| Geburtstag: | 1938, bei Ashkelon |
| Klassifikation: | Oberhaupt einer religiösen Vereinigung Sektenführer |
| Nation: | Palästina |
Herkunft
Scheich Ahmed
Jassin (Yassin) wurde 1938 (a. A. 1936) im Süden des heutigen Israel in einem Fischerdorf bei
Ashkelon als eines von neun Kindern geboren. Sein Vater, ein lokaler Würdenträger, starb kurz nach der Geburt J.s. Als J. zehn Jahre alt war, zwang der Unabhängigkeitskrieg der Israelis 1948 die Familie zur Flucht in den ägyptisch kontrollierten Gaza-Streifen. J. wuchs in einem Flüchtlingslager in der Nähe des Mittelmeers auf, wo er gern schwamm und nach Muscheln tauchte. Bei dieser Gelegenheit verletzte er sich 1952 schwer an seiner Wirbelsäule und ist seitdem an den Rollstuhl gefesselt.
Ausbildung
Nach dem Unfall konzentrierte er sich auf das Studium von Sprachen und islamischer Religion, u. a. ein Jahr in Kairo. Da er jedoch kein Geld für einen Collegebesuch hatte, betätigte er sich als Lehrer und bekam Kontakt mit der fundamentalistischen Moslembruderschaft, die von der ägyptischen Regierung wegen ihres militanten Charakters verboten wurde. Wegen seiner Verbindung zur Bruderschaft wurde er 45 Tage in Haft genommen.
Wirken
Nach dem 6-Tage-Krieg 1967, durch den Israel die Kontrolle über den Gazastreifen und die sogenannte Westbank erlangte, bemühte sich J. um eine Stärkung der Moslembruderschaft im Gazastreifen, doch ging es ihm damals mehr um religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt für die in Lager gepferchten Palästinenser und noch nicht um politischen und militärischen Kampf gegen die Israelis. 1973 gründete er ein
Islamisches Zentrum zur Koordinierung von sozialen Programmen, die von der Bruderschaft und ähnlichen Organisationen getragen wurden. Das Zentrum wurde auch von OPEC-Staaten (Organisation Erdöl exportierender Staaten) der Golf-Region gefördert. Die israelische Regierung ließ das Zentrum lange gewähren in der Erwartung, dass es sich zu einem Gegengewicht der PLO (Palestine Liberation Organization) unter den in Israel lebenden Arabern entwickeln könne. Tatsächlich hat sich die Bruderschaft in den 15 Jahren nach der Okkupation von Gaza und der Westbank, d. h. von 1969 bis 1984, nicht am Kampf der PLO gegen Israel beteiligt, was zu schweren Vorwürfen der Fatah, der Guerilla-Organisation Arafats, an die Adresse J.s wegen Kooperation mit den "Zionisten" führte. 1984 entschieden sich J. und seine Anhänger, sich nun doch am Kampf gegen Israel zu beteiligen. Wenig später wurde J. verhaftet und zu 13 Jahren Haft verurteilt. Ein Jahr später wurde er jedoch bei einem Gefangenenaustausch freigelassen.
1985 und 1986 begann die Bruderschaft, durch Plakate und Schriften zu zivilem Ungehorsam gegen die israelischen Behörden aufzufordern, und 1987 brach im Gazastreifen und auf der Westbank unerwartet heftig die sogenannte
Intifada, d. h. der bewaffnete Aufstand gegen die israelische Besetzung, aus, den die Israelis nur unter Einsatz des Militärs eindämmen konnten. J. gründete in dieser Zeit eine eigene Kampforganisation, die
Hamas, was etwa "Eifer" oder "Hingabe" bedeutet (engl.: Islamic Resistance Movement).
Im Mai 1989 wurde J. erneut verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Während Hamas unter der Leitung J.s und seiner engsten Mitstreiter noch einigermaßen gemäßigt vorgegangen war, besetzten nun radikal eingestellte Mitglieder die Führungsgruppe. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Hamas zu einer besonders militanten Gruppe im Kampf gegen Israel, nicht zuletzt durch eine Fülle von blutigen Terroranschlägen, die zunehmend durch Selbstmordkommandos ausgeführt wurden. Hamas lehnte auch die Vereinbarungen von Oslo für einen Weg zum Frieden zwischen der PLO Arafats und Israel im Jahr 1993 und organisierte zur Torpedierung des Abkommens eine Welle von Selbstmord-Anschlägen gegen die israelische Zivilbevölkerung. Mit der Errichtung der
Palestine Authority in Gaza und Jericho geriet die PLO in die paradoxe Situation, dass sie den Terrorismus in ihrem Gebiet bekämpfen sollte. Nach Verhaftung einiger Hamas-Mitglieder setzte sie sich in den Augen vieler Palästinenser dem Vorwurf der Kollaboration mit den Israelis aus. Nicht zuletzt wegen des schlechten Gesundheitszustands J.s wurde längere Zeit in Israel über eine Entlassung J.s nachgedacht in der Befürchtung, dass er bei einem eventuellen Tod in der Haft zu einem gefährlichen Märtyrer werden könne. Schließlich wurde er am 1. Okt. 1997 im Austausch gegen zwei israelische Agenten freigelassen und nach Jordanien ausgeflogen, wo er medizinische Hilfe erhielt. Am 6. Okt. 1997 bekam er bei seiner Rückkehr nach Gaza einen triumphalen Empfang im Fußballstadion "Jarmuk".
J. lebt seither in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Stadt Gaza und wird von Hunderten Bewunderern besucht, die ihm Geschenke und Nahrungsmittel bringen und seine Äußerungen weitertragen. Der schwerkranke Mann kann weder Arme noch Füße bewegen, hört kaum und ist fast blind. Er ist aber eine charismatische Figur geblieben und unternahm im Frühjahr 1998 eine viermonatige Reise durch mehrere arabische Länder, um weitere Geldquellen zu erschließen (Iran, Kuwait, Katar, Saudi-Arabien, Sudan, Syrien, Vereinigte Arabische Emirate und Jemen). Allerdings durfte er Jordanien nicht besuchen, und Ägypten erlaubte den Transit vom Sudan nach Gaza erst, als Israel der Einreise zustimmte.
Nach zwei Jahren relativer Ruhe und teilweisem Rückzug der Israelis aus den vereinbarten Städten (Wye-Abkommen I und II) kam es im Juli 2000 unter Vermittlung von US-Präsident Clinton zu einem Gipfeltreffen des damaligen Premiers Barak mit Arafat in Camp David (Camp David II), das vor allem wegen der Zukunft Jerusalems und - nach Meinung ausländischer Beobachter - an der Sturheit Arafats scheiterte.
Ariel Sharons demonstrativer, von den Palästinensern als Provokation empfundener Besuch auf dem Tempelberg in Jerusalem löste Ende Sept. 2000 die "Al-Aqsa-Intifada" (2. Intifada) aus. Bei den vorgezogenen Wahlen am 6. Febr. 2001 erzielte Sharon einen Erdrutschsieg mit einem Vorsprung von über 20 Prozent vor Barak. Unmittelbar nach Amtsantritt der neuen Regierung Sharon am 7. März 2001 verschärfte sich der Konflikt zusehends. Sharons Haltung hinsichtlich einer endgültigen Friedensregelung, seine Ankündigung eines verstärkten Siedlungsausbaus sowie die - international als völlig unverhältnismäßig verurteilten "Vergeltungsschläge" in den palästinensischen Autonomiegebieten ließen eine Fortsetzung der Friedensverhandlungen in weite Ferne rücken. Nach einem Bericht der Friedensorganisation PEACE NOW (Okt. 2001) wurden innerhalb eines Jahres seit Amtsantritt der neuen Regierung 25 neue Siedlungen errichtet. Allein seit Beginn der Al-Aqsa-Intifada bis Juni 2003 wurden rund 2.000 Palästinenser getötet, darunter viele Kinder.
Nach mehreren Selbstmordattentaten, u. a. auch von Hamas-Anhängern, bei denen Anfang Dez. 2001 mindestens 25 Israelis getötet wurden, brach die israelische Regierung am 13. Dez. 2001 offiziell alle Kontakte zu Präsident Arafat ab, während die israelische Armee und Luftwaffe erneut massive Angriffe auf Ziele in den Autonomiegebieten unternahmen und weitere große Teile der palästinensischen Infrastruktur zerstörten, darunter den mit EU-Geldern erbauten Flughafen in Gaza-Stadt und den Sender "Voice of Palestine". Als Antwort verlangten die EU-Staaten in einer gemeinsamen Erklärung einen besseren Schutz der palästinensischen Zivilbevölkerung und sofortigen Siedlungsstopp in den besetzten Gebieten. Alle derartigen Appelle verhallten jedoch wirkungslos in einer andauernden Spirale der Gewalt. Die hoffnungslos militärisch unterlegenen Palästinenser griffen verstärkt zum verabscheuungswürdigen Mittel des Selbstmordattentats, das von israelischer Seite mit massivem Waffeneinsatz auch auf verdächtigte Einzelpersonen, darunter wichtige Hamasführer (z. B. Mahmud Abu Mahmud am 23.11.2001),"vergolten" wurde. Immer mehr schoss sich Israel auf die Person Arafats ein und stellte ihn nach einer "Kriegserklärung" wochenlang in Ramallah unter Hausarrest. Es gelang jedoch nicht, Arafat zum Verlassen Palästinas zu bewegen. Die fortgesetzte mutwillige Zerstörung der vom Ausland finanzierten Infrastruktur und das Sprengen von Häusern bei Weiterbau von Siedlungen löste wiederholt weltweite Proteste aus. Besetzungen von Städten und Lagern wechselten sich mit Teilrückzügen israelischer Truppen und "Vergeltungsschlägen" ab, ohne dass es zu ernsthaften Verhandlungen kam. Unter massivem Druck stellte PLO-Chef Arafat J. des Öfteren (u. a. am 24. Juni 2002) unter Hausarrest, was jedesmal Protestdemonstrationen auslöste. Auch im Juli 2002 kam es in Gaza-Stadt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen etwa 150 Hamas-Anhängern und palästinensischen Polizisten. Seither nennt J. Arafat einen "Überläufer" und Verräter.
Im Frühjahr 2003 wurde der Versuch unternommen, die Macht Arafats durch die Schaffung des Amtes eines Ministerpräsidenten der Autonomiebehörde einzudämmen, der als internationaler Gesprächspartner fungieren könne. Die Wahl fiel auf Mahmud Abbas, der schon in die Oslo-Gespräche eingebunden gewesen war, doch gab dieser schon Ende Aug. angesichts des anhaltenden Widerstands von Organisationen wie Hamas und Islamischer Dschihad und mangels Rückendeckung durch Arafat sein Amt zurück. Als neuen Regierungschef präsentierte Arafat den bisherigen Parlamentspräsidenten Ahmed Korei. Eskalierende Gewalt auf palästinensischer wie israelischer Seite hatte im Sommer/Herbst 2003 die Friedensaussichten erheblich verdüstert. Auf Terroranschläge von palästinensischer Seite reagierte Israel mit der gezielten Liquidierung von Hamas-Vertretern. Bei einem solchen Versuch, die versammelte Führung der Hams zu töten, wurde am 6. Sept. 2003 auch J. leicht verletzt. Dass die Hamas je die Existenz Israels anerkennen würden, blieb angesichts der Maximalforderungen, auf denen J. immer wieder beharrte, wenig wahrscheinlich.
Familie
J. ist Vater von elf Kindern.
Adresse
c/o Hamas, Gaza-City, Israel
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Aus: Internationales Biographisches Archiv 42/2003 vom 06.10.2003