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Weltwirtschaftsforum Davos 2007
  FTD-Serie: Die Verschiebung des Kräftegleichgewichts

Es geht mal wieder um nichts geringeres als die Zukunft der Menschheit: Im schweizerischen Skiort Davos treffen sich Top-Manager, Politiker, Künstler und Intellektuelle, um unter dem Motto "Die Verschiebung des Kräftegleichgewichts" über die wirtschaftlichen, sozialen, technischen und ökologischen Megatrends der kommenden Jahre zu sprechen.

Merken   Drucken   23.01.2007, 10:02 Schriftgröße: AAA

Davos 2007: Das Second Life der Weltelite

Vom Podcast bis zum Second Life-Reporter - das Weltwirtschaftsforum hat die Zeichen der Zeit erkannt und setzt aufs Web 2.0. Gelegentlich werden den Weltenlenkern dort nun interessante Fragen gestellt. von David Böcking
Schon die Architektur, sagt Klaus Schwab und deutet mit beiden Händen auf den See jenseits des großzügigen Glasfoyers, zeige es doch: „Es ist sehr transparent. Wir wollen eine sehr transparente Organisation sein.“
"Wir wollen eine sehr transparente Organisation sein", ...   "Wir wollen eine sehr transparente Organisation sein", sagt WEF-Chef Klaus Schwab
Das mit der Transparenz sahen die Gegner des von Schwab gegründeten Weltwirtschaftsforums (WEF) in der Vergangenheit gelegentlich anders. Wohl auch deshalb führte der Wirtschaftsprofessor nun einen Videojournalisten 15 Minuten lang durch das WEF-Hauptquartier am Genfer See und ließ das Ergebnis anschließend auf einer Internetplattform des Forums veröffentlichen. Die Botschaft: Das Web 2.0, das neue Internet, in dem Benutzer zu Machern werden, hat auch das WEF erfasst, ein WEF 2.0 sozusagen. Dieses Jahr kommen aus Davos nicht nur Webcasts, Podcasts und Vodcasts, es gibt sogar einen eigenen "bloggregator", der Beiträge verschiedener Internettagebücher zum WEF bündelt. Beteiligt sind neben etablierten Medien wie BBC oder "Guardian" auch neue Internetformate wie das Blog "Huffington Post" oder das Nachrichtenportal "Daylife".
Ganz neu ist die selbsterklärte „Verbreiterung der Davos-Konversation“ nicht. Bereits seit April 2004 wird offiziell von WEF-Veranstaltungen gebloggt, überwiegend von Mitarbeitern, aber auch Journalisten oder Teilnehmern. Dabei ergeben sich bisweilen interessante Kombinationen. Beim Nahost-Forum des WEF in Scharm el Scheich etwa erörterte der ägyptische Handelsminister per Blog die Zukunftsfähigkeit seines Landes und unmittelbar darunter äußerte sich der konservative Journalist Jay Nordlinger - ein ehemaliger Redenschreiber von George W. Bush – sehr spitz über die ägyptische Anti-Terrorpolitik.
"Warum habt ihr nicht den Zug genommen?"
Auch gleich die erste Gruppe von WEF-Mitarbeitern, der Klaus Schwab auf seinem Videorundgang begegnet, unterhält sich über Nahost. Nein, erklärt Schwab auf die rhetorische Nachfrage des Reporters, es gehe beim WEF eben nicht nur um Wirtschaft, alle Lebensbereiche bis zur Kunst würden behandelt. Umwelt etwa liege ihm als Freund der Berge sehr am Herzen, er wolle schließlich, dass die Gletscher in seinem Skigebiet in Zermatt auch in 30 Jahren noch da sind. Schon am Eröffnungstag des WEF könnte sich zeigen, inwieweit sich Schwabs Sorgen mit den Interessen der Wirtschaftswelt decken. Um 10.45 Uhr diskutieren WEF-Teilnehmer drei Thesen zu Umwelttechnologien: Atomenergie und Kohle seien die einzigen Alternativen zu Öl, Umweltfragen würden am besten vom Markt geregelt und eine globale Kohle-Steuer werde mehr Schaden als Gutes anrichte.
Geht es nach Jeff Jarvis, dann kommen während des fünftägigen Forums auch andere Thesen bei den Teilnehmern an. Der Journalistikprofessor und Betreiber des WEF-Partnerblogs BuzzMachine rief die Netzbürger dazu auf, per You-Tube-Video eigenen Fragen zu übermitteln. Bis Dienstag waren gerade einmal drei Nutzer dem Aufruf gefolgt: Ein Litauer Akademiker wollte wissen, wie Informationstechnologien den Wettbewerb und die Lage Afrikas verändern könnten, ein offenbar irischer Musiker (NICHT Bono) fragte, warum im Netz alles umsonst sein müsse. Einen Nutzer namens CycleIT schließlich interessierte, wie denn die Klimabilanz des WEF sei. "Und an alle Teilnehmer, die per Helikopter nach Davos gekommen sind: warum habt ihr nicht den Zug genommen? Ich habe gehört, es sei eine schöne Reise"
Der Second-Life-Reporter Adam Reuters wird WEF-Teilnehmer interviewen   Der Second-Life-Reporter Adam Reuters wird WEF-Teilnehmer interviewen
Falls die Vertreter der Politik- und Wirtschaftselite zumindest einige dieser Fragen tatsächlich beantworten, darf das als Fortschritt gelten. Noch vor zwei Jahren interessierte die Teilnehmer eines WEF-Forums zu Blogs nach Beobachtung des Journalisten Mario Sixtus nur eins: "Sind Blogger eine Bedrohung für unser Geschäftsfeld und werden sie eines Tages Journalisten arbeitslos machen?", beschrieb Sixtus in "De:bug" die Reaktionen.
Einmal hinters Rednerpult
Inzwischen finden sich im WEF-Programm mehrere Veranstaltungen zum Web 2.0 als neuem Geschäftsfeld für Unternehmen. Das Interesse am neuartigen Netz wurde nicht zuletzt durch den Erfolg der Online-Simulation "Second Life" befeuert, die sich mit der ersten Online-Millionärin und einer real konvertierbaren Währung in den letzten Monaten zu einer zunehmend lukrativen Geschäftswelt entwickelt hat. Da scheint es nur konsequent, dass die Nachrichtenagentur Reuters ihren Second-Life-Reporter nun auch nach Davos schickt.
Adam Reuters, der im wahren Leben Adam Pasick heißt, wird unter anderem mit dem Chef der Second-Life-Entwickler Linden Lab und dem Musiker Peter Gabriel Interviews führen. Genauer gesagt trifft er ihre virtuellen Stellvertreter im Reuters-Auditorium auf Reuters Island (Koordinaten: 128, 128, 0). Dort hängen an der Wand bereits WEF-Banner und ein verschneites Alpenpanorama, 53 grüne Pixel-Sitze warten auf die virtuellen Zuhörer. Sollten die mit ihren Fragen nicht zu den Prominenten durchdringen, so können sie ihren Avatar anschließend zumindest hinter das Rednerpult mit WEF-Logo steuern und sich einmal wie ein echter Weltenlenker fühlen.
Aber vielleicht bleibt es nicht bei ein paar digitalen Spielereien. Auf die Frage nach der Klimabilanz des WEF jedenfalls antwortete ein Mitarbeiter schon nach einem Tag per Videobotschaft: Etwa 7000 Tonnen Treibhausgase erzeuge das Davos-Treffen, jeder Teilnehmer werde gebeten, seinen Anteil durch Spenden an Umweltprojekte auszugleichen.
  • FTD.de, 23.01.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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