Die Uno hat für den diesjährigen Welternährungstag eine gute und eine schlechte Nachrichten parat: Derzeit leiden rund 870 Millionen chronisch Hunger, weit weniger als in den 1990er-Jahren, als noch eine Milliarde darbte. Aber der Ausblick ist düster. Die steigenden Agrarpreise sind ein Rückschlag, weil die Ärmsten auf der Strecke bleiben. Nach zwei Preisschocks seit 2007 kann wegen der schlechten Getreideernten 2013 die nächste akute Welternährungskrise drohen. "Lebensmittelpreise schwanken zu sehr und sind gefährlich hoch", sagte der Uno-Beauftragte für das Recht auf Nahrung, Olivier De Schutter. Er fordert "sofortiges Handeln", um die Preise zu stabilisieren.
Doch die Gruppe der 20 Industrie- und Schwellenländer, die in Rom eigentlich eine Dringlichkeitssitzung wegen der Preisausschläge vom Sommer abhalten wollten, haben diese abgesagt. Wohl kommen mehr als 30 Agrarminister nach Rom zur Weltagrarorganisation FAO. Entscheidungen darüber, wie durch strategische Getreidespeicher oder weniger Beimischung von Biosprit im Tank das globale Getreideangebot erhöht werden kann, sind nicht zu erwarten. Beide Themen sind vor dem Hintergrund der Ernteverluste amerikanischer Maisbauern politisch heikel.
Dennoch fordern Agrarökonomen Weichenstellungen - weil die Getreidespeicher auch 2013 nicht überquellen werden und bei den Agrarpreisen keine Entspannung absehbar ist. In sechs der vergangenen elf Jahre habe die Welt mehr Lebensmittel konsumiert als produziert, zieht FAO-Experte Abdolreza Abbasian eine alarmierende Bilanz. Auch 2012 fallen die Ernten in Europa und den USA zehn Prozent niedriger aus als im Vorjahr. Rückgänge in Russland und der Schwarzmeerregion sowie drohende Panikkäufe und Ausfuhrbeschränkungen machen die Weltmärkte zusätzlich nervös.
Dabei scheint eine wesentliche Botschaft des jüngsten Weltagrarausblicks von FAO und OECD völlig zu verpuffen: Will die Welt bis 2050 neun Milliarden Erdenbürger ernähren, dann muss sie mehr produzieren - und zwar in Entwicklungsländern. Die haben dafür allein noch das Potenzial. "Die Ertragssteigerung wird zentral sein für die Eindämmung der Nahrungsmittelpreise", mahnt die Studie. Denn schon in weniger als zehn Jahren werde die Dritte Welt den Löwenanteil von Reis, Ölsaaten, Gemüse und Palmöl, Zucker, Fisch und Fleisch exportieren. Von bestehenden Äckern sind schon 30 Prozent "degradiert". Also müssten neue Nutzflächen erschlossen und zugleich der Ertrag gesteigert werden", mahnt Ignacio Perez, Ökonom der Industrieländerorganisation Oecd. Und zwar "nachhaltig".
Nachhaltig, das heißt vor allem, Millionen von Kleinbauern im Wettbewerb mit Großplantagen so zu stärken, dass sie sich selbst und künftig die ganze Welt ernähren können - durch billigere Düngemittel, modernere Anbaumethoden, bessere Anbindung an Märkte. Dass die Zahl der Hungernden in Asien, nicht aber in Afrika zurückgegangen ist, zeigt auch, dass diese Hilfe auf dem schwarzen Kontinent nur ungenügend ankommt. Brasilien und China holen schon fast das Maximum aus ihren Böden heraus. Luft ist dagegen vor allem in Afrika und Teilen Asiens. "Wenn wir die so genannte Produktivitätslücke, also den Abstand zu maximal möglichen Erträgen, nur um ein Fünftel verringern, würde das weltweit die Produktion um fünf Prozent erhöhen", sagt Oecd-Experte Gomez. "Die Preise würden um 30-40 Prozent fallen."
Nach dem letzten Preisschock 2007/08 hatten die Industrieländer der G8 - alarmiert von Hungerunruhen - Milliarden zugesagt, damit gerade ärmere Entwicklungsländer durch höhere Erträge ihre Selbstversorgung steigern und die Abhängigkeit von teuren Exporten reduzieren. Doch die Entwicklungshilfe schwächelt: Trotz gegenteiliger Zusagen ist der Anteil für Landwirtschaft 2010 auf sechs Prozent gesunken. Eine "sträfliche Vernachlässigung", wie Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel sagt, der immerhin deutsche Mittel für den ländlichen Raum auf zehn Prozent seines Budgets gesteigert hat.
Selbst der private Investitionsboom in die Landwirtschaft Afrikas und Asiens bleibt ungeachtet der Schlagzeilen über großflächige Landnahmen noch aus. Dabei zeigen neue Anbauverfahren von Mali bis Madagaskar, wie beispielsweise der Reisertrag pro Hektar verdoppelt werden kann: mit einem Zehntel der Saat, wenn Reisschößlinge einzeln statt in Büscheln gepflanzt werden, und Felder nicht geflutet sondern mit kleineren Mengen Wasser versorgt werden.
Erfolgsgeschichten wie diese lassen sich in vielen Entwicklungsländern finden. Durch nachhaltige und breit angelegte Innovation, so prognostizieren OECD und FAO, könnten auf afrikanischen Äckern bis 2050 rund 150 Prozent mehr im Norden, 375 Prozent mehr im Westen und 265 Prozent mehr in Ostafrika produziert werden. Einzelne G8-Länder, wie die USA, haben Agrarpartnerschaften mit einigen Landern geschlossen. Das reiche aber nicht, kritisiert die Entwicklungsorganisation One. Vielmehr müssten alle 30 ärmsten Länder der Welt, die inzwischen eigene Agrarstrategien entwickelt haben, stärker unterstützt werden.
"Wachstum in der Landwirtschaft, das Kleinbauern einbindet, besonders Frauen, wird am wirksamsten Hunger vermindern, wenn es den Armen Arbeit gibt." Das ist eine der Erkenntnisse des FAO-Berichts zur Lage der Welternährungssicherheit, den die Minister in Rom beraten. Eine andere Erkenntnis der britischen Risikoberatungsfirma Maplecroft lautet, dass angesichts des höchsten Stands der globalen Lebensmittelpreise seit sechs Monaten 39 von 59 der "von sozialen Unruhen am meisten gefährdeten" Länder in Afrika liegen.