Ein halbes Jahr lang zwitscherten zwei Baden-Württemberger unter dem Konto ZDFOnline von ihrem heimischen Computer in die Welt hinaus. Doch dann flogen sie auf - und wurden vom Sender prompt unter Vertrag genommen. von Pia Ratzesberger
Der Twitter-Account ZDFOnline versorgt seine Leser täglich mit kleinen Appetithappen aus der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt am Mainzer Lerchenberg. Ob News, Sendehinweise oder Hintergründe - das Konto verlinkt auf die verschiedensten Infos von ZDF.de und bringt der Homepage damit eine sichere Leserschaft. Mittlerweile folgen mehr als 44.000 User den höchstens 140 Zeichen langen Botschaften auf dem Kurznachrichtendienst im Web.
Doch hinter dem Account stand lange gar nicht das ZDF selbst, berichtet der Blogger Richard Gutjahr auf seiner Website gutjahr.biz. Zwei junge Männer aus Baden-Württemberg zwitscherten seit Juni 2009 unter dem Schein einer offiziellen Seite munter in die Welt hinaus. Der 25-jährige Marco Bereth und der 24-jährige Michael Umlandt beschlossen damals das Twitterkonto ZDFOnline zu gründen und ernannten sich eigenständig zu Werbebotschaftern des Zweiten - nach eigenen Angaben aus Sympathie für den Fernsehsender.
Dabei machten die beiden ihren Job offenbar so gut, dass zu Beginn selbst im ZDF nicht auffiel, dass der Internetauftritt nicht aus dem eigenen Haus stammt. Immer mehr Interessierte klickten auf den "Follow"-Button, die Twitter-Seiten der Konkurrenz werden mittlerweile klar überrundet: Das Konto der ARD-Nachrichten zählt gerade mal um die 400 regelmäßigen Leser. RTL folgen immerhin circa 29.000 User, doch auch damit kann der Privatsender das Zweite noch lange nicht toppen.
Je mehr Fans das Portal anzog, desto größer wurde für die zwei Baden-Württemberger auch die Gefahr aufzufliegen. Und tatsächlich: Ungefähr einen Monat nach dem Start erreichte die Jungen eine Nachricht des Twitteraccounts von ZDFsport. Die Mainzer fragten an, wer denn da unter ihrem Namen die Werbetrommel rühre. Aber Bereth und Umlandt ließen sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie beschlossen, das Schreiben zu ignorieren - wer weiß, wer hinter der vermeintlich offiziellen Sportseite steckt.
Als die Zahl der Follower jedoch immer weiter in die Höhe schoss und damit auch der Bekanntheitsgrad der Seite zunahm, bekamen die Twitterer aus Schwäbisch Hall langsam Muffensausen. Aus Angst vor einer Klage rangen sich die beiden dazu durch, eine Mail an den Sender zu verfassen und sich zu erkennen zu geben. Das ZDF lud die Twitterer auf den Lerchenberg ein.
Dort erwartete die beiden aber nicht wie befürchtet eine Riege von Anwälten und eine dicke Klageschrift. Ganz im Gegenteil: Von der Resonanz auf den Twitteraccount überzeugt, kaufte der Sender die jungen Talente direkt ein und nahm sie unter Vertrag. Seit Januar 2010 informieren Bereth und Umlandt nun ganz offiziell über die Geschehnisse auf ZDF.de.
Und das nicht nur mit dem Konto von ZDFOnline, auch hinter den Twittermeldungen von ZDFNeo verbergen sich die zwei Baden-Württemberger. Den Zugang zu dem Portal hatten sich die jungen Männer bereits zu Ghost-Writer-Zeiten geschickt ertrickst. Als bekannt wurde, dass der Sender einen solchen Account plant, begaben sich die zwei auf die Suche und entdeckten, dass ein weiterer Unbekannter unter diesem Namen twitterte. Von ihrer ZDFOnline-Seite aus schrieben sie den Betreiber an und baten darum, das Konto doch bitte dem wahren ZDF zu überlassen. Der Plan ging auf, der Unbekannte hielt Bereth und Umlandt für die echten ZDF-Twitterer. Und nun sind sie das ja auch.
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