Das Essen wird von den umliegenden Cafés bis kurz vor die Pforte der NYSE geliefert. An den Checkpoints der Security-Guards ist Schluss. Da müssen die Lieferanten auf die Trader warten. Früher gab es noch den Luncheon Club mit ausgestopftem Bisonkopf und Zigarrenverkäufer. Doch mit der Sparwelle ist auch diese Tradition verschwunden.
In den Handelsräumen außerhalb der Börse sieht das Mittagsritual nicht viel anders aus. Time Is Cash. Doch in diesen Tagen zieht es in der Mittagszeit ungewöhnlich viele Börsenprofis nach draußen. "Meine Kollegen sind in den vergangenen Tagen in der Lunchbreak zu ihrer Bank gegangen, um ihre Einlagen umzuschichten", erzählt der Händler einer großen New Yorker Investmentbank.
Vor einer Woche ging mit Indymac der zweitgrößte unabhängige Hypothekenfinanzierer Konkurs. Seitdem werden täglich Bilder der Kunden gezeigt, die in langen Schlangen die Filialen belagern. Die Verbaucherseiten der US-Zeitungen beschäftigen sich fast ausschließlich mit dem Thema: Wie sicher ist Ihr Geld?
Nachdem die "Washington Post" fast eine komplette Ausgabe mit dem Zustand der US-Konjunktur und Vergleichen zu 1929 gefüllt hat, werden erste Stimmen laut: Das sei der beste Kontraindikator, dass der Boden erreicht ist. Was sagen New Yorks Banker? Nun, sie gehen mittags zur Bank, um sicherzustellen, dass sie nicht mehr als 100.000 $ bei einem Institut angelegt haben. Bis zu dieser Grenze sind die Einlagen in den USA abgesichert.
Das Vertrauen in den Finanzmarkt hat historische Tiefpunkte erreicht. Im zweiten Quartal gab es an der Wall Street nicht einen einzigen Börsengang, der von einer Venture-Capital-Firma finanziert wurde. Das war zuletzt vor 30 Jahren der Fall. Ohnehin ist die Zahl der Börsengänge gegenüber dem Vorjahreszeitraum um fast 73 Prozent zurückgegangen.
Auf die Frage, was er mit seiner Mittagszeit anfängt, während die Kollegen ihre Konten umschichten, lautete die Antwort des Händlers, er habe auch Geld abgehoben. Zuversicht unter Profis klingt anders.