Steve Ballmer hat recht. "Das ist das Jahr für Windows", sagte der Microsoft-Chef Anfang September in New York. Mit dem Verkaufsstart von Windows 8 am 26. Oktober ist der Softwarekonzern zurück im Rennen gegen Apple und Google . Mit Windows 8 ist Microsoft nach zwei Jahren des Duopols von Apples iPad und Googles Android in der Lage, so etwas wie Vielfalt im weltweiten Tablet-Markt herzustellen. Zugegeben, es hat etwas gedauert, und das Fremdschämen für die verpatzte Einführung von Windows Phone 7 hätten wir uns gern gespart. Aber es hat sich gelohnt, dass der Quasi-Monopolist im PC-Geschäft von seinen neuen und unerwarteten Wettbewerbern in die Enge gedrängt wurde und nicht einfach so weitermachen konnte wie bisher. Die neue Software ist nicht einfach irgendeine Windows-Version. Sie hat das Zeug - und Microsoft die nötige Erfahrung -, den Markt aufzumischen.
Microsoft legt mit Windows 8 eine Innovationskraft an den Tag, die seine Kritiker lange vermisst haben. Die neue Nutzeroberfläche, die Microsoft bereits auf Windows-Phones und der Xbox ausprobiert hat, ist keine Spielerei. Microsoft bricht mit dem Design genau die alten Muster auf, die der Softwarekonzern selbst seinen Nutzern seit 17 Jahren - seit der Einführung von Windows 95 - antrainiert hat. Wer wenn nicht Microsoft könnte so mutig sein, sich einerseits ohne Kompromisse vom Start-Button zu verabschieden und andererseits die von Apple zum Standard gemachte rasterförmige Anordnung von Apps zu ignorieren. Mithilfe der viel zitierten Kacheln, die sich ständig aktualisieren, passt Microsoft das gesamte Programm an neue Nutzungsmuster auf den künftig allgegenwärtigen Flachcomputern an - einfach und intuitiv.
Die Bedienung der Metro-Oberfläche, die Microsoft nach dem Einspruch des deutschen Handelskonzerns nicht mehr so nennt, ist ein Kinderspiel. Ungewohnt nur, wenn man versucht, die Kacheln mit der Maus wegzuwischen. Aber dafür hat Microsoft ja den Not-Knopf zurück zum alten Desktop eingebaut.
Wie perfekt Windows 8 bei richtiger Anwendung funktionieren kann, hat Microsoft selbst mit Surface vorgeführt. Microsofts eigener Entwurf eines Tablets ist weit mehr als eine schallende Ohrfeige für die langjährigen Hardwarepartner des Softwarekonzerns. Surface manifestiert Windows 8. Das Betriebssystem ist dem Tablet mit ansteckbarer Tastatur auf den Leib geschneidert. Ein Zwitter, der sich sowohl mit Touchscreens als auch klassisch mit Maus und Tastatur bedienen lässt. Konsum und Produktivität in einem Gerät, das bietet sonst keiner. Klar, die Erfindung des Tablets schreibt sich Apple auf die Fahnen. Aber das Selbstbewusstsein und die Durchsetzungskraft, einer ganzen Industrie eine neue Geräteklasse zu diktieren, hat nur Microsoft. Keiner der Hardwarepartner von Microsoft kommt zum Start der neuen Software ohne einen Surface-ähnlichen Entwurf aus. Jeder versucht sich an mindestens einem Hybriden.
Microsofts dickstes Pfund, um im Wettbewerb mit Google, Apple und letztlich auch Amazon wieder auf Flughöhe zu kommen, sind aber die Inhalte. Die Xbox ist fast unbemerkt zu einer der am besten bestückten Unterhaltungsplattformen ausgebaut worden, mit Filmen der großen Studios und E-Books des US-Buchhändlers Barnes & Noble. Was das Musikangebot angeht, macht Microsoft es selbst Google und Apple vor und kündigte als Erster mit Xbox Music einen Streamingdienst à la Spotify für seine 30 Millionen Titel an.
Sekunde: Ausgerechnet Microsoft soll also den Markt beleben? Der konservative Softwareanbieter mit dem angestaubten Image, der mehr als 90 Prozent aller PC weltweit mit seinem Programm bespielt, dessen Logo uns jeden Morgen im Büro angähnt und der sich immer noch von der EU-Kommission vorwerfen lassen muss, seine Marktmacht zu missbrauchen, weil er keine fremden Browser voreinstellt? Genau der!
Denn auch wenn es ein langwieriger Lernprozess war. Microsoft hat inzwischen eine gewisse Balance geschaffen zwischen der Offenheit, die notwendig ist, um ein lebendiges Ökosystem um seine Programme wachsen zu lassen, und den Vorgaben, die gemacht werden müssen, damit das System noch funktioniert.
Microsoft hat im Gegensatz zu Apple bereits gelernt, dass ein wenig gut dosierte Offenheit nottut, um Partner und Kunden gleichermaßen nicht zu vergraulen. Und der Softwarekonzern hat gleichzeitig gelernt, dass man es nicht dem Zufall überlassen kann, sondern Softwareentwickler auch mal ködern muss, um ein ordentliches Angebot von Apps und Diensten aufzubauen.
Gleichzeitig legt Microsoft mehr Professionalität an den Tag als Google mit Android, wenn es darum geht, Auflagen zu machen. Genervte Entwickler, die daran verzweifeln ihre Apps für unzählige verschiedene Bildschirmgrößen zu optimieren, wird es bei Microsoft nicht geben. Denn Microsoft hat einige Übung darin, seinen Hardwarepartnern strengste Gerätespezifikationen an die Hand zu geben.
Ob Microsoft sich wohl absichtlich zurückfallen lassen hat, um als Underdog den Tablet-Markt von unten aufzurollen? Wahrscheinlicher ist wohl, dass die Strategen in Redmond selbst von dem Erfolg von Apples iOS und Googles Android überrascht wurden. Ist Windows 8 ein iPad-Killer? Eher nicht. Aber es wird Spuren im Tablet-Markt hinterlassen.
Viele Kritiker von Windows 8 werden sich noch umschauen. Genauso wie sie alle Windows 7 zerissen haben htpp://www.videonerd.de