Exklusiv
Brasilien ist einer der größten Rohstoffproduzenten der Welt. Für den jüngsten Crash an den Märkten macht das Land die USA und Europa verantwortlich - und schimpft auf die Geldschwemme der Notenbanken. von Dennis Kremer, São Paolo
Der große Rohstoffproduzent Brasilien macht die Geldpolitik in den USA und Europa explizit für den jüngsten Crash an den internationalen Rohstoffmärkten verantwortlich. "Schuld daran sind vor allem die entwickelten Länder, weil sie die Märkte mit Liquidität überschwemmt haben", sagte Finanzminister Guido Mantega in einem Interview mit der brasilianischen Tageszeitung "Folha de São Paulo", an dem auch die FTD teilnahm. Die expansive Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank (EZB) habe zu den Übertreibungen an den Märkten beigetragen - woraufhin die Blase nun geplatzt sei.
Klare Kante: Guido Mantega hält nicht viel von diplomatischen Verklausulierungen
Brasilien zählt als einer der größten Rohstoffproduzenten der Welt eigentlich zu den Profiteuren des Preisbooms. Die Wirtschaft des südamerikanischen Landes ist im vergangenen Jahr um 7,5 Prozent gewachsen - so stark wie seit 24 Jahren nicht mehr. Inzwischen allerdings fürchtet die Regierung um Präsidentin Dilma Rousseff zunehmend eine Überhitzung: Ende April lag die jährliche Inflationsrate bei 6,51 Prozent - und notierte damit erstmals seit 2005 über der von Regierung und Notenbank tolerierten Höchstgrenze von 6,5 Prozent. Das sorgt für Verunsicherung in einem Land, in dem die bislang letzte Hyperinflation gerade einmal 15 Jahre zurückliegt.
"Die Fed und die EZB überschwemmen den Markt mit Dollar und Euro", sagte Mantega. Das Kapital sei aus Mangel an Anlagemöglichkeiten in die Rohstoffmärkte gewandert, deswegen seien beispielsweise die Preise für Rohöl in die Höhe geschossen. "Zuletzt hat der Markt nur auf ein Signal gewartet, um die Blase platzen zu lassen und Gewinne mitzunehmen. Ich glaube, dass der Tod Osama Bin Ladens ein solches Signal gewesen ist." Die Tötung des Al-Kaida-Chefs hatte an den Rohstoffmärkten für erhebliche Unruhe gesorgt und beispielsweise beim Ölpreis ein wildes Auf und Ab hervorgerufen. Zudem hatten Konjunktursorgen in den USA und ein drastischer Einbruch beim Silberpreis manche Investoren in Panik versetzt.
Es ist nicht das erste Mal, dass Mantega die Geldpolitik der USA mit deutlichen Worten verurteilt. Bereits im Herbst 2010 hatte er den niedrigen US-Leitzins und den Aufkauf von Staatsanleihen durch die amerikanische Notenbank aufs Schärfste kritisiert und von einem Währungskrieg gesprochen. Die brasilianische Landeswährung Real wertet seit einiger Zeit deutlich gegenüber dem Dollar auf, was brasilianische Exporte verteuert - in Kombination mit einer höheren Inflationsrate eine Gefahr für die aufstrebende Wirtschaftsmacht Brasilien.
Trotz des Anstiegs der Preise gab sich Mantega optimistisch, die Teuerung in den Griff zu bekommen, ohne das brasilianische Wirtschaftswachstum zu stark zu bremsen. "Wir befinden uns am Wendepunkt: Weiter steigen wird die Inflation nicht", sagte er. Die Regierung habe die nötigen Maßnahmen ergriffen: Sie senke die Staatsausgaben und versuche, die Bevölkerung davon zu überzeugen, mehr zu sparen und weniger zu konsumieren. Dazu hatte zuletzt auch der brasilianische Notenbankchef Alexandre Tombini aufgerufen. Dass ein solcher Appell die Wachstumsaussichten der brasilianischen Wirtschaft stark einschränken könnte, glaubt Mantega nicht. Er rechnet damit, dass sie in diesem Jahr um 4,5 Prozent zulegen wird.
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