"Und als die Hungersnot über das ganze Land gekommen war, öffnete Josef alle Speicher und verkaufte den Ägyptern Getreide." Die Missernte amerikanischer Maisbauern, die den Weltpreis schmerzlich in die Höhe jagt, verleiht dem Bibelbericht neue Aktualität. In wenigen Wochen wird der Rekordpreis in Entwicklungsländern Mahlzeiten schrumpfen lassen. Wo also ist die globale Getreidebank, die wohldosiert Körner auf den Markt wirft - und den Preisen für die Armen die Spitze nimmt?
So verlockend die Gleichung scheint, so unrealistisch ist sie. Dabei waren weltweit leere Getreidesilos ein Grund für die Welternährungskrise 2007/08. Seither haben private und staatliche Puffer in Maßen zugenommen. Aber um einen Ausfall von 100 Millionen Tonnen US-Mais zentral abzufedern, bräuchte es gigantische Vorsorge. Die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) haben in ihrem Aktionsplan gegen Preisausschläge kaum Tinte darauf verschwendet: Wer finanziert, pflegt und gibt wann zu welchen Konditionen Mengen frei? Zu komplex, zu interventionistisch und zu teuer wäre ein solches Regime.
Eine globale Getreidereserve gegen Marktversagen würde jährlich rund 15 Mrd. Dollar kosten, schätzt der britische Agrarökonom Steve Wiggins. "Das könnte eine beruhigende Versicherungsprämie gegen Hungerrevolten sein", es flössen ja auch Milliarden in die Euro-Rettung, meint der Berater des Entwicklungsinstituts ODI. Und winkt doch im selben Moment entschieden ab: Schon Staaten kämpften bei Lagerhaltung mit Korruption und Intransparenz. "Auf vergleichbare große Gesten der internationalen Gemeinschaft hat die Welt heute wenig Appetit."
Alarmglocken läuten derweil in importabhängigen Regionen wie Nord- und Westafrika. Auslöser ist eine gängige Faustregel: Sobald der sogenannte globale Endbestand von Mais nicht mindestens 15 Prozent über dem Jahresverbrauch liegt, gerät der Markt aus den Fugen. Eine Preiskrise sehen Weltbank und der Währungsfonds IWF noch nicht. Aber es wird "wegen niedriger Lagerbestände" vor "fortgesetzter Volatilität" gewarnt. In Haiti brachen 2008 Revolten aus. In Afrika und Asien wurde die Explosion meist durch staatliche Subventionen verhindert - und weil 35 Länder "strategische Speicher" öffneten, um Druck aus dem Markt zu nehmen.
Analysten bisheriger Preiskrisen, darunter Shenggen Fan vom Institut IFPRI in Washington, raten Hungerkandidaten daher zum Horten, um Elendswellen in prekären Lagen abzuwehren - aber national und regional. "Es ist zu teuer, auf den Preis einzuwirken, daher sollten strategische Getreidereserven zur Hilfe für die Armen angelegt werden", so Fan. Äthiopien oder Malawi haben ihre Silos schon ausgebaut. Der asiatische Staatenbund Asean habe mit regionalen Reisreserven gute Erfahrungen gemacht, meinen Nichtregierungsorganisationen.
Nun ist Afrika nicht der ideale Ort für kühle, trockene Speicher. Aber die G20 unterstützen zumindest ein Experiment. Die Staatengruppe Ecowas in Westafrika - auf dem Kontinent am besten integriert und häufig von Dürre geplagt - bot sich an für ein Pilotprojekt. 2008 konnten diese Länder nicht mehr zu vertretbaren Konditionen importieren. Nun tüfteln 17 Länder an einem Plan für vier regionale Getreidebanken: In Ghana, Mali, dem Senegal und Burkina Faso könnten zunächst 200.000 Tonnen Mais, Reis und Hirse vorgehalten werden - teils virtuell, als Einkaufsrechte, so eine vom Uno-Ernährungsprogramm WFP erstellte Blaupause.
Ecowas will das Projekt mit Startkosten von 45 Mio. Dollar in Eigenregie zur Reife bringen. Doch wäre energischere Hilfe der G20 durchaus angebracht, raten Experten. Denn noch kabbeln sich die Länder untereinander, wie ein zentrales Gremium angefragte Krisenkontingente für Schulspeisungen oder Sozialprogramme solidarisch zuteilen würde. "Das ist zwar keine Weltgetreidebank", sagt WFP-Vertreter Ralf Südhoff. "Aber auch eine regionale Reserve erfordert ein hohes Maß an Kooperation."