Dossier
Als Nokia im vergangenen Jahr das Handywerk in Bochum schloss, ging ein Aufschrei durchs Land. Dann machte Rivale RIM dem Standort neue Hoffnung. Jetzt kommt der erste Blackberry von der Ruhr auf den Markt.
von Thomas WendelBochum
Wer die Meesmannstraße dieser Tage besucht, der nimmt das Grün kaum mehr wahr. Die Bäume und Büsche, die sich draußen vor den Türen im Wind wiegten, während in den Hallen 4000 Menschen Nokia-Telefone zusammenbauten. Zehntausende pro Schicht, mehr als 30 Millionen im Jahr. Nokia zahlte über Tarif, die Werksparkplätze in Bochum-Riemke waren voll mit Autos, die Menschen motiviert. Ein in saftiges Grün gebettetes Idyll der Industriearbeit. Bis zum Juni 2008.
Jetzt liegt der Asphalt des leeren Werksparkplatzes grau in der Spätsommersonne, im Pförtnerhäuschen langweilen sich zwei Security-Leute. An der Haltestelle vor dem Werk raschelt eine zerfetzte Plastikplane im Wind - die Bochumer Verkehrsbetriebe wollten hastig das "Nokia"-Haltestellenschild zuhängen. Es hat nicht geklappt.
Nokia und Bochum. Das Synonym für einen Konzern, der im Januar 2008 verkündet, Tausende Arbeiter auf die Straße zu setzen, weil in Rumänien günstiger produziert wird - und kurz darauf einen Jahresgewinn von 7 Mrd. Euro meldet. Für den Widerstand gegen die Verlagerung von Jobs in Billiglohnländer, für rote Fahnen der IG Metall, für Mahnwachen an glutroten Feuern in Blechfässern.
Vom Industrieidyll in Bochum-Riemke ist nach der Schließung des Nokia-Werks wenig geblieben
Zwiespältige Bilanz
Dann ein Zeichen der Hoffnung: Der Nokia-Konkurrent Research In Motion (RIM) hat nach dem Abzug der Finnen im September 2008 sein erstes Forschungszentrum außerhalb Nordamerikas in Bochum eingeweiht, um dort Blackberry-E-Mail-Handys zu entwickeln. Von einem "guten Tag für das Ruhrgebiet und Bochum" sprach Christa Thoben, Nordrhein-Westfalens CDU-Wirtschaftsministerin, bei der feierlichen Eröffnung des RIM-Labors.
Die Bilanz nach einem Jahr fällt zwiespältig aus: Zwar wird der erste "Bochum-Berry" im November sein Weltdebüt feiern. Auch haben rund 120 ehemalige Nokia-Techniker bei RIM gut bezahlte Stellen gefunden. Doch das Gros der einstigen Nokia-Belegschaft ist arbeitslos geblieben. Wie unter dem Brennglas lässt sich in Bochum beobachten, wie die Globalisierung Belegschaften im Hochlohnland Deutschland spaltet, wenn Unternehmen im Standortwettbewerb nach den besten Produktionsbedingungen suchen.
Die Gewinner des Strukturwandels sitzen im Süden der Stadt. Dort ragt das Waschbetongebirge der Ruhr-Universität auf. In einem modernen Seitentrakt residiert Bernhard Krausse. "Ich bin als einer der Ersten von RIM angesprochen worden", sagt der 44-jährige Elektrotechniker. Krausse war früher wer bei Nokia: Er leitete die weltweite Entwicklung der Oberklassehandys der N-Serie - mit 140 Technikern in Bochum und weiteren im kanadischen Vancouver und an zwei Standorten in Finnland.
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