Der Chef ist weg. Jahrelang hatte Josef Desimone das bei den Veganern im Google-Hauptquartier so beliebte Pilz-Cioppino angerührt und mit koscherem Salz abgeschmeckt. Oder den nach eigenem Rezept fermentierten Kombucha angesetzt. Künftig werden die Mitarbeiter von Facebook Eintopf und Erfrischungsgetränke aus seiner Küche genießen können. Desimone hat den Googleplex im kalifornischen Mountain View verlassen, um fortan die Jungs der aufstrebenden Internet-Kontaktbörse im benachbarten Palo Alto zu versorgen.
Der Jobwechsel des Oberkochs ist nur der letzte in einer Reihe von Abgängen prominenter Google-Mitarbeiter, die sich nach neuen Arbeitgebern umsehen - Verkaufschefin Sheryl Sandberg etwa, die als Chief Operating Officer zu Facebook wechselt, oder der führende Entwickler Douglas Merrill, der das digitale Geschäft des Musikkonzerns EMI leiten wird.
Die Niederlagen im "War of Talents", im Kampf um die besten jungen Köpfe, passen zum Bild, das der Suchmaschinenkonzern in diesen Tagen bietet: Die Zeit wundersamer Wachstumsraten und Kurse ist vorbei. Das Kerngeschäft ist noch ertragsstark, unangefochten, ja - und doch fehlt etwas. Der einst so hippe Konzern verliert seinen Zauber. Steckt Google in der Microsoft-Falle?
Manch schlechte Botschaft muss Google-Chef Eric E. Schmidt in letzter Zeit ertragen. Die Klickzahlen auf Anzeigen neben den Suchergebnissen flauen ab. Und der Aktienkurs ist von 742 $ im vergangenen November um knapp 40 Prozent abgestürzt.
Sogar die lange vergeblichen Attacken der Wettbewerber auf Googles Kerngeschäft zeigen Wirkung: Gemessen an den Ausgaben der Werbekunden im US-Markt konnte Yahoo den Marktanteil im ersten Quartal von 19,6 auf 24,4 Prozent steigern, während Marktführer Google um vier Prozentpunkte auf 70,4 Prozent zurückfiel.
An der Wall Street werden nun mit Spannung die Quartalsergebnisse erwartet, die Google am Donnerstagabend vorlegt - mit dem letzten Bericht war der einstige Liebling der Börsianer erstmals unter den Erwartungen geblieben. Seitdem ist die US-Wirtschaft weiter in die Rezession gerutscht. "Die Sorge wächst, dass Google gegen eine schwächelnde Wirtschaft nicht immun ist", sagt Laura Martin, Analystin bei der Soleil Group. "Wir erwarten, dass der Trend anhält." Immerhin, selbst wenn sich die Zuwachsraten abflachen, werden Umsatz und Gewinn zulegen. Google bleibt die beherrschende Macht im Online-Werbemarkt.
Doch die 1998 von den Studenten Sergej Brin und Larry Page gegründete Firma ist längst kein Newcomer mehr. Aus der Klitsche, die 2004 an die Börse ging und den Markt aufrollte, ist ein Konzern geworden, der es gemessen am Börsenwert von 140 Mrd. $ mit Industriegrößen wie Coca-Cola aufnimmt.
Teil 2: Der große Erfolg hat eine Schattenseite