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Merken   Drucken   02.05.2004, 20:48 Schriftgröße: AAA

Agenda: Der Angriff der Good Guys von Google

Tu nichts Böses, lautet die Maxime der Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page. Bisher haben sie damit gutes Geld verdient. Jetzt müssen sie die Kapitalmärkte von ihrer Unternehmenskultur begeistern. von Helene Laube, San Francisco, und Martin Virtel, Hamburg
Die Google-Gründer Sergey Brin, (li.) und Larry Page   Die Google-Gründer Sergey Brin, (li.) und Larry Page
Der Firmenparkplatz am 1600 Amphitheatre Parkway könnte bald in neuem Glanz erstrahlen. Noch dominieren vor dem modernen Glasbau einfache Mittelklassewagen. Doch schon bald wird wohl so mancher Ford oder Honda gegen einen Porsche oder BMW ausgetauscht werden. Jedenfalls, wenn es diesmal wieder so kommt, wie vor einigen Jahren bei Siebel, Netscape oder Apple: Dort glichen die Parkplätze nach dem Börsengang der Unternehmen einer Leistungsschau der deutschen Automobiltechnik.
Auch viele Mitarbeiter von Google dürften sich demnächst einen neuen Flitzer Made in Germany leisten können. Denn die Besitzer der Mittelklassewagen, die in dem Glasbau im Herzen des Silicon Valley ihrer Arbeit nachgehen, sind Teilhaber ihres Unternehmens, das die meistgenutzte Suchmaschine im World Wide Web betreibt. Zusammen halten die knapp 2000 Googler etwa zehn Prozent der Aktien. Wenn ihr Arbeitgeber, wie am Donnerstag vergangener Woche angekündigt, demnächst an die Börse geht, werden sie gemeinsam über ein Aktienvermögen im Wert von bis zu 3 Mrd. $ verfügen - der Börsenwert von Google wird auf bis zu 30 Mrd. $ geschätzt.
Einzigartige Unternehmenskultur
Die 1998 gegründete Aktiengesellschaft ist nicht nur eine Internet-Ikone, sondern eine hochrentierliche Cash-Maschine mit stetig steigenden Umsätzen und Gewinnen. Schon jetzt verfügt Google über eine halbe Milliarde Dollar Reserven, der Aktienverkauf soll noch einmal 2,718281828 Mrd. $ hereinspülen. Dieser Wert aus der offiziellen Anmeldung des Börsengangs bei der US-Börsenaufsicht SEC entspricht der mathematischen Konstante "e", der Eulerschen Zahl und Basis des natürlichen Logarithmus - ein kleiner Scherz unter Akademikern, und zugleich ein Sinnbild für die Hoffnung der Firmengründer Sergey Brin und Larry Page, im Milliardenspiel am Kapitalmarkt mit seinen streng gewinnorientierten Investmentbankern und oftmals allzu kurzsichtigen Analysten ihre einzigartige Unternehmenskultur nicht preisgeben zu müssen.
"Wir bemühen uns, Google wie eine Informatikfakultät zu führen", hatte Co-Gründer Page im vergangenen September in einem Interview mit der FTD gesagt. Das Credo lautet: "Google muss unvorhersehbar bleiben." Im Börsenprospekt, das Ende vergangener Woche veröffentlicht wurde, warnt Page seine zukünftigen Aktionäre in einem einleitenden Brief: "Seien Sie nicht überrascht, wenn wir kleinere Summen auf Dinge setzen, die sehr spekulativ oder sogar seltsam anmuten."
So kann nur jemand denken, der wie Brin und Page im Alter von 25 Jahren seine Doktorarbeit an der US-Eliteuni Stanford unterbrochen hat, um einen Milliardenmarkt zu schaffen. Ursprünglich waren die beiden allein von dem Gedanken beseelt, die beste Suchmaschine der Welt zu konstruieren und so den Ozean digital vorhandener Information für jedermann navigierbar zu machen. Von Werbung wollten beide wenig wissen. 1999 lag ihr Umsatz denn auch bei gerade mal 220.000 $, der Verlust betrug stolze 6 Mio. $; auch im Jahr 2000 sah das Geschäft mit Einnahmen von 19 Mio. $ und einem Verlust von knapp 15 Mio. $ noch nicht sehr viel versprechend aus.
Lukratives Geschäftsmodell
Dann holten die Gründer im Juli 2001 den ehemaligen Chef des Softwareunternehmens Novell, Eric Schmidt, an Bord und mit ihm ein Geschäftsmodell, mit dem Google binnen drei Jahren 1,4 Mrd. $ Umsatz geschafft hat. Die Einnahmen aus dem Geschäft mit Suchmaschinen-Anzeigen, jene unauffälligen, bezahlten Hinweise, die sich mittlerweile auf jeder Seite mit Resultaten der Internetsuche finden, machen inzwischen rund 95 Prozent der Erlöse aus. Im ersten Quartal dieses Jahres lag der Umsatz bei 390 Mio. $.
So haben Brin und Page mit Hilfe des Managementprofis Schmidt binnen sechs Jahren aus einem Studentenprojekt das Vorzeigeunternehmen des Silicon Valley gemacht; ihre Internetfirma ist für die Börse und das Technologietal südlich von San Francisco der Hoffnungsträger schlechthin - nun müssen sie zeigen, dass sie sich mit ihren idealistischen Grundsätzen gegen immer aggressiver auftretende Wettbewerber und die Kultur der Wall Street behaupten können. Firmen wie Yahoo - einer der größten Google-Konkurrenten - haben vorgemacht, wie schnell und hart der Niedergang vom bejubelten Börsenneuling zur digitalen Investitionsruine (und wieder zurück zum profitablen Internet-Medienkonzern) sein kann.
Im Börsenprospekt entwerfen der 31-jährige Brin und sein ein Jahr älterer Partner Page ein detailliertes Gegenprogramm zum Wall-Street-Kapitalismus, das von der Quartalsdenke der Finanzmärkte gedanklich so weit entfernt ist wie der Campus von Stanford von den Häuserschluchten Manhattans. Kern der Abwehrstrategie ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Damit die beiden Gründer und CEO Schmidt alle wichtigen Entscheidungen unter sich ausmachen können und "nicht unnötig alle unsere Stärken, Strategien und Absichten offen legen" müssen, wird Google zwei Aktientypen ausgeben: Stammaktien mit einer Stimme und Stammaktien mit je zehn Stimmen. Die Mehrheit der Stimmen bleibt auf absehbare Zeit bei Brin, Page und Schmidt. "Zwischen uns gibt es eine sehr hübsche Art on Balance", beschreibt Brin das Verhältnis der beiden jungen Gründer zum 48 Jahre alten Vorstandschef. Im Prospekt steht, dass die drei Topmanager ihr Unternehmen "ohne nennenswerte interne Konflikte, aber mit gesunden Debatten" führen.
Suchmaschinen und ihr Anteil an englischsprachigen Nutzern   Suchmaschinen und ihr Anteil an englischsprachigen Nutzern
Wenig Einfluss
"Neue Investoren werden an Googles langfristigem Wachstum voll teilnehmen, aber weniger Einfluss auf die strategischen Entscheidungen haben, als dies bei anderen börsennotierten Unternehmen der Fall ist", heißt es im Prospekt weiter. Google beruft sich auf Medienkonzerne wie die Washington Post oder die New York Times, bei denen ein starker Einfluss der Gründer und die geringe Macht der Geldgeber Reputierlichkeit garantiert. Investorenlegende Warren Buffet, bei dem sich Brin und Page einen Teil der Inspiration für ihr Börsenprospekt holten, gefällt die Strategie: "Ich mag ihre Prosa", lobt der Weise von Omaha den Prospekt, "Es gefällt uns ungemein, dass auch andere Leute es für eine gute Idee halten, mit ihren Anteilseignern eine klare Sprache zu sprechen."
Ein weiteres Indiz, dass Brin und Page nicht daran denken, nach den Spielregeln der Wall Street zu spielen, ist ihr ungewöhnliches siebenseitiges Manifest, das sie dem am Donnerstag bei der US-Wertpapierhandelsaufsicht eingereichten Prospekt beilegten. Der Schriftsatz - ganz im Ton der bei Google herrschenden, wohltemperierten Selbstüberhebung gehalten - eignet sich dazu, ohnehin bereits euphorisierte Beobachter weiter anzuheizen. Interessenten werden mit einer Mischung aus Optimismus, Vertrauen in die eigene Genialität und Einzigartigkeit, Systemkritik und Risikowarnungen auf das größte Börsenereignis seit zehn Jahren eingestimmt.
Bleiben sollen nicht nur längst totgeglaubte Dotcom-Eigenheiten wie das Inline-Hockey-Spiel der Mitarbeiter in der Mittagspause, die Gratiskantine und der Fitnessraum mit Sauna, sondern auch das Ziel, mit der Google-Suchmaschine eine "Institution" zu schaffen, die "aus der Welt einen besseren Ort macht". Anders als andere börsennotierten Unternehmen wird Google keine marktgängigen Quartalsprognosen abgeben, da diese kurzfristigen Vorhersagen den Aktionären nur schaden würden. "Ein von einer Reihe kurzfristiger Ziele abgelenktes Führungsteam ist so zwecklos wie jemand, der während einer Diät alle halbe Stunde auf die Waage steigt", schreiben die beiden Gründer. Sie wollen weiter an ihrem Firmenmotto "Tu nichts Böses" festhalten und für das langfristige Wohl der Firma auf kurzfristige Gewinne verzichten: "Das ist ein wichtiger Aspekt unserer Kultur, der von allen Mitarbeitern geteilt wird."
Größeres Leistungsangebot
Deren Produktivität glauben die Google-Führer steigern zu können, indem sie - gegen den herrschenden Trend - die Versorgung der Beschäftigten noch ausbauen. "Sie können davon ausgehen, dass wir mehr Leistungen anbieten werden, nicht weniger", heißt es in Page und Brins "Bedienungsanleitung für Google-Aktionäre".
Ob die neuen Anteilseigner den Erhalt dieses Arbeitnehmerparadieses auf Dauer mittragen werden, ist fraglich. "Es ist immer schwierig, in einem wachsenden Unternehmen eine bestimmte Kultur zu erhalten", sagt Danny Sullivan, Herausgeber des Branchen-Newsletters "Search Engine Watch". Google werde als öffentliches Unternehmen sicherlich aggressiver hinter neuen Umsätzen her sein, "aber solange Larry und Sergey an der Spitze sind, wird ihre Tu-nichts-Böses-Idee überleben", glaubt Sullivan.
"Wir sind unter anderem so erfolgreich, weil wir der Versuchung, das schnelle Geld zu machen, bisher widerstanden haben", sagt Googles technische Leiter Urs Hölzle. Auch nach einem Börsengang werde das Unternehmen seine Prinzipien nicht für mehr Umsatz und Gewinn über Bord werfen. Wichtiger, als "kurzfristig einen Deal abzuschließen, um sein Quartal zu schaffen", sei es, die Google-Produkte noch besser zu machen, erklärt der 40-jährige Schweizer, der 1999 als einer der ersten Mitarbeiter zu Google stieß.
Konflikte aus dem Weg gehen
Das alles klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Und tatsächlich tut sich auch Google schwer, seinen Nutzern Verbesserungen anzubieten, die beim Geldverdienen stören könnten. Technisch wäre es etwa kein Problem, eine Spezialsuche für Stellenanzeigen einzuführen. Doch das würde Internet-Stellenmärkten wie Monster.com das Geschäft verderben. "Diese Firmen schalten viele Anzeigen bei uns. Eine Suchmaschine für Stellenanzeigen würde für Konfliktstoff sorgen", räumt Google-Vorstandsmitglied Omid Kordestani ein.
Ohne solche kleinen Abweichungen von der reinen Lehre wäre es Google wohl kaum gelungen, sich im Wettbewerb mit aggressiv agierenden Konkurrenten wie Microsoft oder Yahoo zu behaupten. Beide Konzerne haben die Internetsuche als wichtigen Motor für ihr Umsatzwachstum ausgemacht - und Analysten sagen Google schwere Zeiten voraus. "Das Web verändert sich, Google ist nur ein Schritt auf dem langen Marsch zu besseren Arbeitsmitteln", sagt George Colony, Chef des US-Marktforschers Forrester Research.
Wettbewerb mit Microsoft
Microsoft  investiert derzeit Milliarden in seine Suchtechnologie, um Google die Marktführerschaft abzujagen. Der Softwaregigant hat schon bewiesen, dass er selbst bei einem späten Markteinstieg in der Lage ist, Rivalen in den Untergang zu treiben. Das bewährte Rezept: Die hauseigene Suchmaschine soll in den Onlinedienst MSN und das marktbeherrschende Betriebssystem Windows eingebaut werden.
Yahoo hat in den vergangenen Monaten ebenfalls Milliarden für Suchunternehmen wie Inktomi und Overture ausgegeben und seinen bisherigen Suchmaschinentechnologie-Lieferanten Google vor die Tür gesetzt. Das weltgrößte Internetportal habe mit dem Ausbau seines Suchgeschäfts "erst angefangen", droht Yahoo-Chef Terry Semel.
Die Händler deutscher Luxuskarossen in Mountain View mögen derzeit nicht verraten, ob die Zahl der Bestellungen im Vorfeld des Google-Börsengangs deutlich gestiegen ist. Möglicherweise sind die Googler mit ihren Fords und Hondas ganz zufrieden. Und vielleicht ahnen sie, dass sie erst noch zeigen müssen, dass sie sich einen Porsche oder BMW wirklich verdient haben.

Aktien-Auktion: Achtung Anleger!
Von Dirk Benninghoff
Was viele Experten vor einigen Monaten noch als Marketing-Gag abgetan haben, bewahrheitet sich nun: Google versteigert seine Aktien im Internet. Das ist nicht nur ein ungewöhnliches Verfahren, sondern auch ein riskantes - in erster Linie für die Anleger.
Beim üblichen Bookbuilding-Verfahren werden die Aktien in der Regel in einer Spanne angeboten. Die Nachfrage am Markt entscheidet dann, ob die Papiere am oberen oder unteren Rand dieser Spanne an den Markt kommen. Seltener bieten Unternehmen und Konsortialbanken die neuen Aktien zu einem Festpreis an. Die Mitteldeutschen Fahrradwerke, die im Mai an die Börse gehen wollen, setzen auf diese Variante. Egal, ob Preisspanne oder Festpreis: Die Konsortialbanken können im so genannten Pre-Marketing und im Vergleich mit ähnlichen Unternehmen einen angemessenen Preis für die neuen Papiere finden. Anders bei der Online-Auktion: Hier ist die Gefahr, dass sich die Investoren hochschaukeln und die Titel dann zu "Mondpreisen" an den Markt kommen. Gerade bei einem begehrten Börsengang wie dem von Google ist dies der Fall, da viele Investoren unter allen Umständen dabei sein wollen. Der Investor muss dann unter Umständen am ersten Börsentag mitansehen, wie seine Aktie abstürzt.
So gab es viel Kritik, als Google im vergangenen Oktober erstmals ankündigte, seine Aktien online versteigern zu wollen. Einmütig verurteilten Banken und Aktionärsschützer, die eigentlich selten eine Einheit bildeten, die Aktion. Der Preis werde ins "Utopische katapultiert", fürchtete beispielsweise die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).
In Deutschland hat erst ein Unternehmen seine Papiere versteigert. Die Trius AG ging auf diese Art im März 2000 an den Neuen Markt. Das Unternehmen sollte allerdings besser nicht als Vorbild für Google dienen: Es befindet sich in Auflösung, die Aktie, durch die Auktion ambitioniert bewertet, rauschte schon kurz nach dem Börsengang in den Keller.
  • FTD, 02.05.2004
    © 2004 Financial Times Deutschland,
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