FTD.de » IT + Medien » Computer+Technik » Island im Datenfieber
Merken   Drucken   16.09.2012, 20:30 Schriftgröße: AAA

Boom der Rechenzentren: Island im Datenfieber  

Der von der Finanzkrise gebeutelte Inselstaat will Geld mit dem weltweiten Datenboom verdienen. Firmen wie Verne Global errichten riesige Serverfarmen auf der Insel im Nordatlantik. Der Standortvorteil: Nirgendwo ist der Strom so billig.
© Bild: 2012 FTD/Claus Hecking
Premium Der von der Finanzkrise gebeutelte Inselstaat will Geld mit dem weltweiten Datenboom verdienen. Firmen wie Verne Global errichten riesige Serverfarmen auf der Insel im Nordatlantik. Der Standortvorteil: Nirgendwo ist der Strom so billig.
von Keflavik und Annika Graf, Hamburg

Es ist ein Spätsommertag, wie ihn Jeff Monroe liebt. Zehn Grad Außentemperatur, es nieselt aus den dicken grauen Wolken, und über die Reykjanes-Halbinsel pfeift ein eisiger Wind. "Großartig, das Wetter", sagt der Chef von Verne Global: "Zumindest für unser Geschäft." Denn Computer lieben es kühl. Und Monroes Unternehmen betreibt in Keflavik im Südwesten Islands ein riesiges Rechenzentrum.

Der 45-jährige Amerikaner tippt einen PIN-Code ins Türschloss ein. Die Pforte öffnet sich, dahinter summt und brummt es. Hunderte Großrechner stehen in Reih und Glied: so positioniert, dass sie ihre Abwärme in verschiedene Richtungen abgeben. Unternehmen wie Colt Telecom, der IT-Dienstleister Datapipe oder der Spielehersteller CCP - bekannt durch "Eve Online" - haben sich auf der neuen Serverfarm von Verne Global eingemietet, auf einem alten Militärstützpunkt aus Kalter-Krieg-Zeiten. Vier Hallen, in denen die US-Air-Force einst angeblich Atomsprengköpfe lagerte, sollen bald voller Hochleistungscomputer stehen. Kühle Luft strömt aus Schächten im Boden. Alle Räume sind auf 21 Grad temperiert: mithilfe des spottbilligen isländischen Stroms.

Der ist Islands wichtigstes Verkaufsargument im weltweiten Standortwettbewerb. Die von der Finanzkrise gebeutelte Vulkaninsel will teilhaben am neuen Wachstumsmarkt Cloud-Computing. Mehr als 40 Mrd. Dollar, so prognostiziert das Analysehaus Pike Research, wird die globale IT-Industrie bis 2015 in Serverfarmen stecken. Facebook , Google , Dell , Microsoft : Sie alle pumpen bereits Milliarden in den Bau von Rechenzentren.

Deren Energieverbrauch allerdings schießt mit den exponentiell wachsenden Datenmengen nach oben. Schon 2010 konsumierten die Server weltweit nach Berechnungen der Stanford University mindestens 200 Terawattstunden Strom: diese Menge verbraucht ganz Spanien. Allein die deutschen Rechenzentren schluckten im vergangenen Jahr die Produktion von vier mittelgroßen Kohlekraftwerken.

Island lockt die Betreiber mit extrem niedrigen Stromtarifen. "Nirgends sind die Energiekosten niedriger", sagt Analyst Nathaniel Martinez, der für den Marktforscher IDC den Servermarkt beobachtet. Laut offizieller Tarifliste verlangt der staatliche Versorger Landsvirkjun von seinen Industriekunden gerade mal 40 Dollar (32 Euro) je Megawattstunde. In Deutschland kostet die vergleichbare Menge mindestens 50 Prozent mehr. "Unser eigener Preis ist noch niedriger", erzählt Monroe, und zudem "für zehn Jahre festgeschrieben". Weil Island nicht weiß, wohin mit der ganzen Elektrizität

Aus dem Lavafeld steigen Dampfschwaden, es riecht nach faulen Eiern. Hier in Keflaviks Nachbarstadt Gridavik zapfen die Betreiber des Svartsengi-Kraftwerks einen unterirdischen Vulkan an und generieren Strom aus dem kochend heißen Wasser eines 700 Meter tiefen Geothermalfelds. Nebenbei heizt die Flüssigkeit aus dem Erdinneren auch noch die Blaue Lagune nebenan auf: ein riesiges Thermalfreibad und eine der beliebtesten Touristenattraktionen.

Seit Jahrzehnten träumen die Isländer davon, den Überschuss ihrer Geothermie- und Wasserkraftwerke über riesige Kabel nach Kontinentaleuropa oder Großbritannien zu leiten. Doch die Technik ist noch nicht reif dafür. "Bis wir so weit sind, wird es noch mindestens ein Jahrzehnt dauern", sagt Hördur Arnarson, der Chef des Staatskonzerns Landsvirkjun.

Jeff Monroe ist das recht. "Nun sorgen wir dafür, dass Islands Strom in die übrige Welt transportiert wird: in Form von Bits und Bytes", sagt der Verne-Global-Chef. Seit zwei Jahrzehnten ist der Mann aus Washington im Serverfarminggeschäft. Und einen besseren Standort als Island gebe es nicht, schwärmt Monroe: "Die Regierung unterstützt uns, wo sie kann."

Der Staat hat Verne Global Grundstück und Bauten auf der Airbase zu einem Spottpreis vermietet - auf 99 Jahre. Er hat mehrere voneinander unabhängige Stromnetze aufgebaut, sodass die Rechenzentren wie auch die zahlreichen Aluminiumschmelzen auf der Insel keine Blackouts fürchten müssen. Und er beteiligt sich aktiv am Aufbau neuer Datenkabelsysteme quer durch den Atlantik. Die Datenübertragung ist Islands Standortnachteil im Datengeschäft.

Drei Stränge, über die Färöer, Dänemark und Grönland, verbinden die Atlantikinsel mit dem Rest der Welt. Nächstes Jahr soll das Emerald-Kabel hinzu kommen, eine direkte Verbindung nach Nordamerika. Der Datentransfer dauert schlicht zu lange. 19 tausendstel Sekunden nach London, 36 tausendstel nach New York. Für Highspeed-Trading an den Finanzmärkten ist ein Rechenzentrum wie das in Keflavik ungeeignet. Doch ob das reicht, ob die höchste Ausfallsicherheit von 99,98 bis 99,99 Prozent zu garantieren, ist fraglich. Bei solchen Raten garantiert ein Anbieter, dass Ausfallzeiten pro Jahr unter einer Stunde liegen. IDC-Analyst Martinez glaubt deshalb, dass Island allenfalls als Standort für Spiegelserver und Backup Chancen hat.

Für Island spricht wiederum, dass es europäische Datenschutzstandards erfüllt, obwohl der Inselstaat kein EU-Land ist. Als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums unterliegt Island in puncto Datenschutz denselben Anforderungen wie die EU-Nationen und ist ihnen auch beim Datenexport gleichgestellt. Das ist wichtig, denn Firmen mit Sitz in der EU beispielsweise dürfen personenbezogene Daten nicht ohne Weiteres auf Server im Ausland verlagern.

Jeff Monroe glaubt an eine große Zukunft der Insel als Standort für Rechenzentren für Island - und für sich. Hier sei der Strom ja nicht nur billig, sondern auch ökologisch korrekt. "Wenn Unternehmen unserer Branche zwei Alternativen mit ähnlichen Preisstrukturen vorliegen haben, wählen sie meistens die grüne Variante", glaubt er.

22:08:30 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
    % 
    % 
    % 
    % 
  • Aus der FTD vom 17.09.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Sonderabo Werbefreiheit
 
Fokussieren Sie sich auf die Inhalte.
Mit dem Sonderabo Werbefreiheit erleben Sie die Website der FTD zukünftig ohne Werbeeinblendungen.
Sonderabo Werbefreiheit für 6,90 Euro im Monat

 

Sonderabo Werbefreiheit bestellen Zur Abo-Übersicht
FTD.de Themenseite Büro
FTD.de Themenseite Büro

Organisation am Arbeitsplatz, Neues zum Arbeitsrecht, Tipps und Tricks für den Büroalltag und Unterhaltsames für die Mittagspause finden Sie hier. mehr

Web-Abo Web-Abo ab 6,90 Euro im Monat
Online Services
Erfahren Sie mehr Zur Abo-Übersicht
Digital-Abo Digital-Abo ab 16,90 Euro im Monat
Online Services
  • Zugriff auf alle aktuellen Premium-Artikel
  • Verschiedene digitale Produkte, wie z.B. die FTD als Online-Ausgabe (PDF)
Mobile Services
  • Alle Ausgaben der FTD als App auf Ihrem Tablet
  • Alle Funktionen in der iPhone-App, wie z.B. die Vorlesefunktion von Artikeln
Digital-Abo bestellen Zur Abo-Übersicht
für Abonnenten
 

Fragen über die FTD Zum Abschied noch ein Quiz über uns

Die Quizze auf FTD.de waren so berüchtigt wie beliebt: Nie einfach, immer spaßig, oft ironisch, gelegentlich selbst für Experten unlösbar - am Ende selbstreferenziell. Viel Spaß!

An welchem Tag erschien die erste FTD?

Alle Tests

© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler