Scott Forstall möchte Google ein bisschen ärgern. Seelenruhig fliegt der Apple -Manager im eben enthüllten Kartendienst Maps über San Francisco, umkreist die weltbekannte Transamerica-Pyramide, dann geht's weiter zur Oper in Sydney. Die tausenden Entwickler im Moscone-Kongresszentrum in San Francisco johlen und klatschen begeistert. "Wir sind für die Bilder mit Flugzeugen und Helikoptern über viele Städte geflogen", sagte Forstall, der Apples iPhone und iPad-Betriebssystem iOS verantwortet, am Montag bei der Eröffnung von Apples jährlicher Entwicklerkonferenz. Seine Botschaft: Was Google mit seinem Kartendienst Maps kann, kann Apple auch. Die Karten-App, die auch über einen Navigationsdienst verfügt, ist in die neue iOS-Version iOS 6 integriert, die im Herbst verfügbar sein wird.
Apple läutet damit die nächste Runde im Kampf gegen den langjährigen Partner Google ein. Google Maps ist seit der Einführung des iPhones vor fünf Jahren der Standardkartendienst auf den populären Handys und eine der am häufigsten genutzten iOS-Apps. Mit dieser engen Integration konnte Google seine Vormachtstellung im Markt für Online-Karten auf mobilen Geräten und Computern festigen.
Apple und Google waren jahrelang Partner, aber seit Google Ende 2008 mit dem eigenen Handybetriebssystem Android in den Handymarkt einstieg und vor kurzem den Handyhersteller Motorola Mobility schluckte, werden die beiden Technologiekonzerne aus dem Silicon Valley zunehmend zu erbitterten Konkurrenten. Weltweit werden mittlerweile mehr Android-Handys als iPhones ausgeliefert, aber Apple genießt die Gunst der Entwickler, die die für den Erfolg eines mobilen Betriebssystems wichtigen Apps schaffen: Die meisten Programmierer entwickeln eine iOS-App für iPhone und iPad bevor sie sich Android zuwenden. Viele Entwickler konzentrieren sich sogar ausschließlich auf iOS. Apple baut nun darauf, dass ein eigener Kartendienst zum Verkauf von mehr iPhones führt und Entwickler dazu bringt, auf den Kartendienst zugeschnittene Apps für Apple-Geräte zu schaffen. So könnte Apple weitere Kunden für seine mobilen Geräte und Computer gewinnen und Android Paroli bieten.
Apples Maps-Anwendung enthält neben dem Flyover-Fotodienst unter anderem einen Navigationsdienst, der mit der Spracherkennung Siri bedient werden kann, über 100 Millionen Restaurants und andere lokale Geschäfte und Unternehmen sowie einen Überblick über die Verkehrslage. Ob der Kartendienst auch ohne Internetverbindung zum Beispiel in der U-Bahn zur Verfügung stehen wird, sagte Forstall nicht.
Es bleibt aber abzuwarten, ob und wann Apple es schafft, Google Maps mit dem eigenen Produkt zu übertrumpfen. Google hat in den vergangenen acht Jahren riesige Summen in die Entwicklung seines marktbeherrschenden Kartendienstes investiert und zahlreiche innovative Unternehmen wie Keyhole gekauft. Auch Apple hat mindestens drei Kartenspezialisten wie Placebace, Poly9 und C3 Technologies gekauft.
Der Konzern hat auch einen eigenen Geocoder entwickelt, den er vergangenen Herbst einführte. Damit werden Adressdaten oder Telefonnummern in Längen- und Breitengrade umgewandelt, damit sie auf einer Karte angezeigt werden können. Davor verwendete Apple Googles Geocoder. Der bei Google für Maps und Earth zuständige Manager Brian McClendon sagte vergangene Woche auf einer Pressekonferenz in San Francisco, dass für einen Kartendienst wie Google Maps "mehr als ein Geocoder und viele darunterliegende Dienste" notwendig seien. Damit konnte nur Apple gemeint sein.
Google hatte im Vorfeld der Apple-Ankündigung auf der Pressekonferenz Neuerungen für Google Maps und den virtuellen Globus Google Earth angekündigt. Karten sollen bald auch offline auf Handys verfügbar sein. Allerdings wird es diese Funktion nur auf Handys mit Googles Android-Betriebssystem geben. Sie werde "in den kommenden Wochen" eingeführt, hieß es. Wann sie möglicherweise auf anderen Betriebssystemen auftaucht, wollte Google nicht sagen. Und wie Apple sagte auch Google, dass eine Flugzeugflotte Fotos von Großstadtregionen knipst, um eine bessere Modellierung von 3D-Bildern für Karten zu ermöglichen.
Weder Google noch Apple wollten am Montag auf Anfrage bekannt gegen, ob Google Maps nach der Einführung von iOS 6 von iPhone-Nutzern beispielsweise aus Apples App Store herunter geladen werden kann. Nutzer werden aber weiterhin über einen Internetbrowser auf die Karten von Google zugreifen können, was allerdings umständlich ist. Zudem sind viele Funktionen so nicht verfügbar.
Die neue Version von iOS wird neben Maps über 200 weitere neue Funktionen enthalten. Apple hat Facebook in das Betriebssystem integriert. Nutzer werden sich beispielsweise nicht mehr mehrfach einloggen müssen, um Facebook in unterschiedlichen Apps zu nutzen. Sie werden direkt in Anwendungen wie iTunes Kommentare zu Filmen oder Musik auf Facebook posten können. Die Kommentare können mit Siri diktiert, anstatt getippt werden.
Für Facebook dürfte die enge Integration mit dem weit verbreiteten Apple-Betriebssystem zu noch mehr Nutzung unter Mobilfunkkunden verhelfen. Das weltgrößte soziale Netzwerk, das Mitte Mai an die Börse stolperte, dürfte zudem hoffen, dass die Partnerschaft mit Apple zu mehr Umsatz etwa bei mobiler Werbung führt. Bislang ist es Facebook nicht gelungen, Umsatz mit mobilen Kunden zu machen.
Apple enthüllte am Montag auch ein neues Modell seiner Laptop-Familie MacBook Pro, das die Konkurrenz unter den PC-Herstellern in Zugzwang bringen dürfte. Das leistungsfähige Laptop ist noch schneller als seine Vorgänger und verfügt über das hochauflösende "Retina"-Display, das eine deutlich schärfere Darstellung liefert. Es ist so schlank wie das ultradünne MacBook Air, das die PC-Branche seit Jahren mit unterschiedlichem Erfolg zu kopieren versucht. Der Tastatur- und Computerteil ist 18 Millimeter dünn, schlanker als der Zeigefinger von Apple-Marketingchef Phil Schiller, der das Gerät am Montag präsentierte. Das MacBook Pro, das ab sofort ab 2279 Euro erhältlich ist, bringt gerade einmal zwei Kilogramm auf die Waage. Laut Schiller beträgt die Akkulaufzeit sieben Stunden.
Apple hat zudem die bisherigen MacBook-Pro-Modelle sowie die MacBook-Air-Familie aufgefrischt. Sie werden vor allem schneller und billiger. Apple dürfte mit der nun günstigeren MacBook-Air-Familie auf die schlanken und leichten Ultrabooks der PC-Konkurrenten wie Acer oder Dell abzielen, die ihre Modelle in den nächsten Wochen einführen werden. Enttäuscht wurden dagegen Apple-Fans, die auf Neuigkeiten zu einem TV-Gerät des Hightech-Konzerns gehofft hatten.
Apple-Chef Tim Cook eröffnete Apples 23. Entwicklerkonferenz am Montagmorgen mit einer fast zweistündigen Präsentation. Es ist die erste Entwicklerkonferenz seit dem Tod von Gründer Steve Jobs. Jobs', sichtlich abgemagert und geschwächt, ließ es sich im vergangenen Juni nicht nehmen, Apples Datenwolke iCloud und andere Produkte vorzustellen. Es sollte sein zweitletzter öffentlicher Auftritt werden. Am Tag danach stellte Jobs dem Stadtrat von Cupertino, der Heimat von Apple, die Pläne für den neuen Hauptsitz vor. Vier Monate später starb Jobs an den Folgen einer Krebserkrankung.