Die Deutsche Telekom versucht erneut, in den deutschen TV-Kabelmarkt einzusteigen. Der DAX-Konzern gehört zu mindestens vier Interessenten, die Ende Juli Gebote für den Betreiber Primacom abgegeben haben. Dies erfuhr die FTD von mehreren mit dem Vorgang vertrauten Personen. Zu den weiteren Bietern gehören der Investor Star Capital Partners, DTK Deutsche Telekabel sowie ein weiterer unbekannter Finanzinvestor. Star Capital besitzt bereits den deutschen Kabelnetzbetreiber Pepcom.
Bewegung in den jahrelang starren Kabelmarkt hat Liberty Global gebracht. Dem Konzern des Milliardärs John Malone gelang es, die Übernahme von Kabel BW durch Unitymedia bei den Kartellbehörden Ende 2011 durchzusetzen. Die Wettbewerbshüter hatten zuvor jahrelang jegliche Verschmelzung unter den großen Betreibern abgelehnt. Die Chance zur weiteren Konsolidierung wollen nun die Konkurrenten nutzen. Primacom ist attraktiv, weil es mit mehr als einer Million angeschlossener Haushalte einer der größeren Kabelnetzbetreiber in Deutschland ist. Die Anbieter stehen derzeit gut da, weil ihre Infrastruktur geeignet ist, um neben TV schnelle Internetanschlüsse sowie Telefonie anbieten zu können. Anbieter wie Kabel Deutschland oder Unitymedia Kabel BW wachsen daher auf Kosten von Telekomunternehmen.
Primacom gehört über die luxemburgischen Gesellschaften Medford und Perseus den Hedge-Fonds Alcentra Europe, Avenue Capital und Tennenbaum Capital Partners sowie der Bank ING. Die ehemaligen Gläubiger hatten das Unternehmen nach einem Machtkampf mit den damaligen Besitzern im Jahr 2010 übernommen. "Wir sind dabei, mit verschiedenen Parteien zu diskutieren", sagte am Montag Wolf Waschkuhn, Geschäftsführer der Holdings Medford und Perseus, der FTD.
Die Telekom war erst vor wenigen Wochen im Bietergefecht um Tele Columbus vom Rivalen Kabel Deutschland mit einem Preis von rund 600 Mio. Euro überboten worden. Für den DAX-Konzern ist das Interesse am TV-Kabelmarkt eine Rolle rückwärts. Die Bonner hatten Ende der 90er-Jahre damit begonnen, ihre TV-Kabelnetze zu verkaufen. Aktuell ist Ziel der Telekom, über die TV-Infrastruktur das Geschäft mit schnellen Internetzugängen sowie dem Internetfernsehdienst Entertain schneller voranzubringen. Ein Telekom-Sprecher wollte die Informationen nicht kommentieren.
Für Mitbieter Star Capital bietet sich eine gute Gelegenheit, Pepcoms Geschäft in Ostdeutschland auszubauen. Das Unternehmen mit Sitz in Unterföhring ist unter anderem in Berlin, Frankfurt/Oder, sowie Kamenz aktiv. Primacoms Kunden sind vor allem in Berlin, Brandenburg, Sachen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Ein ähnliches Argument dürfte für DTK Deutsche Telekabel gelten. Investitionen in die Modernisierung der Netze lassen sich wirtschaftlicher planen, je mehr Haushalte an ein möglichst kompaktes Netz angeschlossen sind.
Zwischen 250 Mio. Euro und 280 Mio. Euro soll die Telekom geboten haben, hieß es. Dies sei einer der höchsten Preise. Wie Primacom damit bewertet ist, lässt sich nicht berechnen, da der Kabelnetzbetreiber keine Zahlen veröffentlicht. Die letzten öffentlichen Daten stammen aus dem Jahr 2010. Damals erwirtschaftete das Unternehmen bei einem Jahresumsatz von 108 Mio. Euro ein konsolidiertes Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von knapp 28 Mio. Euro. Derzeit liege diese Marke im "mittleren 30-Mio.-Bereich", so ein informierter Manager. Die Primacom-Eigner betrachten die Runde keineswegs nur als Markttest, sondern wollen verkaufen, sollten die Gebote hoch genug ausfallen. "Das ist mehr, als nur die Füße ins Wasser zu halten", sagte Waschkuhn.