Stanislaw Tillich
HerkunftStanislaw Tillich, röm.-kath., wurde am 10. April 1959 in Neudörfel, Kreis Kamenz (Sachsen) geboren. Seine Familie gehört zu den in der Lausitz lebenden Sorben ("Wenden"), einem westslawischen Volk, das sich dort im 6. Jahrhundert angesiedelt hatte und in der DDR kulturelle Autonomie gewann.
Ausbildung
Nach dem Abitur am Sorbischen Gymnasium Bautzen studierte Tillich ab 1979 Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität Dresden und schloss 1984 als Diplomingenieur für Konstruktion und Getriebetechnik ab. Berufsbegleitend absolvierte er 1987/1988 noch ein zusätzliches Aufbaustudium in Binnenhandel an der Handelshochschule Leipzig.
Wirken
Seine berufliche Laufbahn begann Tillich 1984 als Konstrukteur in einem Elektrounternehmen in Kamenz in der Oberlausitz. 1987-1989 war er Angestellter der Kreisverwaltung Kamenz. Gleich zu Beginn der Wendemonate machte er sich 1989 selbstständig und war bis 1995 Unternehmer.
1987 schloss sich Tillich der Christlich Demokratischen Union (CDU) an, einer der vier Blockparteien im sozialistischen Regime, die weitgehend den Vorgaben der SED folgten, ohne wirklichen Einfluss zu besitzen. Tillich betätigte sich aktiv erst mit Beginn der politischen Wende in der DDR, die mit der Maueröffnung im Nov. 1989 und dem Sturz des sozialistischen Regimes im Dez. begann und mit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung im Okt. 1990 und den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen im Dez. 1990 vollendet war.
Seit 1989 Kreisvorstandsmitglied des Kreises Kamenz, wurde Tillich im März 1990 in die Volkskammer der DDR gewählt. Bei dieser Wahl überraschte die erneuerte CDU, die von der Organisationsstruktur der alten Blockpartei profitierte, mit 41 Prozent als stärkste Partei. Im Innenausschuss der Volkskammer setzte sich Tillich, als Sorbe selbst Angehöriger einer Minderheit, für ethnische Minderheiten und SED-Opfer wie jene ein, die unschuldig im Zuchthaus Bautzen einsaßen. Er arbeitete auch eine Gesetzesvorlage mit aus, die DDR-Bürgern die Reise nach Westdeutschland ohne Personaldokumente ermöglichte. Nach Wiedervereinigung und Auflösung der Volkskammer im Okt. 1990 betätigte er sich im CDU-Landesverband im nunmehrigen Freistaat Sachsen und wurde später Vorsitzender des Landesfachausschusses Europa.
1991-1994 wirkte Tillich als Beobachter im Europäischen Parlament (EP) und befasste sich dort mit Fragen der Integration der neuen Bundesländer. 1992-1999 engagierte er sich im Vorstand der EVP (Europäische Volkspartei), der Plattform der christdemokratischen Parteien im EP. Bei der EP-Wahl 1994 gelang ihm der nunmehr reguläre Einzug ins Parlament. Dort wurde er stellv. Vorsitzender des Haushaltsausschusses und 1998 zudem Berichterstatter für den Haushalt der Europäischen Union (EU), was er als politischen Durchbruch verstand. Er gehörte 1998/1999 zu den Wortführern im EP, die einzelnen Mitgliedern der EU-Kommission Verfehlungen vorwarfen und deshalb die Nichtentlastung der ganzen Kommission erreichten, was im März 1999 zu deren Rücktritt führte. Bei der EP-Wahl 1999 erhöhte die EVP ihre Mandatszahl um 23 auf 224, und auch Tillich zog wieder ins Parlament ein.
Im Okt. 1999 wechselte Tillich in die sächsische Landespolitik und trat in die Regierung von Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) ein. Die CDU hatte im Sept. zum dritten Mal die absolute Mehrheit gewonnen. Tillich übernahm als Staatsminister das an die Staatskanzlei angegliederte Ressort Bundes- und Europaangelegenheiten und wurde Bevollmächtigter Sachsens beim Bund. Das EP-Mandat legte er nieder. Öffentlich exponierte sich Tillich kaum in dem Ende 2000 in der Sachsen-CDU ausgebrochenen Machtkampf zwischen Biedenkopf und dessen gehandelten Nachfolger, Ex-Finanzminister Georg Milbradt. Biedenkopf, dessen hohe Reputation wegen finanzieller Vorteilnahme litt, konnte schließlich die Kür Milbradts nicht verhindern und trat im April 2002 zuletzt zurück. In Milbradts im Mai 2002 vereidigtem Kabinett verantwortete Tillich zusätzlich die Leitung der Staatskanzlei. Milbradt übernahm nur vier Mitglieder der vorherigen Regierung.
Bei der Landtagswahl vom Sept. 2004 trat Tillich in der Westlausitz an und gewann ein Mandat. Das Bild im Parlament veränderte sich grundlegend, da die CDU auf 41,1 Prozent und die SPD auf 9,8 Prozent absackte. FDP und Grüne kehrten ins Parlament zurück, waren aber zu schwach als Koalitionspartner. Die PDS gewann 23,6 Prozent, die rechtsextreme NPD 9,2 Prozent. Milbradt schloss eine Koalition mit der SPD und musste dieser Zugeständnisse machen, was viele in der CDU missbilligten, und wurde erst im zweiten Wahlgang zum Regierungschef wiedergewählt. Im Nov. 2004 übernahm Tillich in der neuen Landesregierung als Staatsminister von Steffen Flath das Ressort Umwelt und Landwirtschaft. In seinem neuen Amt widmete er sich besonders dem Ausbau des Hochwasserschutzes nach der Jahrhundertflut im Aug. 2002.
Im Zuge einer Kabinettsumbildung, zu der sich der angeschlagene Ministerpräsident Georg Milbradt nach einer Reihe von Affären gezwungen sah, wurde Tillich Ende Sept. 2007 zum neuen Finanzminister ernannt. Er trat die Nachfolge von Horst Metz an, der nach Finanzdebakel und dem Notverkauf der akut gefährdeten Landesbank Sachsen LB an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zurückgetreten war. Neuer Umwelt- und Agrarminister wurde Roland Wöller (CDU). Seit Mai 2008 ist Tillich sächsischer Ministerpräsident.