Freude der Anleger am Staatsanleihemarkt über die neuesten Antikrisenmaßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) wirkte nur kurz: Nachdem die Renditen vor allem spanischer und italienischer Staatsanleihen am Montag noch zu Handelsbeginn deutlich nachgegeben und Entspannung signalisiert hatten, zogen sie bis zum Abend wieder an. Im Gegenzug fielen die Renditen deutscher Anleihen, die in der Krise als "sicherer Anlagehafen" gefragt sind und zunächst spiegelbildlich zu ihren Pendants in Südeuropa gestiegen waren.
Die EZB bestätigte am Montag indirekt, dass sie erwägt, stärker und anders als bisher am Anleihemarkt einzugreifen, um den größten Sorgenkindern Spanien und Italien die Aufnahme neuer Schulden zu erleichtern. Einen Bericht des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", nach dem sie erwägt, für Käufe von Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder künftig Zinsschwellen festzulegen, nannte ein EZB-Sprecher zwar irreführend und verfrüht - aber nicht falsch. Demnach würde die EZB Staatspapiere von Krisenländern immer dann kaufen, wenn deren Renditen einen bestimmten Wert - im Vergleich zu denen für Bundesanleihen - überschreiten.
Die Kurse spanischer Staatsanleihen waren im frühen Handel zunächst deutlich geklettert, ihre Renditen fielen im Gegenzug stark. Später am Tag drehte sich der Trend um. Am Abend rentierten zehnjährige spanische Papiere mit 6,28 Prozent dann nur noch um 0,16 Prozentpunkt niedriger als am Freitag. Bei zweijährigen Titeln rutschte die Rendite in der Spitze auf 3,36 Prozent, am Abend lag sie aber wieder bei 3,59 Prozent. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, die zeitweise auf 1,58 Prozent gestiegen war, notierte am Abend mit 1,50 Prozent wieder wie am Freitag.
Womöglich setzte sich bei den Marktteilnehmern im Handelsverlauf die Erkenntnis durch, dass es für die EZB schwer werden könnte, Anleihekäufe zum Verteidigen von Zinsobergrenzen gegen den Widerstand der Bundesbank durchzusetzen. Kaum etwas fürchten die deutschen Währungshüter mehr als das abermalige Ausdehnen des Mandats der EZB, das doch eigentlich nur im Einhalten eines Inflationsziels besteht. Hinzu kommt das Problem, festzulegen, welcher Renditeabstand für welches Land der richtige ist. Viele Experten halten es daher für unwahrscheinlich, dass die Schwellen tatsächlich kommen.
Die Bundesregierung jedenfalls kritisierte ein solches Instrument als "sehr problematisch" - und löste damit eine ungewöhnlich harsche Replik der EZB aus, die um ihre Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme kämpft. "Was die jüngsten Äußerungen von Regierungsvertretern betrifft, so ist es falsch über die Form künftiger EZB-Interventionen zu spekulieren", sagte ein Sprecher. Die Bundesbank wiederum machte in ihrem Monatsbericht einmal mehr deutlich, dass sie gegen Anleihekäufe ist und diese mit erheblichen stabilitätspolitischen Risiken verbunden seien.
Weniger Angst vor Eingriffen der EZB am Markt als seine Landsleute hat ihr Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen. Der Deutsche verteidigte den Kurs von EZB-Chef Mario Draghi und sagte der "Frankfurter Rundschau", das neue Programm zum Ankauf von Anleihen sei vereinbar mit dem Auftrag der Zentralbank. Nur eine Währung, an deren Fortbestehen kein Zweifel bestehe, könne stabil sein.