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Merken   Drucken   18.11.2012, 20:00 Schriftgröße: AAA

Agenda: Wie gefährlich ist Huawei?  

Der chinesische Hightech-Konzern ist Symbol für Chinas Aufstieg in die industrielle Oberklasse der Welt. Im Westen fürchten sich Politiker und Manager vor der unheimlichen Macht des Giganten. Innenansichten eines IT-Riesen, der zum Opfer des eigenen Erfolgs geworden ist.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Mauritz Antin
Premium Der chinesische Hightech-Konzern ist Symbol für Chinas Aufstieg in die industrielle Oberklasse der Welt. Im Westen fürchten sich Politiker und Manager vor der unheimlichen Macht des Giganten. Innenansichten eines IT-Riesen, der zum Opfer des eigenen Erfolgs geworden ist.
von und Shenzhen/Berlin

Ren Zhengfei, das ist der große Unbekannte der IT-Industrie. Er hat den chinesischen Hightechgiganten Huawei gegründet und ist bis heute der Chef. In seinen Fabriken lässt er die Knotenpunkte des Internets und der Mobilfunknetze produzieren. Das macht diesen Mann so mächtig. Die zentrale Frage, die sich derzeit westliche Manager und Politiker stellen, lautet daher: Wie gefährlich ist Ren Zhengfei?

Wer das wissen will, sollte in die Wrangelstraße nach Berlin-Kreuzberg fahren. Dort residiert im Hinterhof die Firma Recurity Labs. Vier Treppen geht es in dem alten Ziegelsteinbau nach oben, die steinernen Stufen teils gesplittert, durch eine Metalltür, in eine Fabriketage. Zehn Computernerds arbeiten still an ihren Rechnern, dazu Felix Lindner, Hacker und Chef der IT-Sicherheitsfirma. Wie seine Angestellten ist "FX", wie er in der Szene heißt, ganz in Schwarz gekleidet. Dieser FX hat ein spezielles Hobby: Er hackt Internetvermittlungsrechner, sogenannte Router, um zu sehen, wie gut sie geschützt sind. Darum kann er so viel über Huawei erzählen, diesen Riesenkonzern mit 32,7 Mrd. Euro Umsatz.

"Mich interessiert nicht, ob ein Geheimdienst in die Geräte einbrechen kann", sagt Lindner, "mich interessiert, ob das auch ein Punker schafft". Und der Punker schaffe es. Zwar seien auch die Geräte westlicher Hersteller oft schlampig programmiert. Aber bei Huawei sehe selbst die Software "der großen Büchsen" - jener Router, die in Telekommunikationsnetzen verbaut werden - "ziemlich zusammengelötet aus". Passwörter seien teils fest einprogrammiert. "Das macht man nicht mehr." Obendrein beherrschten die Programmierer oft nicht einmal einfachstes Englisch: "Ich habe sogar schon das Passwort ,Supperman‘ gefunden", sagt Lindner und lacht.

Mit solchen Aussagen über Sicherheitslücken in Huawei-Produkten hat er ein globales Beben ausgelöst. Für den Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses im US-Repräsentantenhaus, Mike Rogers, waren sie ein weiterer willkommener Anlass, Huawei als "eine Bedrohung für die nationale Sicherheit" einzustufen. Als große Gefahr aus Fernost, Einfallstor für kommunistische Spione und Cyberterroristen. Passt lieber auf, Amerikaner, mit wem ihr euch da einlasst. Und die Chinesen schossen zurück: Die Verdächtigungen seien grundlos, sie offenbarten eine "Mentalität wie im Kalten Krieg", sagte Chinas Handelsminister Chen Deming vergangene Woche.

Huawei ist schließlich nicht irgendein chinesisches Unternehmen. Huawei ist der Hightechvorzeigekonzern des Landes, Symbol für den Aufstieg Chinas in die industrielle Oberklasse. Die 150.000 Mitarbeiter sind nicht nur dabei, Ericsson  als Nummer eins auf dem Markt für Telekomnetzausrüstungen abzulösen; sie wollen bis 2015 auch zu den größten drei Handyherstellern der Welt gehören - und obendrein IT-Schwergewichten wie IBM , Hewlett-Packard  oder T-Systems Großkunden abspenstig machen. Der Umsatz soll im nächsten Jahrzehnt auf 100 Mrd. Dollar steigen. Dieses Ziel hat Ren Zhengfei, der starke Lenker im Hintergrund, ausgegeben.

Bislang ging es nur steil nach oben. Mit umgerechnet rund 5000 Dollar Startkapital gründete Ren die Firma 1987 als Importeur von Telefonvermittlungstechnik. Wenige Jahre später produzierte das kleine Unternehmen schon eigene Geräte. Sie waren besser als die der chinesischen Konkurrenz. Ren, dem nachgesagt wird, er trage gern Mao-Anzüge, ließ sich bei seiner Strategie vom großen Steuermann inspirieren: Sein langer Marsch führte über Chinas Provinz in die Städte, über Entwicklungsländer in die Industriestaaten. Huawei kümmerte sich zuerst um Märkte wie Afrika, die andere nur nebenbei bedienten. Heute ist der Konzern in mehr als 140 Ländern aktiv, auch die Mobilfunkbetreiber Europas arbeiteten mit den Chinesen zusammen, die stets um zehn, 20 Prozent billiger als die Konkurrenz sind.

Ren, inzwischen 68, war einst Elektroingenieur in einem Korps der Volksbefreiungsarmee. Und damit fangen die Probleme an: Ren unterhalte immer noch beste Drähte ins chinesische Militär, behaupten US-Sicherheitspolitiker. Die Behörden seien kurz davor, Hintertüren des chinesischen Geheimdienstes in Huaweis Geräten zu enttarnen, raunen Vertreter westlicher Konkurrenten seit Jahren hinter vorgehaltener Hand. Gefunden wurde nie etwas.

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Wegen Sicherheitsbedenken stoppten US-Politiker trotzdem mehrere Milliardengeschäfte Huaweis in Amerika. In Australien wurden die Chinesen vom Bau eines milliardenteuren Glasfasernetzes ausgeschlossen. Cisco -Chef John Chambers beschuldigte Huawei des Softwarediebstahls. Und als 2009 chinesische Staatsbanken Huawei und dem zweiten großen Netzwerkausrüster des Landes, ZTE, Kreditlinien über zusammen 55 Mrd. Dollar zur Exportfinanzierung einräumten, war es auch in Europa zu viel: Die EU eröffnete ein Untersuchungsverfahren wegen des Verdachts unzulässiger Dumpingangebote - das aber inzwischen auf Eis liegt.

Ist Huawei also eine Dependance des chinesischen Geheimdienstes, die geistiges Eigentum raubt und mit unlauteren Wettbewerbsmethoden der Welt ihr Telekomgerät unterjubelt? Und ist Ren Zhengfei der große, schwarze Mann der IT-Industrie?

In Shenzhen, dem Sitz der Konzernzentrale, hat es sich Chen Lifang, 41, auf der Ledercouch des New World Club bequem gemacht. Chen, graubraunes Businesskostüm, adrette Kurzhaarfrisur, ist das Gesicht von Huawei. Sie sitzt im Vorstand des Konzerns und ist zuständig für PR, Lobbying und Cybersicherheit. Hier, inmitten des Konzern-Campus, empfängt sie gern ausländische Gäste. "Es hat nie Vorfälle oder konkrete Beanstandungen in Sachen Sicherheit unserer Produkte gegeben", sagt sie und bestreitet alle Vorwürfe. Huawei habe seine Erfolge nicht dem Staat zu verdanken. "Es gibt weder wettbewerbswidrige Subventionen noch günstig verzinste Kredite staatlicher Banken." Von der Exportkreditlinie hätten Huaweis Kunden nur einen kleinen Teil in Anspruch genommen. 74 Prozent der 4,6 Mrd. Dollar Neufinanzierungen in 2011 seien Kredite ausländischer Banken gewesen. Auch in Sachen Sicherheit bemühe man sich um Transparenz: Den Regierungen Großbritanniens, Australiens und Indiens habe man zu Prüfzwecken die Codes von Software offengelegt. Selbst zwei Abgeordnete des amerikanischen Geheimdienstausschusses wurden kürzlich in der Zentrale herumgeführt.

Was man dort zu sehen bekommt, hat tatsächlich wenig zu tun mit dem Klischee eines dunklen Staatskonzerns. Riesige, von Toparchitekten entworfene Bürogebäude, Fitnesszentren, Dutzende Kantinen, den Baicao Garden Club mit Schwimmbad und Freizeitsportanlagen, eine Klinik, kleine und größere Fischteiche. Rasen, Blumenbeete und Bäume sind penibel gepflegt - und das nicht nur hier, sondern auch in der rund 30 Kilometer entfernten Fabrik in Shenzhens Millionenvorstadt Dongguan.

Ren Zhengfei ist Gründer und Chef von Huawei   Ren Zhengfei ist Gründer und Chef von Huawei

Hier sollen bald bis zu 16.000 Menschen arbeiten, in zwei Schichten je acht Stunden. Alle zwei Stunden gebe es zehn Minuten Pause, erklärt der Fabrikleiter beim Rundgang. Keine Spur von Arbeitsverhältnissen wie beim Apple-Auftragsfertiger Foxconn, der eine seiner berüchtigten Megafabriken gleich gegenüber der Huawei-Zentrale errichtet hat.

Huawei ähnelt auch geschäftlich eher Apple  als Foxconn . Mehr als 70 Prozent der Produktion sind ausgelagert, unter anderem an Foxconn und Flextronics aus Singapur. Fast 70.000 der insgesamt 150.000 Beschäftigten arbeiten in der Forschung und Entwicklung, 7200 führen einen Doktortitel. 3,8 Mrd. Dollar hat der Konzern allein 2011 in die Produktentwicklung gesteckt, weltweit fast 50.000 Patente angemeldet. Huawei gilt als mitführend bei der Technologie für die neuen LTE-Mobilfunknetze. Selbst Chips entwickeln die Chinesen auf eigene Faust.

Um auch organisatorisch auf der Höhe der Zeit zu bleiben, steckt der Konzern, so ist zu hören, seit 1997 jährlich bis zu drei Prozent des Umsatzes in Beratungsleistungen westlicher Tophäuser wie Accenture oder PwC. Und ein Vorbild nennen Huaweis Manager immer wieder: Man wolle so werden wie IBM, ein Unternehmen, dass sich stets neu erfinde.

Möglicherweise ist dies das Hauptproblem. Huawei setzt längst nicht mehr nur den Telekomausrüstern Ericsson, Nokia Siemens Networks und Alcatel-Lucent  zu; die Chinesen bedrohen auch die Vorherrschaft von Konzernen wie Cisco oder IBM. Da ist es leicht, die Sicherheitskarte zu spielen, wenn es eigentlich um Protektionismus geht. Huawei droht zum Opfer des eigenen Erfolgs zu werden.

Es ist die Intransparenz, die Andersartigkeit, die Raum für Spekulationen eröffnet. Immerhin veröffentlicht Huawei seit Kurzem detaillierte Jahresberichte, aus denen die wichtigsten Kennzahlen hervorgehen. Alle sechs Monate rotiert einer der drei Topvorstände in die operative Führung - nur Ren Zhengfei dirigiert stets mit. Bekannt ist außerdem, dass der Gründer 1,4 Prozent des Unternehmens besitzt. Der Rest gehört einem Betriebskollektiv aus rund 66.000 Mitarbeitern. Je nach Leistungsbeurteilung werden den Beschäftigten jährlich Anteile zum Kauf angeboten. Scheiden Mitarbeiter aus, kauft das Kollektiv die Anteile zum Nominalwert zurück. Das Lukrative sind die jährlich bis zu 20 Prozent Dividende. Ein exklusiver Zirkel von 51 Mitarbeitern bestimmt, wie viele Anteile die Mitarbeiter zugeteilt bekommen und wer in den 13-köpfigen Huawei-Vorstand berufen wird. Dieser Zirkel werde vom Kollektiv gewählt, heißt es. Wie das geschieht, bleibt im Dunkeln.

Übernahmen und Beteiligungen Chinas große Einkaufstour im Westen

Ist es doch die chinesische Partei, die den Konzern kontrolliert? Oder gar das Militär, wie der US-Geheimdienstausschuss nahelegt? "Wenn Ihnen Ihr geistiges Eigentum am Herzen liegt, wenn Ihnen der Schutz ihrer Kundendaten wichtig ist, und wenn sie an der nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten von Amerika interessiert sind, dann würde ich mir einen anderen Anbieter suchen", empfiehlt unverhohlen der Ausschussvorsitzende Rogers.

Längst haben die Chinesen eine Transparenzoffensive gestartet. Es sei viel Paranoia im Spiel, sagt John Suffolk, Huaweis Cybersicherheitschef. "Die Leute verstehen nicht, wie das moderne China tickt." Suffolk war fünf Jahre IT-Chef der britischen Regierung, seit Oktober 2011 ist er bei Huawei. Mit der Regierung in London hat er eine Sicherheitspartnerschaft geschlossen: In einem gemeinsamen Forschungszentrum werden nun Huawei-Produkte geprüft und zertifiziert. Im Gegenzug besuchte Huawei-Gründer Ren den britischen Premier David Cameron - inklusive Investitionszusagen von 2 Mrd. Dollar für Großbritannien. Mit ähnlichen Modellen will Suffolk auch anderswo Vertrauen schaffen.

Auch von Felix Lindner, dem deutschen Hacker, hat Suffolk gehört. Sein Team wolle ihn demnächst in Berlin aufsuchen, verkündete er gerade. Lindner hat davon im Internet gelesen.

Sind Huawei und Ren Zhengfei nun gefährlich?

Der Hacker ist überzeugt, dass die Hardware von Huawei nicht schlechter ist als die der Konkurrenz. Er glaubt auch nicht, dass Huawei für China spioniert. Ein großes Problem sei nur die Software. Dass sie so löchrig ist, sei derzeit vermutlich vor allem Amerikas Geheimdiensten ganz recht, vermutet er - schließlich stecke die Technik "vor allem in China und nicht in den USA" in den Netzen. Es lasse sich zudem noch nicht sagen, ob die Chinesen durch die Sicherheitsdiskussion wirklich etwas ändern wollten. "Dazu wäre ein konsequenter Umbau der Produktionsabläufe nötig." Das, sagt Lindner, würde aber die Kosten nach oben treiben, Huaweis Preisvorteil wäre dahin. Und wer kauft dann noch chinesische Router?

Ren Zhengfei, so sieht es aus, wird sich an schwächere Wachstumsraten gewöhnen müssen. Er steckt in einem Dilemma: Macht Huawei Ernst mit der Sicherheit, greifen die Kunden zu Konkurrenzprodukten; macht man so weiter wie bisher, werden die Sicherheitsbedenken das Geschäft vermasseln. Klar ist nur eins: Ren und Huawei werden ihren Schrecken verlieren. Auf die eine oder andere Weise

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  • Aus der FTD vom 19.11.2012
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