Von der sich eintrübenden Konjunktur bemerken die Hersteller von Unterhaltungselektronik bisher wenig. Auf dem Branchentreffen in Berlin bringen sie sich für das Weihnachtsgeschäft in Stellung. FTD zeigt die wichtigsten Neuheiten und Trends.
Router sind die Portiers der digitalen Welt: Über sie gelangen PC und Smartphones ins Internet oder tauschen im Heimnetz Informationen aus. Jetzt sollen sie nicht nur Computern, Fernsehern und Spielkonsolen die Tür ins Internet öffnen, sondern auch Waschmaschinen, Rollläden und Lichtschaltern. Die Hoffnung auf Millionenumsätze lockt selbst den eher konservativen Routerhersteller AVM in den Markt. Die Berliner sind seit 2005 in Deutschland Marktführer und stellen auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) ihre intelligente Steckdose "Fritz!DECT 200" vor.
Bislang hat sich die Branche ohne großen Erfolg an dem Thema abgearbeitet. Doch jetzt ebnet der Siegeszug von Smartphones, Tablet-Rechnern und internetfähigen Fernsehern den Weg in den Massenmarkt. Auf der Messe Ifa nehmen nahezu alle führenden Unterhaltungselektronik- und Haushaltsgerätehersteller mit neuen Geräten den nächsten Anlauf, um den Durchbruch zu schaffen. Die zentrale Steuerung möglichst vieler Geräte im Haushalt über eine Schnittstelle, soll Kunden zum Kauf neuer Fernseher oder Waschmaschinen anregen.
Neben Konzernen wie Samsung oder Panasonic gehören in Deutschland RWE und Deutsche Telekom zu den Treibern. Der Energiekonzern bietet seit Monaten eine kleine Box an, über die sich Heizungsthermometer, Lichtschalter oder Steckdosen steuern lassen. "Wir haben eine fünfstellige Zahl unserer zentralen Steuerungsgeräte verkauft", sagt Holger Wellner, Projektleiter Smarthome bei RWE-Tochter Effizienz der FTD. Die Telekom zählt das vernetzte Heim zu einem ihrer künftig wichtigsten Wachstumsfelder. Die eigene Plattform Qivicon befindet sich derzeit in den letzten Tests. Der Marktstart ist nach Angaben aus dem Unternehmen für Frühjahr 2013 geplant.
Für kleinere Unternehmen wie AVM wird das Geschäft dadurch nicht leichter. "Der Wettbewerb ist ausgesprochen hart und unsere Konkurrenz sind internationale Unternehmen und nicht Mittelständler wie wir - deswegen müssen wir ihnen immer einen Schritt voraus sein", sagt AVM-Geschäftsführer Johannes Nill. AVM machte 2011 rund 220 Mio. Euro Umsatz. Zum Vergleich: Konkurrent Huawei meldete im gleichen Zeitraum 25,9 Mrd. Euro Umsatz.
Die neue Steckdose ist das erste Produkt von AVM, das Smarthome ins Heimnetz integriert und kommuniziert über schon vorhandene Protokolle für drahtlose Datenübertragung wie W-Lan und DECT - statt einen weiteren neuen Standard zu schaffen, wie es RWE gemacht hat. Auf die gleiche Technik setzt auch Gigaset, deren Telefone bereits den Standard nutzen. "Gigaset hat Heimvernetzung als wesentliches neues Wachstumsfeld für sich identifiziert", sagte Unternehmenschef Charles Fränkl der FTD. 2015 sollen zwischen 30 und 50 Mio. Euro Umsatz aus dem neuen Geschäftsfeld stammen. 2011 lag der Jahresumsatz bei rund 520 Mio. Euro.
AVM hofft, durch die Erfahrungen mit ihren Routern auch im neuen Geschäftsfeld manch größeren Rivalen schlagen zu können. "Wir wissen, dass es eine hochkomplexe Technik ist, die hinter der Fritzbox steht", so Nill. Deswegen werde versucht, diese - so weit möglich - zu verbergen. Nur drei Knöpfchen und zwei Anzeigen sind zu sehen. "Das ist sehr schwierig, aber wenn wir dann von einem Kunden hören: Mensch, so einfach habe ich das noch nie gesehen - dann motiviert uns das, weiterhin viel Energie in die Einfachheit der Bedienung zu stecken", sagte Nill. Bislang gilt die Weboberfläche für die Steuerung von AVMs Heimnetzwerk im Vergleich zu Wettbewerbern als relativ übersichtlich. Ihre Fritzbox-Router entwickeln und fertigen die Berliner fast komplett in Deutschland. In Ravensburg beim Elektrotechnikhersteller Rafi laufen drei Viertel der AVM-Produkte vom Band, außerdem wird in Polen produziert. Im Gegensatz zu großen asiatische Konkurrenten beschränkt sich AVM auf den europäischen Markt.
Die hohe Komplexität beim Zusammenspiel der Geräte und der Steuerung ist ein Grund für die bislang eher zögerliche Nachfrage in Deutschland. Zudem gibt es zu viele verschiedene Standards für die Kommunikation der Geräte untereinander. "Nutzer möchten nicht 37 Boxen zu Hause stehen haben", sagte RWE-Manager Wellner in Bezug auf die nötigen Schaltzentralen. Zudem würden die Aufgaben immer komplexer. Ging es in der Vergangenheit lediglich darum Filme, Fotos und Musik auf Lautsprechern und Fernsehern in der ganzen Wohnung verfügbar zu machen, sollen nun zusätzlich Jalousien, Heizungen und Waschmaschinen per Internet gesteuert werden können.
Daher feilt AVM daran, den Router nicht nur zum Schrittmacher der Vernetzung, sondern auch der Heimautomation zu machen. Nill fürchtet jedoch eine Zersplitterung, die das Wachstum hemmen könnte. "Wir arbeiten zwar eng mit vielen Firmen zusammen, aber dabei wird eben auch die Fragmentierung deutlich."
| Was spricht Ihr Toaster? |
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| Gerätestandards Unternehmen wie Miele und Bosch geraten allmählich in eine Lage wie Microsoft: Wie der Softwarekonzern mit seinem allgegenwärtigen Betriebssystem Windows werden sie als führende Haushaltsgerätehersteller von Techkonzernen bedrängt, ihre Maschinen für jeden neuen Steuerungsstandard kompatibel zu machen. Wasch- oder Spülmaschinen sollen künftig dafür gerüstet sein, dass sie in die digitalen Netzwerke der verschiedensten Anbieter integriert werden können. |
| Wirrwarr Im Moment herrscht Chaos. Experten schätzen die Zahl der unterschiedlichen Kommunikations- und Steuerungssprachen für Kühlschränke, Lichtschalter, Heizungen, Sicherheitskameras Musikanlagen und medizinische Geräte auf zwischen 50 bis mehr als 100. Zigbee, DLNA, Z-Wave, KNX oder Airplay heißen einige der bekannteren Steuerungssprachen. Das Durcheinander ist eine der größten Hürden für den Durchbruch. |
| Einsicht Unternehmen wie RWE oder Apple haben das Problem zwar längst erkannt. Aber bisher halten die meisten Konzerne ihre eigene Technik für überlegen. Sie alle spekulieren darauf, dass sie sich in dem jungen Markt als Standard durchsetzen können. Zudem binden die Unternehmen mit eigener Technik Kunden an sich. |
| Umkehr Seit einigen Monaten ist Schwung in die Technikdebatte gekommen. Hersteller wie Miele, Vaillant und ABB unterstützen seit April das neue Protokoll EEBus. Kurz vor der Messe Ifa in Berlin ist auch Bosch und Siemens Hausgeräte der Initiative beigetreten. EEBus ist laut Unternehmensangaben mit etlichen verbreiteten Funkprotokollen kombinierbar. Zudem steckt kein Konzern dahinter. EEBus ist im Rahmen eines öffentlich geförderten Projekts von der Firma Kellendonk Elektronik entwickelt worden. Die Deutsche Telekom erwägt, den Standard in ihre Plattform Qivicon zu integrieren. Man führe darüber intensive Gespräche. |