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Merken   Drucken   19.01.2003, 20:24 Schriftgröße: AAA

Infineon: Der doppelte Schumacher

Auf der Hauptversammlung am Dienstag muss Ulrich Schumacher einen Milliardenverlust verteidigen. Doch es wird weniger Kritik geben als noch vor einem Jahr. Weil Infineon wieder Atem schöpft - und weil der Chef sich gewandelt hat. Zumindest gibt er das vor. von Sven Clausen, München
Der vielleicht größte Turnaround in der jüngeren Geschichte Deutschlands findet im obersten Stock der St.-Martin-Straße 53 in München statt. Dort sitzt Ulrich Schumacher und sagt: "Als Dax-Unternehmen stehen wir naturgemäß sehr im Fokus der Öffentlichkeit." Gebügelt, geputzt und gepuffert schickt er seine Sätze neuerdings auf den Weg. Spaß macht ihm das nicht.
Vor gut einem Jahr hörte sich Schumacher noch ganz anders an. "Unser Image ist derzeit nicht unbedingt der Hit", sagte er. Und bei Fragen nach dem ersehnten Aufschwung der Chipindustrie genehmigte sich der Rheinländer schon mal eine Portion Selbstironie: "Ich habe den Abschwung schon nicht vorhergesehen, da kann ich den Aufschwung auch nicht vorhersehen."
Vorbei die Zeiten. Der einst als junger Wilde gefeierte Hightech-Unternehmer hat sich ein ähnlich enges Korsett angelegt wie die meisten Vorstände deutscher Großunternehmen auch. Wie kein anderer Spitzenmanager stand er für das wohl ambitionierteste Ziel der so genannten New Economy in Deutschland: Unternehmen als Unternehmungen zu sehen und vom Geruch betulicher Institutionen zu befreien. "Auf dem Markt", pflegte er zu sagen, "herrscht praktisch darwinistische Auslese." Welcher Vorstand im Deutschland der Traditionskonzerne traute sich schon, das öffentlich zu sagen?
Schwere Vorwürfe
Schumachers Wandel hatte seinen Auslöser ziemlich genau vor einem Jahr: Auf der Hauptversammlung Ende Januar 2002 musste er sich wüste Beschimpfungen anhören. Aktionärsschützer warfen dem Porsche-Fahrer Schumacher Rennfahrer-Mentalität und rücksichtslose Personalpolitik vor. Der Vorstand sei zu lässig mit der Situation umgegangen.
Ihm sei es vorgekommen, sagt er heute, als habe man ihm den Verrat der deutschen Unternehmenskultur vorgeworfen. Die Hauptversammlung vor einem Jahr bezeichnet er heute als einen seiner beruflichen Tiefpunkte. Wohl nie zuvor war ein Unternehmensführer innerhalb so weniger Monate vom Megastar zum Buhmann abgestürzt.
Die Aktionäre waren sich vorgekommen wie in einem bösen Traum: Der Konzern hatte einen Milliardenverlust angehäuft, strich Stellen, die Talfahrt der Aktie nahm kein Ende. Und das bei der ehemaligen Halbleitersparte des verlässlichen Siemens-Konzerns, die sich erst Anfang 2000 an die Börse gejubelt hatte.
Hoher Verlust
Das Paradoxe ist: Auf der Hauptversammlung am Dienstag wird Schumacher einen noch höheren Milliardenverlust präsentieren. Statt wie im Vorjahr 1024 Mio. Euro werden es 1142 Mio. Euro sein, bei einem um gut 400 Mio. Euro gesunkenen Umsatz von 5207 Mio. Euro. Dennoch erwarten alle Beteiligten eine vergleichsweise gemütliche Aktionärsversammlung in der Münchner Olympia-Halle. In der deutschen Wirtschaftsgeschichte dürfte das einmalig sein. "Viele haben verstanden, dass es uns ernst ist mit dem Vorhaben, das Unternehmen zukunftsfähig zu machen", sagt Schumacher.
Natürlich hat die Zeit mitgeholfen. Inzwischen haben viele Unternehmen kräftig Stellen gestrichen, auch die ehemalige Mutter Siemens ist in einen handfesten Konflikt mit einem Teil ihrer Belegschaft geraten. Und die Anleger verstehen nun ein wenig mehr von der Chipbranche. Sie kennen das Risiko, die richtige Technologie nicht zum richtigen Zeitpunkt verfügbar zu haben. Sie wissen, dass die Speicherchip-Branche einem starken Auf und Ab der Nachfrage ausgesetzt ist. Vor Infineon und Schumacher war für die deutschen Anleger die Chipindustrie ein Niemandsland.
Das allein reicht aber nicht aus, um Schumachers Imageproblem zu lösen. Also hat er ein Team aufgebaut, das ihn und die Firma neu darstellen soll - ein großer Schritt für ihn. "Der war lange Zeit gegen Ratschläge immun", sagt ein Mitarbeiter.
Seriöses Auftreten
Ruhig, staatsmännisch, vernünftig will der Chef nun daherkommen. Seine Leidenschaft für rasante Autorennen sind ein Tabuthema. Stattdessen erscheint er plötzlich wieder mit Heinrich von Pierer in der Öffentlichkeit, um von Ansehen und Seriosität des Siemens-Chefs und dessen Weltkonzern zu profitieren. Früher hatte er kaum eine Gelegenheit ausgelassen, gegen die Mutter zu stänkern.
Zu Prognosen über die Erholung der Chipindustrie schweigt er inzwischen, um auch hier später keine Angriffsfläche zu bieten. Unternehmenskenner sagen allerdings, das habe auch mit der unterdurchschnittlichen IT-Infrastruktur des Unternehmens zu tun. "Die relevanten Datenströme sind nur mangelhaft miteinander vernetzt", sagt ein Insider.
Bei einem derart Geläuterten, so das Kalkül Infineons, wähnen die Anleger auch Milliardenverluste in guten Händen. Das Spiel geht einigermaßen auf. Allerdings läuft es für das Unternehmen inzwischen auch wieder besser. Für den Sommer rechnen die meisten Analysten mit Gewinnen. "Infineon hat im Wesentlichen die richtigen Schritte getan", sagt Andrew Norwood von dem Marktforschungsunternehmen Gartner Dataquest.
Ehrgeiziger Plan
Im Spätsommer 2002, gut zwei Jahre nach der Trennung von Siemens, hat der Konzern erstmals eine Mittelfristplanung vorgelegt und mit einer griffigen Überschrift versehen - ähnlich wie Siemens das auch gerne macht. Die so genannte "Agenda 5-to-1" soll Infineon bis 2007 zum zweitprofitabelsten Chip-Hersteller der Welt machen. "Das ist sehr ehrgeizig", sagt Karsten Iltgen, Analyst bei der WestLB Panmure. Derzeit liegen Unternehmen wie Intel, Texas Instruments, Samsung oder STMicroelectronics zum Teil deutlich vor den Münchnern.
Um sein Ziel zu erreichen, baut Schumacher den Konzern radikal um: Infineon wird künftig einen großen Teil seiner Chips in Gemeinschaftsunternehmen produzieren, vor allem in Asien. Statt in Fabriken will er sein Geld stärker in Software stecken, um Kunden, etwa PC-Herstellern, Autobauern oder Handyproduzenten maßgeschneiderte Produkte anbieten zu können. "Software wird das Unterscheidungsmerkmal in unserer Branche werden", sagt er. Auch dafür wird er Kooperationen eingehen: "Infineon wird zu einem Integrator externer und interner Leistungen."
Die Beschäftigten müssen sich auf einiges einstellen: In der Konzernzentrale komme man auch mit weniger als 200 Menschen aus, ließ er bereits durchblicken. Derzeit ist das noch ein Vielfaches. Zahlreiche Verwaltungsfunktionen wie etwa die Buchhaltung werden in Länder mit geringeren Lohnkosten verlegt, die vier Geschäftsbereiche bekommen eine wesentlich höhere Verantwortung und werden voraussichtlich geografisch voneinander getrennt geführt. Infineon selbst soll sich zu einer Art Holding entwickeln.
Unruhe im Konzern
Im Konzern führt der Umbau zu Unruhe. An entscheidenden Positionen sitzen viele, die noch die eher behaglichen Siemens-Zeiten kennen. Schumacher hat daher eine Truppe zusammengestellt, die sich um die Entwicklung einer eigenen Konzernkultur kümmern soll.
Dass er die Emanzipation der Siemens-Tochter bis 2007 selbst durchzieht, ist unsicher. "Wenn man sich seine Karriere anschaut, hat er eigentlich alle zwei Jahre etwas anderes gemacht. Der braucht die Abwechslung", sagt ein Weggefährte.
Tatsächlich hat sich Schumacher weniger verändert, als es sein PR-Korsett vorgaukelt. Natürlich fährt er auch weiter Autorennen - nur spricht er nicht mehr darüber. Dass er im Vorjahr in Le Mans einen Unfall durch Glück nur mit einigen Schrammen überstand, gelangte nie an die Öffentlichkeit.
Pokerface
Und er pokert und trickst weiter: Beim Konkurrenten Hynix etwa täuschte er Kaufinteresse vor, um wertvolle Informationen über das Unternehmen zu bekommen; dem Chiphersteller Promos setzte er ein Ultimatum, um dort die Macht zu übernehmen. Und intern arbeitet er schon mal mit pessimistischen Prognosen, um den Reformdruck hochzuhalten. "Die Arbeit macht mir in der Summe Spaß - auch wenn die Hälfte der Aufgaben vielleicht eher unangenehm ist", sagt er.
Den Imagewandel hat er auch betrieben, weil er sich für höhere Aufgaben empfehlen will. "Die Chance auf den Chefposten bei Siemens reizt ihn", sagt ein Vertrauter. Der könnte 2004 frei werden. Schumacher gilt als einer der Kandidaten. Zugeben würde er das natürlich nie: "Wenn ich etwas anderes tun wollte, dann müsste das auch mit Hochtechnologie zu tun haben", sagt er lediglich.
Infineon würde ein Chefwechsel hart treffen. Im Vorstand gilt Andreas von Zitzewitz als Kronprinz. Er leitet als Chief Operating Officer Tagesgeschäft und Produktion. Zwar wird sein Arbeitseinsatz hoch geschätzt, neben dem Chef bleibt er aber blass. "Im Grunde führt Schumacher Infineon wie ein Inhaber", sagt ein langjähriger Vertrauter. Nur wissen darf das möglichst niemand.
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Intel 26,53 USD   -1,23%  -0.33
Infineon 7,502 EUR   +0,63%  0.047
Advanced Micro Devices 7,01 USD   -3,18%  -0.23
  • FTD, 19.01.2003
    © 2003 Financial Times Deutschland,
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