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Mission Statement

von Andrew Gowers, Gründungschefredakteur der "Financial Times Deutschland"
Im Oktober 1999 verfassten Andrew Gowers und sein Entwicklungsteam ein Stilbuch für die Redaktion, das das redaktionelle Konzept und das journalistische Selbstverständnis der Zeitung erklärt. Hier ein Auszug aus dem "Mission Statement", das das Stilbuch eröffnet.
Herzlich willkommen bei der "Financial Times Deutschland". Vor uns liegt eines der aufregendsten und ehrgeizigsten Projekte der deutschen Presse. Wir wollen gemeinsam eine Zeitung gestalten, die anregt, Neues anstößt und unterhält - eine Zeitung, die ihren Lesern in einer immer hektischeren Welt hilft, Entscheidungen zu treffen, privat wie beruflich.
Die Leser, die wir erreichen wollen, sind Männer und Frauen, die Entscheidungen treffen; solche, die bereits in verantwortungsvollen Positionen sind und solche, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Sie suchen nach Orientierung, um sich im ständigen Wandel behaupten und von den Veränderungen profitieren zu können. Unser Leser ist der Vorstandschef und der Topmanager des börsennotierten Unternehmens, die Führungskraft im dynamischen Mittelstand und natürlich auch der Unternehmer. Es ist der Existenzgründer, der seine eigene Firma leitet, der Stratege der Kapitalmärkte, und es ist der Politiker oder Spitzenbeamte mit Einfluss auf die Volkswirtschaft. Unser Stil muss direkt sein und unkompliziert, das Layout und die Grafiken klar und eindeutig, die Struktur der Zeitung einfach und einprägsam.
Um diese Standards zu gewährleisten, müssen wir grundsätzlich auf folgende handwerkliche Punkte achten:
  • Wir sind immer auf der Suche nach exklusiven Geschichten. Wir wollen Scoops - relevante Informationen, die andere Blätter nicht haben. Und wir beschreiben Trends und deren Folgen - neue Tendenzen an den Finanzmärkten gehören dazu oder technische Innnovationen, die ganze Branchen verändern, aber auch politische Strömungen, die Märkte beeinflussen. Wir werden selbstbewusst die Themen setzen, die uns wichtig sind. Und Geschichten schreiben, die andere mit aller Macht verhindern wollen. Wir sind kein Blatt für Pflichtveröffentlichungen. Im Gegenteil: Eine unserer Stärken wird gerade darin liegen, die Informationsflut intelligent zu sortieren und manche Schein-Nachricht zu ignorieren.
  • Wir müssen schnell auf den Punkt kommen. Unser Stil muss direkt sein, dicht und zugleich verständlich. Keine Fachsprache, egal aus welchem Bereich. Die Präsentation unserer Geschichten ist sehr wichtig. Schon unsere Überschriften müssen unseren Lesern die Frage beantworten: Ist diese Geschichte neu? Ist sie relevant?
  • Wir müssen den Vorteil unseres späten Redaktionsschlusses nutzen. Unsere Nachrichten und Analysen müssen bis zuletzt aktualisiert werden. Das heißt nicht nur, Nachrichten aufzunehmen, die andere nicht mehr berücksichtigen können. Es heißt auch, die Analyse der wichtigen Nachrichten vom Nachmittag oder frühen Abend weiter zu vertiefen und Geschichten voranzutreiben.
  • Wir müssen die Möglichkeiten des Internets ausschöpfen. Unser Online-Angebot und die Zeitung sind verknüpft: Unsere Journalisten schreiben für beide Medien. Online wollen wir unser Blatt ergänzen und erweitern - etwa mit Web-Dossiers, in denen ein Thema viel umfangreicher als in der Zeitung dargestellt werden kann.
  • Wir nutzen möglichst immer Primärquellen, seien es Unternehmenschefs oder politische Akteure. Informationen aus zweiter Hand sind für uns von geringerem Informationswert. Wir sind weder Sprachrohr noch Interessenvertreter der Elite aus Wirtschaft und Politik.
  • Wir wollen unsere Leser nicht nur informieren, sondern auch unterhalten. Wir wollen Vergnügen bereiten und nicht nur Pflichtlektüre sein.
  • Wir wollen deutliche, provokative und überraschende Kommentare. Unsere Leitartikel sollen den Lesern pragmatische, realisierbare, marktorientierte Vorschläge unterbreiten. Wenn wir überzeugt sind, dass das Management eines Unternehmens große Fehler gemacht hat oder die Märkte in die falsche Richtung tappen, werden wir das auch schreiben.
  • Wir wollen, dass die FTD - neben der aktuellen Berichterstattung - auch längerfristige Debatten anstößt, insbesondere auf den Kommentar- und Analyse-Seiten. Es soll eine Brücke geschlagen werden zwischen den Entscheidungen in Politik und Wirtschaft, die oft von kurzer Dauer sind, sowie den längerfristigen Perspektiven, die Wissenschaftler, aber auch Think Tanks für Politik und Wirtschaft entwickeln können.
  • Am wichtigsten aber ist unsere Urteilskraft. Wir müssen die Dinge bewerten, und das beginnt bei der Auswahl unserer Nachrichten und Themen. Wir erklären grundsätzlich den Kontext einer Meldung und skizzieren mögliche Folgen. Wir sortieren, wählen aus und gewichten. Unsere Aufgabe ist es, den Lesern deutlich zu machen, was wichtig für sie ist - durch die Auswahl der Information, ihre Platzierung im Blatt, ihren Umfang, die Überschrift und Illustration.
  • FTD.de, 30.08.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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