Das globale Finanzsystem steht täglich auf der Kippe. Am Montag brach die Wall Street mit über 500 Punkten so stark ein wie seit den Terroranschlägen vor sieben Jahren nicht mehr. Mittwoch folgte ein Kursrutsch um 450 Zähler.
Sie habe trotz der Marktturbulenzen nicht mehr Patienten als sonst, erzählt die Krankenschwester der hauseigenen Krankenstation der New York Stock Exchange im neunten Stock. Ganz im Gegenteil, sie habe das Gefühl, dass die Trader derzeit die Zähne zusammenbeißen. Keiner von ihnen hätte jetzt Zeit, krank zu werden. In dieser wilden Phase hätten sie nur Zeit für ihr Portfolio.
Joy, der Manager vom Café gegenüber der Börse, klagt darüber, dass die Leute jetzt ihren Kaffee selbst kochen. Das ist im Big Apple absolut unüblich. Jeder kauft sich seinen Koffeinschub an der Ecke und nimmt den Pappbecher dann mit ins Büro. Doch es sind keine normalen Zeiten.
Klar müsse er mehr aufs Geld achten, erzählt ein Kunde in einem der vielen Sandwichshops im Finanzdistrikt. Er kaufe jetzt häufiger mal eine Suppe zum Lunch. Die Geschäfte der Broker und Banker laufen alles andere als gut. Das spüren auch die Schuhputzer, die am Broadway Ecke Wall Street auf Kunden warten. Lanny hat an guten Tagen 100 $ verdient. Jetzt sind es nur noch etwa 60 $ pro Tag. Neulich hat ein Kunde angefangen zu weinen - während ihm Lanny die Schuhe poliert hat. Wie sich herausstellte, wurde er gerade von Bear Stearns vor die Tür gesetzt. Der neue Eigner
JP Morgan brauchte ihn einfach nicht mehr.
Sein Geschäft sei in den letzten Wochen um 25 Prozent eingebrochen, erzählt Joel, der als Bartender bei Suspenders neben der Trinity Church arbeitet. Der Hangout für Händler, die ähnlich wie die Chefs der Wall-Street-Banken eine Vorliebe für Suspenders oder Hosenträger hegen, war zur Happy Hour kurz nach Handelsschluss immer brechend voll. Doch jetzt achtet jeder mehr aufs Geld.
Nur am Montag, als die Banker den Kollaps von Lehman und die Notübernahme von Merrill verdauen mussten, wurde ein Bier nach dem anderen bei Joel bestellt. Es war ein reines Frusttrinken, sagt der Bartender. Selbst für ihn war dieser jähe Umsatzanstieg kein Grund zur Freude.