An den Märkten ist die Nervosität in den vergangenen Wochen merklich gestiegen. So verlor der DAX angesichts der eingetrübten Wirtschaftsaussichten zuletzt deutlich an Wert. Zudem mehren sich die Stimmen, dass dem deutschen Standardwerteindex bis zum Jahresende die Luft ausgehen könnte. Noch ergibt sich für den DAX im laufenden Jahr ein positives Bild: Per saldo erzielte das wichtigste deutsche Börsenbarometer ein Plus von respektablen 20 Prozent. Doch bilden die drohende Rezession und die nach wie vor ungelöste Schuldenkrise im Euro-Raum den Nährboden dafür, dass Aktieninvestoren zunehmend vorsichtiger werden.
Fallende Kurse führen in der Regel dazu, dass die Marktteilnehmer für die kommenden Tage eine höhere Schwankungsbreite am Aktienmarkt erwarten - im Fachjargon ist dann von einer steigenden impliziten Volatilität die Rede. Die lässt sich mit sogenannten Volatilitätsindizes messen. Der von der Deutschen Börse berechnete VDAX-New etwa ermittelt die erwartete Schwankungsbreite für den DAX über die nächsten 30 Tage. Zurzeit notiert der VDAX mit 21 Punkten immer noch relativ niedrig. Zum Vergleich: Anfang Juni dieses Jahres stand der Volatilitätsindex schon bei mehr als 33 Punkten. Der VDAX-New wird auch als "Angstbarometer" bezeichnet. Denn sollte der DAX in unruhigeres Fahrwasser geraten und die deutschen Bluechips sich auf Talfahrt begeben, dürfte der VDAX noch weit deutlicher nach oben ausschlagen.
Anleger, die davon ausgehen, dass aus der momentanen Börsenbrise ein Sturm wird, können mit verschiedenen Anlageprodukten auf eine steigende Volatilität setzen. Zum Beispiel mit börsennotierten Indexfonds (Exchange-Traded Funds, ETFs) und ETNs (Exchange-Traded Notes) oder auch mit Indexzertifikaten, die sich auf einen Volatilitätsindex beziehen. Steigt diese an, legt gleichzeitig auch der Wert des Finanzprodukts zu. Alle drei Produkttypen bilden den Index nahezu eins zu eins ab. Rechtlich gesehen handelt es sich bei ETFs um ein Sondervermögen, das im Insolvenzfall des Emittenten geschützt ist. Im Gegensatz zu ETNs und Zertifikaten, die als Schuldverschreibungen dem Emittentenrisiko unterliegen und somit riskanter sind.
Während es für den deutschen VDAX-New noch keine Produkte gibt, sind für den amerikanischen S&P 500 und den europäischen Euro Stoxx 50 entsprechende Volatilitätspapiere am Markt. So offeriert beispielsweise die ETF-Tochter der französischen Großbank Société Générale , Lyxor, einen Indexfonds auf den S&P 500 VIX, der die Volatilität des amerikanischen Bluechip-Index misst. Das Prinzip: Steigt die Volatilität der in dem US-Leitindex enthaltenen 500 amerikanischen Aktien, erhöht sich der Wert des ETFs. Auch Goldman Sachs bietet ein entsprechendes Partizipationszertifikat auf den VIX an.
Anleger nutzen die derzeit vergleichsweise noch geringe Schwankungsbreite an den Aktienmärkten und decken sich mit solchen Produkten ein. So wurden an der Börse Stuttgart im September ETFs und ETNs auf den VIX und den VStoxx 683-mal gehandelt. Im Vergleich zum Vorjahresmonat stiegen die Orderzahlen damit um mehr als das Siebenfache. "Viele Privatanleger setzen verstärkt über ETFs auf das alternative Investment Volatilität", sagt Michael Görgens, Leiter des Fonds- und Anleihehandels an der Börse Stuttgart.
Für Börsianer, die von künftig stärkeren Schwankungen des europäischen Aktienmarkts ausgehen, könnte ein ETN der Commerzbank interessant sein, der auf den eigens berechneten VStoxxF Daily Long Index setzt. Der Index bildet die tägliche prozentuale Veränderung eines VStoxx-Future-Kontrakts eins zu eins nach. Investoren, die bereit sind, höhere Risiken einzugehen, können mit Kaufoptionsscheinen, sogenannten Calls, von Société Générale auf VStoxx Mini Futures spekulieren. Diese Papiere profitieren überproportional von einem Anstieg der Volatilität im Euro Stoxx 50. Erfüllt sich die Markterwartung der Anleger jedoch nicht, fahren Investoren mit diesen Produkten überproportionale Verluste ein.
Börsenhändler Görgens verweist darauf, dass bei den Investments auch der Absicherungsgedanke eine wichtige Rolle spielt. Geht es mit den Aktienkursen in den Keller, können Papiere, die auf eine steigende Volatilität setzen, als Portfoliobeimischung zumindest Schadensbegrenzung betreiben. Gerade in Marktkrisen wie etwa die ungelösten Schuldenprobleme in der Euro-Zone lässt sich das Depot durch Positionen in Volatilität stabilisieren. Durch die relativ neuen Finanzinstrumente wie Zertifikate, ETFs und ETNs ist es Privatanlegern in den vergangenen Jahren möglich geworden, Volatilität als Anlageklasse zu handeln. Dies war früher vorwiegend institutionellen Investoren vorbehalten.