Merken
Drucken
22.02.2010, 08:30
Schriftgröße: AAA
Agenda:
Nackt im Netz
Wer sozialen Netzwerken im Internet angehört, gibt seine Privatsphäre weitgehend auf. Im Kampf um Marktanteile gehen die Konzerne mit Datenschutz leichtfertig um. Der Skandal bei Google Buzz steht exemplarisch für eine ganze Branche.
von Andrea Rungg, Hamburg
und Helene Laube, San Francisco
Harriet Jacobs wiegt sich in Sicherheit. Die junge US-Amerikanerin hat sich von ihrem gewalttätigen Ex-Ehemann getrennt und alle Spuren verwischt, die Hinweise auf ihren Aufenthaltsort geben. Das Pseudonym, das sie im Internet benutzt, garantiert Anonymität. Nur ihr Google-E-Mail-Konto verrät noch ihre Identität. Hier tauscht sie sich aber nur mit ihrer Mutter und engen Freunden aus. Sie sieht ihre Privatsphäre geschützt. Und liegt völlig falsch.
Am 9. Februar stellt
Google in Kalifornien sein soziales Netzwerk Buzz vor. Die erfolgreichste Suchmaschine der Welt will mit dem neuen Dienst aus dem Stand 176 Millionen Nutzer gewinnen und die Vormachtstellung von Facebook brechen, dem mit 400 Millionen Nutzern weltweit größten sozialen Netzwerk.
Der Clou: Google Buzz greift direkt auf die Daten seiner E-Mail-Nutzer zurück. Über einen Algorithmus wertet es die E-Mail-Konten danach aus, mit welchen Kontakten die Nutzer häufig kommunizieren. Reger Schriftverkehr wird automatisch als Beleg für Freundschaft interpretiert - dem mutmaßlichen Freundeskreis steht der Zugang zu Privatdaten offen. Damit endet Harriet Jacobs Anonymität abrupt.
Wegen der früheren häufigen Kontakte wird Jacobs' Ex-Mann automatisch als "Freund" hinzugefügt. Statusmeldungen oder Blogeinträge seiner Ex sind damit auch für ihn sichtbar. Darüber hinaus offenbart Buzz ihren Aufenthaltsort und Arbeitgeber. In einem Blogeintrag klagt Jacobs den Konzern an: "Fuck you, Google! Die Sorgen um meine Privatsphäre sind nicht banal."
Fälle wie Google Buzz zeigen, dass es im Internet keine Garantie für den Schutz der Privatsphäre gibt. Allen voran die sozialen Netzwerke, die eine unerschöpfliche Quelle persönlicher Daten sind, gehen mit den Informationen oft leichtfertig um. Sie katalogisieren das Leben seiner Nutzer und schaffen damit eine ideale Plattform für die Werbebranche. Wer sich einmal beim Facebook, Myspace oder MSN angemeldet hat, kann seine Spuren kaum noch verwischen. Und wer irgendwann aussteigen will, der hat verloren: Das Internet vergisst nicht.
Die meisten scheinen sich darum nicht zu scheren. Allein bei Facebook laden Nutzer im Monat mehr als drei Milliarden Fotos hoch. Jeder von ihnen ist im Durchschnitt mit 130 Menschen vernetzt, im Facebook-Jargon "befreundet". Dieser Hype ist für Marc Zuckerberg ein Beweis dafür, dass die Ära der Privatsphäre beendet sei. "Die Leute finden es normal, nicht nur mehr Informationen unterschiedlicher Art zu teilen, sondern auch offener und mit mehr Leuten", sagte der Facebook-Gründer im Januar in San Francisco. "Diese soziale Norm ist etwas, das sich mit der Zeit verändert hat."
Teil 2: Google versucht, den Skandal herunterzuspielen
-
Aus der FTD vom 22.02.2010
© 2010 Financial Times Deutschland,
Bookmarken
Drucken
Senden
Leserbrief schreiben
Fehler melden