Noch bevor sich am Morgen die Türen des Apple -Stores am Hamburger Jungfernstieg überhaupt öffnen, ist die Warteschlange schon einen halben Kilometer lang. Viele haben sich Campingstühle und Decken gegen die Kälte mitgebracht. Nach mehreren Stunden Warten im Dunkeln sind alle übermüdet, aber ein Gedanke hält die Leute bei Laune: Weltweit zu den ersten Besitzern des iPhone5 zu gehören.
Bevor die ersten Apple-Fans das Geschäft betreten dürfen, versammeln sich rund 30 Mitarbeiter an der Tür und heizen die Stimmung weiter an. Sie applaudieren lautstark, pfeifen und machen eine La-Ola-Welle - der Kauf soll schließlich als besonderes Erlebnis zelebriert werden und in Erinnerung bleiben. Dann geht es endlich los.
Nicholas Fechtner darf als erster Kunde das Geschäft betreten. Seit Dienstag Abend campiert der 20-Jährige auf dem Jungfernstieg, nahe der Apple-Eingangstür - um der Erste in der Schlange zu sein. "Ich tue mir das aus zwei Gründen an", sagt Fechtner, den die 60 Stunden Wartezeit sichtlich Kraft gekostet haben. "Ich möchte das neue iPhone, aber auch das Erlebnis haben."
Drei Nächte hat der angehende Student mit seinem Schlafsack in einem Campingstuhl vor dem Store ausgeharrt. Da die Temperaturen nachts bis auf 5 Grad sinken, trägt Fechtner zeitweise neben einer fellbesetzten Daunenjacke mehrere Pullover und zwei Hosen. Duschen konnte er die ganze Zeit nicht.
Immerhin gibt es im Kaufhaus nebenan eine Toilette. Dort konnte sich Fechtner die Zähne putzen. Sogar die Haare habe er sich einmal über dem kleinen Becken gewaschen, sagt Fechtner: "Das ist eine Erfahrung, aber ich weiß nicht, ob ich das nochmal mache."
Bei Apple ließ man ihn nicht auf die Toilette. Dafür kümmern sich die Mitarbeiter um die iPhone-Fans, indem sie Regenschirme und Mülltüten verteilen, die vor Nässe schützen sollen. In der Nacht vor dem iPhone5-Verkauf überraschten sie die Wartenden um vier Uhr morgens mit einer großen Pizza und ab sechs Uhr verteilte Starbucks kostenlosen Kaffee. Und natürlich stellte das Unternehmen Strom und WLAN für die Macbooks und iPads versammelte Apple-Gemeinde zur Verfügung.
Die Stimmung in der Schlange ist gut - obwohl alle in der letzten Nacht nur maximal drei Stunden geschlafen haben. Zu viele Leute sprachen die Camper an der stark befahrenen Straße in Hamburgs Innenstadt an.
Jan Mühlenberg ist gut ausgerüstet mit zwei Freunden aus Kiel angereist. Kein Wunder, denn der 21-Jährige ist ein Wiederholungstäter - schon für das iPhone4 wurde er zum urbanen Camper. "Man muss schon ein bisschen Apple-verrückt sein", sagt Mühlenberg. "Aber die Stimmung hier ist super und ich will keine drei Wochen mehr auf das iPhone5 warten."
Da der Verkauf des Geräts in anderen Ländern später startet, ist Jakob Hojand mit drei Freunden extra aus Dänemark gekommen. Der Plan der Gruppe war, in Schichten zu warten, während sich jeweils zwei Leute im Hotel erholen. Allerdings erlaubte Apple in den letzten Stunden nicht mehr, dass sich die Wartenden länger als zehn Minuten aus der Schlange entfernen. "Wir mussten hier spontan campieren", sagt Hojand, der nur eine Jeans, Turnschuhe und eine dünne Jacke trägt. "Vor lauter Kälte spüre ich meine Füße schon nicht mehr."
Als der Verkauf des Smartphones beginnt, sind alle Leiden vergessen. Mehrere Sicherheitsleute kontrollieren genau, wer den Store betreten darf, damit es nicht zu voll wird. Die ersten Kunden werden nicht nur marketingwirksam mit Applaus begrüßt - es wird ihnen auch ein persönlicher Berater zur Seite gestellt.
Analysten trauen Apple zu, im ersten Durchgang bis zu zehn Millionen Geräte zu verkaufen. Vor einer Woche waren in den ersten 24 Stunden mehr als zwei Millionen Vorbestellungen eingegangen. Das waren mehr als doppelt so viele wie für den bisherigen Rekordhalter und direkten Vorgänger iPhone 4S. In den USA war das erste Kontingent schon nach einer Stunde erschöpft. Derzeit liegt die Lieferfrist bei 3 bis 4 Wochen - für viele ein Grund mehr, ihr Glück in einem Laden zu versuchen. Vom iPhone 4S wurden am ersten Wochenende rund vier Millionen Geräte verkauft.
Der erste glückliche iPhone5-Besitzer, der den Laden verlässt, ist Alexander Teich. "Es fühlt sich gut an, endlich am Ziel zu sein", sagt der 28-Jährige, der sichtlich begeistert ist. Stolz betrachtet er das kleine Päckchen in seiner Hand.
Später verlässt auch Nicholas Fechtner den Laden. Auspacken oder gar anfassen will er das Objekt seiner Begierde noch nicht. "Als erstes gehe ich nach Hause und dusche, dann beschäftige ich mich mit dem iPhone" sagt Fechner erschöpft. "Wenn ich mir ein neues Produkt kaufe, will ich mich schließlich auch selbst frisch fühlen."