Merken   Drucken   01.06.2008, 19:31 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die T-Akte

Exklusiv Im Auftrag der Telekom spähten Detektive zwei Wochen lang FTD-Reporter Tasso Enzweiler aus. Ein interner Bericht dokumentiert, wie akribisch sie dabei vorgingen: die früheren Stasi-Spitzel machten nicht einmal vor Ehefrau und Kindern halt. von Leo Müller (Zürich) und Jens Brambusch (Hamburg)
Die Verzweiflung in der Bonner Telekom-Zentrale muss groß sein im Frühjahr 2000. Fast täglich erscheinen in diesen Tagen Negativberichte über den ehemaligen Staatskonzern und seinen Vorstandschef Ron Sommer. Auch in der Financial Times Deutschland: "Deutsche Telekom zehrt massiv von ihrer Substanz", müssen die Konzernoberen dort etwa am 14. März lesen, "Gewinn der Telekom schrumpft weiter" am 19. April. Die Artikel fußen auf vertraulichen Informationen, die nur einem engen Zirkel zugänglich sind. Autor der Stücke: der damalige FTD-Chefreporter Tasso Enzweiler.
Im Auftrag der Telekom-Konzernsicherheit beginnt die Wirtschaftsdetektei Control Risks Deutschland (CRD) der Sache nachzugehen. Die Fahnder gehen davon aus, dass Enzweiler einen Informanten in der Konzernspitze hat. Control Risks lässt den Journalisten beschatten. Den Auftrag führen Mitarbeiter der Berliner Desa Investigation & Risk Protection aus. Die Firmengründer sind Profis, ausgebildet von der Stasi. Die Hauptabteilung II des Ministeriums für Staatssicherheit, in der die beiden gearbeitet haben, war unter anderem für die Bespitzelung westlicher Journalisten zuständig.
Vorstandschef René Obermann während der Hauptversammlung der ...   Vorstandschef René Obermann während der Hauptversammlung der Deutsche Telekom in Köln.
Die Desa-Leute kundschaften Enzweilers Büro aus, folgen ihm auf Schritt und Tritt. 24 Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. Zwei Wochen lang. Mindestens zwei Teams mit jeweils zwei Schnüfflern wechseln sich ab. Das geht aus einem 16-seitigen Bericht von Control Risks an den Auftraggeber Telekom hervor, der "Capital" und Financial Times Deutschland vorliegt.
In bestem Geheimdienstjargon wird darin der Auftrag an die Spitzel formuliert:
"Vorrangiges Ziel aller Ermittlungen in dieser Phase war es, ein möglichst umfassendes Bild der Zielperson (ZP) zu erstellen. Dies beinhaltet ein Datenbankresearch (...), um eventuelle Eingrenzungen in Bezug auf die Informationsweitergabe eruieren zu können. Zudem sollte eine vertiefte Hintergrundüberprüfung, eine Observation und ein psychologisches Profil der ZP erstellt werden, damit in einem zweiten Schritt auf Grundlage von gesicherten Informationen operative Maßnahmen eingeleitet werden können."
Zunächst wertet Control Risks Enzweilers Telekom-Artikel aus. In 17 von 35 Artikeln soll er Insiderinformationen verwendet haben. Mithilfe eines Algorithmus will man herausfinden, ob die Negativberichterstattung davon abhängt, dass "die ZP über eine interne Quelle in der DTAG (Anm. d. Red.: Deutschen Telekom AG) verfügt". Dabei bedienen sich die Ermittler Kendalls Korrelationskoeffizienten zur Messung bivariater Zusammenhänge - einer klassischen Geheimdienstmethode. Das Ergebnis ist für die Ermittler indes ernüchternd:
"Aufgrund der CRD vorliegenden Veröffentlichungen kann kein Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein einer internen Quelle und der Negativberichterstattung über die DTAG festgestellt werden."
Nachdem die Auswertung der Texte in eine Sackgasse geführt hat, wühlen die privaten Fahnder im Umfeld Enzweilers. Die Ergebnisse führen sie in ihrem Bericht unter Punkt 2.2 ("Vertiefte Hintergrundüberprüfung zur Person") auf: angefangen von Telefonnummern über Familienstand und sämtliche Wohnsitze seit 1984 bis hin zu Informationen aus Kreiswehrersatzämtern und Kraftfahrzeugzulassungsstellen:
"Zur Familie gehört der Pkw mit dem amtlichen Kennzeichen (...). Es handelt sich um einen blauen BMW 5er Touring, der auf den Namen der Ehefrau zugelassen ist."
Es geht um mögliche Vorstrafen:
"Das Ehepaar ist in strafrechtlicher Hinsicht - bundesweit - bisher noch nicht in Erscheinung getreten."

Teil 2: "Weibliche Personen vermögen nicht die Aufmerksamkeit der ZP zu gewinnen"

  • Aus der FTD vom 02.06.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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