Der Microsoft -Chef ließ im vergangenen Jahr keinen Zweifel daran, wer der Herr im Hause ist. Steve Ballmer verpasste keine Gelegenheit, um sich auf der Bühne zu zeigen, für Windows 8 zu werben und mit manchmal unbeholfenen, aber wirkungsvollen Gesten das "Jahr für Windows" auszurufen.
Der überraschende Weggang von Windows-Chef Steven Sinofsky zementiert Ballmers Führungsanspruch. Sinofsky galt als wahrscheinlichster Kandidat für die Nachfolge des langjährigen Microsoft-Chefs. Er hinterlässt eine Lücke, die wohl erst mal von Ballmer selbst gefüllt wird.
Denn die Macht über die wichtige Windows-Sparte, die immerhin für ein Viertel der Umsätze verantwortlich ist, wird auf eine Doppelspitze aufgeteilt. Julie Larson-Green übernimmt Produktentwicklung und Führung der Sparte, Finanzchefin Tami Reller ist weiter für Marketing verantwortlich und erhält zusätzliche Aufgaben. Beide berichten an Ballmer.
Damit folgt der Microsoft-Chef einem ähnlichen Muster wie nach dem Weggang des Chefentwicklers Ray Ozzie im Herbst 2010. Damals suchte Ballmer keinen Nachfolger, sondern übertrug die wichtige Aufgabe auf sich selbst. Doch Ozzie und Sinofsky sind nicht die einzigen Topmanager, die den Konzern in den vergangenen Jahren verlassen haben. 2011 verließ der Chef des Cloudgeschäfts Bob Muglia Microsoft, im Jahr zuvor gingen Stephen Elop, der heutige Nokia -Chef, und der Chef der Office-Sparte, Robbie Bach. Es ist einsam geworden um Ballmer.
Hinzu kommt, dass der Microsoft-Chef in den vergangenen Jahren im Kreuzfeuer seiner Aktionäre stand, die ihm vorwarfen, nicht innovativ genug zu sein. Der Aktienkurs fiel in den vergangenen fünf Jahren um 17 Prozent und erholte sich in diesem Jahr nur langsam. Um so wichtiger ist nun, dass mit Windows 8 der wichtigste Produktlaunch seit Jahren gelingt.
Das neue Betriebssystem, das seit 26. Oktober verkauft wird, soll Microsoft helfen, den Anschluss an Apple und Google im Tablet- und Smartphone-Markt zu finden. Denn der klassische PC-Markt, die Basis von Microsofts Windows-Geschäft, schrumpft. Im dritten Quartal sanken die PC-Verkäufe im Jahresvergleich weltweit um mehr als acht Prozent. Verbraucher greifen zu Smartphones und Tablets statt zu Computern, Firmen vertagen IT-Investitionen.
Windows ist die Basis von Microsofts Geschäft. Alle anderen Produkte wie Serverprogramme, die Bürosoftware Office oder neue Kommunikationstools bauen darauf auf. Dem Betriebssystem verdankt Microsoft die Vorherrschaft im Markt für Unternehmenssoftware. Und für die Zukunft werde es noch wichtiger, dass Windows mit der Spielekonsole Xbox und anderen Programmen verwoben werde, sagte Brendan Barnicle, Analyst bei Pacific Crest Securities.
In einem Statement zu Sinofskys Abgang machte Ballmer genau das klar, nämlich dass es nun die wichtigste Aufgabe sei, alle Produkte und Abteilungen auf eine Linie zu bringen. Möglicherweise war es diese Fähigkeit, die Ballmer an Sinofsky vermisste. Seiner Nachfolgerin Larson-Green bescheinigte Ballmer in einer E-Mail an die Mitarbeiter "großartige Kommunikationsfähigkeit und eine bewiesene Fähigkeit, über Produktgruppen hinweg zu arbeiten."
Weder der Konzern noch Sinofsky gaben eine klare Erklärung für den Weggang ab. Der Windows-Chef, der 1989 zu Microsoft kam, galt als kompromissloser Außenseiter in Ballmers Führungszirkel. Sinofsky schrieb in einer E-Mail, er sei aus freien Stücken gegangen. Wie der Start von Windows 8 lief, lässt sich derzeit noch schwer beurteilen. Drei Tage nach Verkaufsbeginn vermeldete Ballmer vier Millionen verkaufte Lizenzen.
Über den Erfolg von Microsofts Tablet-Computer Surface ist offiziell nichts bekannt. In Blogs und Foren wird über technische Probleme und einen schleppenden Verkaufsstart berichtet. Klar ist, dass Windows 8 verglichen mit Programmen von Google und Apple, die den Markt dominieren, spät kam. Vielleicht zu spät, um sich für Ballmers Nachfolge zu empfehlen.
Wiedersehen werden die beiden sich möglicherweise trotzdem: Sinofsky deutete in seiner E-Mail an, künftig für die Konkurrenz zu arbeiten.