Intel wechselt mitten in einem der größten Umbrüche der PC-Branche den Vorstandschef aus. Paul Otellini - seit 38 Jahren beim weltgrößten Chiphersteller tätig und seit Mai 2005 auf dem Chefsessel - wird im Mai in den Ruhestand gehen. Otellini habe den Aufsichtsrat des Chipkonzerns aus dem Silicon Valley mit seinen Plänen überrascht, habe sich aber überzeugen lassen, ein paar Monate an Bord zu bleiben, sagte ein Intel-Sprecher auf Anfrage: "Es war allein seine Entscheidung." Für einen unerwarteten Wechsel spricht auch die Tatsache, dass Intel keinen Nachfolger benannt hat. Der Konzern kündigte am Montag die Beförderung von drei Topmanagern an, die nun als mögliche Nachfolger gelten. Laut Intel werden auch externe Kandidaten gesucht.
Aufgrund der Fehltritte im boomenden Markt für mobile Geräte hoffen Analysten wie Doug Freedman auf einen Außenseiter. "Intel hat eine glanzlose Performance nach der anderen vorgelegt - für einen externen Kandidaten gibt es viele Chancen im mobilen Bereich", sagte der Analyst von der Investmentbank RBC Capital Markets.
Otellini hat in seinen knapp acht Jahren an der Spitze Intels Führungsposition bei der Chipfertigung ausgebaut, beim Umsatz und Gewinn Rekorde verbucht und die Aktionäre mit Dividendenzahlungen in Höhe von fast 24 Mrd. Dollar beglückt. Der Konzern beherrscht mit seinen Prozessoren mit einem Anteil von gut 80 Prozent weiterhin den Markt für PC und Notebooks und ist nach wie vor der mit Abstand größte Chiphersteller.
Der PC-Markt soll in diesem Jahr allerdings schrumpfen, was vor allem am boomenden Handy- und Tablet-Markt liegt. Otellini hat es in den vergangenen Jahren nicht geschafft, seinen Konzern in diesem Markt zu positionieren. Das Geschäft wird von Chips beherrscht, die auf der Technologie des britischen Chipdesigners ARM basieren und weniger Strom als Intel-Chips verbrauchen. Einer der größten Gewinner dieser Entwicklung ist der deutlich kleinere südkalifornische Handychiphersteller Qualcomm, dessen Marktkapitalisierung vergangene Woche die von Intel übertrumpfte.
Der nächste Intel-Chef wird nicht nur mit der so genannten Post-PC-Ära zu kämpfen haben, sondern auch mit der schwachen Konjunktur. Ob Otellinis Entscheidung für Intel positiv ist, wird sich erst zeigen, wenn sein Nachfolger ernannt wird. "Bis dahin können wir nicht sagen, ob der Wechsel gut ist oder nicht", sagte Analyst Freedman. Die Intel-Aktie reagierte zunächst mit einem leichten Rückgang auf die Nachricht, drehte am frühen Nachmittag aber mit 0,15 Prozent ins Plus bei 20,22 Dollar.
Die drei Intel-internen Anwärter auf den Chefposten können sich seit Montag "Executive Vice President" nennen: Die Softwarechefin Renee James, der operative Chef Brian Krzanich, der auch die Herstellung leitet, und der Finanz- und Strategiechef Stacy Smith.
Otellini durchbricht das bei Intel übliche Muster. Seine Vorgänger blieben bis zum vorgeschriebenen Pensionsalter von 65 Jahren, davor wurde die Nachfolgeregelung kommuniziert. Otellini - der lediglich fünfte Intel-Chef in der 45-jährigen Firmengeschichte - geht mit 62 und dürfte Insidern zufolge wohl keinen neuen Job mehr annehmen.