Zum 60-jährigen Kriegsende bringt die Financial Times Deutschland am 6. Mai 2005 eine aufwändige Sonderausgabe heraus. Im Mittelpunkt steht ein Thema, das von der Öffentlichkeit oft nur am Rande wahrgenommen wird: die damalige Rolle der Wirtschaft und die Situation der wichtigsten deutschen Unternehmen.
Bereits die Titelseite dokumentiert, dass es sich um eine spezielle Ausgabe handelt: Statt aktueller Nachrichten widmet sie sich mit historischen Schwarz-Weiß-Fotografien der "Stunde Null der deutschen Wirtschaft." Auch die Struktur der FTD ordnet sich dem Thema unter. So steht am Anfang ein 12-seitiges Agenda-Buch, das sich ganz dem Thema 1945 widmet. Danach folgen die Nachrichtenressorts und das Weekend.
In bisher noch nie veröffentlichter Form stellt die Sonderausgabe grafisch einen "Stammbaum der deutschen Wirtschaft" dar. Auf einem Doppelseiten-Poster zeigt die FTD die Entwicklung der wichtigsten Unternehmen von 1945 bis 2005. Anhand von mehreren Dutzend Stammbäumen wird dargestellt, wie sich wichtige deutsche Firmen entwickelt haben, wie Unternehmen nach Kriegsende zum Teil neu gegründet, von anderen Firmen übernommen oder zerschlagen wurden.
In einer großen, dreiseitigen Agenda-Reportage schildert die FTD, wie Menschen das Kriegsende erlebt und direkt im Anschluss wieder Unternehmen aufgebaut haben. Der FTD ist es dazu gelungen, mehrere Interviews mit Zeitzeugen zu führen, unter anderem mit den Gründern von Sennheiser und Mustang Jeans sowie mit dem ehemaligen Krupp-Manager Berthold Beitz, der im Krieg Hunderte Juden rettete und einer der wenigen Deutschen ist, die in Yad Vashem mit dem Ehrentitel "Gerechter der Völker" ausgezeichnet wurden.
Auch die Analyse der Geschehnisse um das Jahr 1945 durch renommierte Wirtschaftshistoriker nimmt breiten Raum ein. Während sich Prof. Dr. Werner Abelshauser von der Universität Bielefeld damit auseinandersetzt, welche Entscheidungen die Alliierten nach dem Krieg fällten und wie sie die Entwicklung der deutschen Unternehmen beeinflussten, beschreibt Prof. Dr. Werner Plumpe (Universität Frankfurt), wie Unternehmen nach dem Krieg in Prozessen zur Verantwortung gezogen wurden und wie sich die ersten Zwangsarbeiter-Prozesse gegen deutsche Unternehmen in den USA auf die Vergangenheitsbewältigung auswirkten.
Ebenfalls Thema der Sonderausgabe ist das alltägliche Leben der Menschen im Jahr 1945 und wie sie mit Ideenreichtum die deutsche Wirtschaft wieder ankurbelten. Die Umstellung von Rüstungs- auf zivile Güter machte viele Unternehmen erfinderisch: Stahlhelme wurden zu Küchensieben, Dienstgradabzeichen zu Tischdecken und Eierhandgranaten zu Babyrasseln.
Durchgängiges Element auf allen Seiten der Zeitung wird eine Bildleiste sein, die jeweils die Situation eines Unternehmens gegen Kriegsende schildert und ein historisches Foto zeigt. So wird etwa beschrieben, wie eine Dresdner-Bank-Sekretärin in Berlin vor den Augen der sowjetischen Truppen wichtige Dokumente aus dem Gebäude schmuggelte oder wie Siemens schon frühzeitig mit der Nachkriegsplanung beginnen konnte, da ihnen bereits im Herbst 1944 ein Dokument über die künftigen Sektorengrenzen der Alliierten in die Hände gefallen war.
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