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Merken   Drucken   27.05.2010, 14:43 Schriftgröße: AAA

Agenda: Facebooks Weg zur dunklen Seite der Macht

Das soziale Netzwerk will an die Börse. Trickreich versucht das Unternehmen, Nutzerdaten zu vergolden - und vergrault reihenweise Mitglieder. Noch sind es 400 Millionen. Noch. Denn einige haben sich zur Massenkündigung verabredet. von Andrea Rungg, Hamburg
Der Bruch offenbart sich schon auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz Mitte April. Mark Zuckerberg  steht an diesem Tag etwas steif vor Hunderten Entwicklern auf der abgedunkelten Bühne im Design Center Concourse in San Francisco. Er ist alles andere als ein charismatischer Redner, spricht verkrampft, richtet seinen Blick wie ferngesteuert von links nach rechts ins Publikum.
Manchmal vergisst er, Luft zu holen. Der 26-Jährige wirkt, als rette er sich von Folie zu Folie. "Was wir euch heute zeigen, ist die größte Veränderung für das Web, die wir jemals gemacht haben", ruft er. Facebook will sich im Netz ausbreiten, und dafür sollen die mehr als 400 Millionen Nutzer immer öffentlicher kommunizieren, für alle sichtbar.
Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat mit seinem Unternehmen einen ...   Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat mit seinem Unternehmen einen Wendepunkt erreicht
Zuckerberg, dieser Visionär eines neuen, sozialen Internets, hat mit seinem Unternehmen einen Wendepunkt erreicht. Facebook ist dabei, seine Unschuld zu verlieren. Die Zeiten, in denen die studentisch geprägte Firma gegen das Net-Establishment rebellierte, sind vorbei. Auf Druck der Investoren versuchen Zuckerberg und eine Truppe von Managern seit ein paar Monaten, Facebook zu einer Geldmaschine zu machen, um endlich Kapital aus dem gigantischen Datenschatz des Netzwerks zu schlagen. Doch nun haben sie den Bogen überspannt. Und das Vertrauen in ihr Unternehmen zerstört.
In der Hoffnung auf neue Erlöse gibt Facebook immer mehr Informationen seiner Mitglieder weiter. Die öffentlich zugänglichen Daten in den Nutzerprofilen werden inzwischen gebündelt und anonymisiert an Werbekunden weitergereicht, damit die zielgenau Anzeigen platzieren können. Doch während die Werbewirtschaft frohlockt, schlagen die Nutzer Alarm.
Innerhalb kürzester Zeit habe das Unternehmen ihnen den Standard diktiert, alle Informationen mit möglichst allen im Netzwerk zu teilen, so die Kritik. Wer das nicht will, muss sich durch 50 Einstellungen mit 170 Optionen quälen, um annähernd den Datenschutz zu genießen, unter dem er der Seite einst seine Daten anvertraute.
Mit Empörung, Wut, sogar Hetze hat die Community auf diesen Wandel reagiert. Facebook, lange als Gegenentwurf zum Internetkraken Google  gefeiert, hat seine Anhänger verprellt. US-Senatoren, amerikanische und europäische Datenschützer, Blogger - sie alle haben sich in den vergangenen Wochen auf Facebook und das einstige Wunderkind Zuckerberg eingeschossen.
Arrogant sei das Unternehmen, wütet etwa Philip G. Baker. "Was die gemacht haben, geht darüber hinaus, wie andere beliebte Webseiten jemals eure Privatsphäre kompromittiert haben", schreibt der bekannte Blogger. Das soziale Netzwerk habe Hunderte Millionen Menschen unter der Voraussetzung angelockt, ihre Privatsphäre zu schützen. Und nun, als Zuckerberg und Co. alle süchtig gemacht hätten, öffneten sie die Informationen für alle. "Ich nenne das Lockvogeltaktik", so Baker.
Die Aufregung ist längst zu einer echten Gefahr für Facebook geworden. Mitglieder des Netzwerks haben bereits zum "Quit Facebook Day" (Verlasse-Facebook-Tag) aufgerufen. Am kommenden Montag wollen sie ihr Konto löschen. Mehr als 16.000 haben sich bereits für den Massenexodus gemeldet. In der Facebook-Zentrale im Silicon Valley nehmen sie das sehr ernst.
Am vergangenen Montag schrieb Zuckerberg in der "Washington Post": "Wir sind über das Ziel hinausgeschossen. Aber wir haben eure Reaktion verstanden." Facebook werde es seinen Nutzern künftig einfacher machen, die Privatsphäre zu schützen. Am Mittwochabend versprach er nochmals in einer Pressekonferenz eine verbesserte und leichtere Kontrolle persönlicher Inhalte wie Fotos, Videos oder Statusmeldungen.

Teil 2: Als Google-Nachfolger gehandelt

  • Aus der FTD vom 28.05.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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