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  16.03.2009, 08:06    

Agenda: Das Web kennt viele Wahrheiten

Dossier Amokvideos, Twitter-Chaos, eine gefälschte Chatseite - nie hat das Internet die Nachrichtenlage so bestimmt wie nach Winnenden. En masse verbreiten soziale Netzwerke kostenlose Informationen an jedermann. Aber kann man ihnen trauen?

von C. Kirchner (Frankfurt), L. Heiny, I. M. Linden (Hamburg) und D. Böcking (Berlin)
Heribert Rech ist die Nervosität anzumerken an diesem Donnerstag um 12.30 Uhr im heillos überfüllten Schulungsraum des Polizeipräsidiums Waiblingen. Die Miene des Baden-Württemberger Innenministers ist angespannt, während ihm ein Polizist minutenlang ins Ohr flüstert. Dann wirft Rech versehentlich die Hälfte der Mikrofonständer um, die sich vor ihm so hoch türmen, dass sich der Minister auf vier gestapelte Isolierplatten stellen muss, um hinter dem Berg nicht zu verschwinden.
Um 12.45 Uhr ist das Chaos aufgeräumt, Rech wirft das Bild eines Internetdialogs an die Wand. Es soll belegen, dass der Amokläufer Tim K. seine Tat in der Nacht zuvor im Internet angekündigt hat. "Es ist immer das selbe: Alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potential" ist einer der sieben Sätze, die der Minister den Journalisten auf dem Originaldokument präsentiert. Die Medien - auch die FTD - haben ihre Schlagzeile: "Amokläufer kündigte Tat im Internet an".
Potential statt Potenzial. So schrieb man bis 1996, als die neue Rechtschreibung verabschiedet wurde. Da war Tim K. gerade einmal vier Jahre alt. Doch Staatsanwaltschaft, Ermittler und Polizei wischen alle kritischen Nachfragen beiseite. Erstens gebe es Zeugen des nächtlichen Chats, wenden sie ein. Zweitens habe man den Dialog auf Tims Computer gefunden. Später stellt sich heraus. Beides ist falsch - und der angebliche Chat auch.
Bilderserie Bilderserie: Trauer und Entsetzen in Winnenden
Bei der Suche nach einem Motiv, für die Bewältigung von Leid und Trauer über 16 Tote spielt der Kommunikations-GAU des Heribert Rech nur eine Nebenrolle. Doch was sich seit dem Blutbad von Winnenden abspielt, ist eine Zäsur in der Mediengeschichte der Republik. Erstmals und dann gleich mit der vollen Wucht eines Amoklaufs bekommt eine breite Öffentlichkeit die Chancen vom Web 2.0 mit seinen sozialen Netzwerken, Twittern oder Blogs vor Augen geführt - aber auch dessen Gefahren.
Ist das neue Internet eine grenzenlose Quelle kostenloser Informationen für jedermann oder bloß ein Tummelplatz für Scharlatane und Lügner? Diese Frage wühlt gerade Millionen von Usern auf. "Die Katastrophe von Winnenden ist der erste Fall in Deutschland, der eine bedeutende Debatte um das Web 2.0 nach sich zieht", sagt Christoph Neuberger, Medienwissenschaftler der Universität Münster und Experte für Internetkommunikation.
Wem kann man noch trauen? Selbst den staatlichen Ermittlern mit ihrem exklusiven Zugang zu vielen Informationen fällt es ungemein schwer, zwischen wahren und falschen Nachrichten und Profilen im Web 2.0 zu unterscheiden, zwischen einer verlässlichen Quelle und Scherzkeksen, Wichtigtuern oder Forentrollen. Zugleich setzt das Internet mit seiner Flut aus immer neuen Nachrichten und Gerüchten die Behörden, Politiker und auch konventionelle Medien unter Druck, schneller als bisher Nachrichten zu verbreiten, das Tempo des WWW mitzugehen - und dabei Fehler zu machen.

Teil 2: Das Netz schafft einen ungleichen Wettlauf der Wahrheiten

  • Aus der FTD vom 16.03.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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