Kaum ist Marissa Mayer bei Yahoo, pflegt die ehemalige Google -Managerin bei einer ihrer ersten strategischen Entscheidungen eine Tugend ihres früheren Arbeitgebers. Langfristige Strategien haben Vorrang vor kurzfristigen Interessen der Anleger. Wegen Druck von außen dürfen wichtige Wetten auf die Zukunft nicht geopfert werden. Nach dieser Regel handeln die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin und diese Regel beherzigt auch Mayer bei Yahoo. Der angeschlagene Internetkonzern teilte am Donnerstag mit, die Pläne für den milliardenschweren Erlös aus dem Verkauf eines Anteils an dem chinesischen Online-Unternehmen Alibaba zu überdenken. Mayer wolle sich zudem die Wachstums-, Übernahme- und Restrukturierungspläne sowie die Kapitalaufstellung des Konzerns anschauen.
Ursprünglich wollte Yahoo die Milliarden aus dem Anteilsverkauf an Alibaba an die Aktionäre ausschütten. Der Teilverkauf soll mindestens 6,3 Mrd. Dollar in bar einbringen. Beinahe alles, was nach Steuern übrig bleibt, war eigentlich den Aktionären versprochen worden - etwa in Form eines Aktienrückkaufs. Der Abschluss des Geschäfts wird im November erwartet.
Nun müssen sich die Aktionäre aber in Geduld üben und darauf hoffen, dass Mayer Yahoo irgendwie wieder auf die Erfolgsspur führt. Die Yahoo -Aktie gab nachbörslich bis zu vier Prozent nach. Der Abschlag heißt nicht, dass die Anteilseigner mit möglichen strategischen Entscheidungen nicht einverstanden wären - sie sind noch gar nicht bekannt. In die Bewertung des Papiers waren aber die erwarteten Sondererlöse eingepreist gewesen.
"Mayer beschäftigt sich eingehend mit der Strategie des Unternehmens, um den Interessen der Aktionäre langfristig besser zu dienen", schrieb Yahoo in einer Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC. Sie setzt sich damit von ihren Vorgängern Carol Bartz und Scott Thompson ab, die zwar auch langfristig Yahoo zu neuen Wachstumsschüben verhelfen wollten, kurzfristig aber erst mal nur die Kosten im Blick hatten.
Anders als Bartz und Thompson handelt Mayer allerdings aus einer Position der Stärke heraus. Während Investoren und Beobachter der Branche ihren beiden Vorgängern nur wenige positive Impulse zutrauten, sieht das bei Mayer ganz anderes aus. Der Wechsel der 37-Jährigen von Google zu Yahoo wurde gefeiert, als habe der Internetpionier damit die Krise bereits bewältigt. "Ich hätte nicht gedacht, dass sie jemanden von Marissas Kaliber kriegen", sagte Marc Andreessen, der legendäre Netscape-Gründer und Facebook-Verwaltungsrat, damals bei ihrer Berufung.
Und einer, der zuvor Yahoo vor sich hergetrieben hatte, als peitsche er als Aufseher Sklaven einer Galeere aus, ist mittlerweile still: Investor Daniel Loeb ist mit mehr als fünf Prozent am Internetpionier beteiligt und als Verwaltungsratsmitglied für Mayers Berufung mitverantwortlich. Er wird der Managerin kaum im Wege stehen, wenn sie dem Unternehmen neuen Schwung geben will. Der Verwaltungsrat habe ihr Jahre gegeben, um Yahoos Werbegeschäft wiederzubeleben, zitierte die US-Wirtschaftszeitung "Wall Street Journal" Eingeweihte.
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Doch selbst wenn Mayer tatsächlich Jahre hat, muss sie früh signalisieren, dass Yahoo wieder mitspielt im Konzert der Großen, dass es im Kampf um gute und teure Programmierer oder Unternehmensgründer - also Startups - attraktiv ist. Bislang kann man Yahoos Cashbestand im Vergleich zu Googles als Peanuts bezeichnen. Mayer kann gerade einmal 2 Mrd. Dollar verplanen, Google das 20-Fache. Selbst Facebook steht mit Cashreserven aus dem operativen Geschäft und dem Milliardenerlös aus dem Börsengang mit 10,2 Mrd. Dollar weitaus besser da. Da kommen Mayer die etwas mehr als 4 Mrd. Dollar - nach Abzug der Steuern - aus dem Verkauf der Alibaba-Anteile gerade recht.
Trotz der schlechten Börsendebüts von Facebook, Zynga oder Groupon sind die Preise für junge Internetunternehmen bislang kaum gesunken, und die überschaubare Menge an kapitalkräftigen IT-Konzernen mit mittlerweile ähnlichen Strategien liefert sich um viele Unternehmen ein Wettbieten. Ohne zusätzliches Kapital käme Yahoo also kaum von der Stelle. Wen oder was Mayer gerne dazukaufen möchte, bleibt aber Spekulation. Sie habe allen voran den Nutzer im Blick, sagte sie bei ihrer Berufung zur Yahoo-Chefin. Dinge, die Nutzer mögen, waren zuletzt teuer, was am besten der mehr als 1 Mrd. Dollar teure Kauf der Photo-App Instagram durch Facebook zeigt.
"Sie hat einen Freibrief, was immer sie auch machen will. Mayer ist nicht zu Yahoo gekommen, um Yahoos Wert zu reduzieren und Geld an die Aktionäre auszuschütten", sagte Ron Josey, Analyst bei der Investmentbank Think Equity LCC in New York. "Sie hat einen langfristigen Fokus." Mit dem Wort "langfristig" kennt sich Mayer aus. Das Wort gehört bei Google zum Grundwortschatz - und nun gilt das auch für Yahoo.