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Merken   Drucken   15.02.2006, 20:06 Schriftgröße: AAA

Netzbetreiber zweifeln an Handy-TV  

Dossier Die Party hat noch nicht einmal begonnen, da herrscht schon Katerstimmung: Das für 2007 angekündigte Fernsehen auf Mobiltelefonen droht für die Netzbetreiber zum Milliardengrab zu werden, denn den Unternehmen fehlen die Geschäftsmodelle. von Volker Müller, Barcelona
Die Telekombranche will über TV-Programme per Handy ihre Umsätze ...   Die Telekombranche will über TV-Programme per Handy ihre Umsätze steigern
"Es ist eine weitere Mobilfunk-Party, auf der alle mittanzen werden, aber keiner weiß, wie er Geld damit verdienen soll", stöhnt bereits E-Plus-Geschäftsführer Thorsten Dirks. 300 Millionen Menschen weltweit könnten bereits Ende des Jahres reguläre TV-Programme auf ihrem Mobiltelefon empfangen, schätzte jüngst Handyhersteller Nokia. Viele davon wären sogar bereit, bis zu 20 Euro pro Monat dafür auszugeben. So würden im Jahr 2010 mehr als 450 Mio. Euro mit Handy-TV allein in Deutschland umgesetzt, prophezeit die Berliner Agentur Goldmedia. Branchenexperten fürchten allerdings, der Geldstrom könnte ungebremst an den Netzbetreibern vorbeirauschen.
Vor allem die Möglichkeit, dass sich DMB oder DVB-H als technische Standards für Handy-TV durchsetzen, macht den Netzbetreibern zu schaffen. Das bereits in Asien betriebene DMB (Digital Multimedia Broadcasting) und das in Deutschland favorisierte DVB-H (Digital Video Broadcasting - Handheld) gleichen einer klassischen Rundfunkübertragung. Die Programme sind dabei frei oder gegen Gebühr an einen Bezahlsender verfügbar. Pech für die Mobilfunkbetreiber: Sie könnten nur mit gebührenpflichtigem Handy-TV über das UMTS-Netz Erlöse einfahren.
Denkbar schlechteste Basis
Dabei ist selbst das um den Datenturbo HSDPA erweiterte UMTS die denkbar schlechteste Basis für massenhaftes Handy-TV: Die Technik ist für Einzelverbindungen konzipiert, nicht für die gleichzeitige Verbreitung von Daten an Tausende Empfänger. "TV über das UMTS-Netz ist allenfalls eine Zwischenlösung", sagt Arno Wilfert von der Unternehmensberatung Arthur D. Little. Es gäbe nichts Kostengünstigeres als Rundfunktechnik, um Massen mit TV-Bildern zu versorgen - und damit seien T-Mobile, Vodafone und andere von der Party ausgeschlossen.
Die Netzbetreiber sind kaum optimistischer. Sie hoffen, dass die Sendungen Reaktionen der Zuschauer erzeugen, etwa bei Gewinnspielen oder durch den Kauf von Fortsetzungsfolgen bei Serien. "Ein bisschen Interaktion mit SMS, ein bisschen mehr Datenverkehr im Netz - auf mehr können wir aber zunächst nicht hoffen", resümiert E-Plus-Chef Dirks. Feldversuche von O2 und British Telecom verliefen deprimierend.
Auch Handyhersteller in der Zwickmühle
Die Alternativen der Netzbetreiber sind begrenzt. "Sie können eigene Inhalte produzieren oder mit TV-Sendern kooperieren", sagt Jan Obrman, Chef des tschechischen Technikdienstleisters U-Turn. Dass die TV-Sender dabei mitspielen, bezweifelt er: "Das würde die Netzbetreiber nur aufwerten, ohne dass die Sender eine entsprechende Gegenleistung erhielten." Es werde wie im Internet enden: Jeder agiert allein.
Selbst die Handyhersteller sind in einer Zwickmühle: Zum einen treibt sie der Wettstreit um immer neue Funktionen zur raschen Integration der TV-Module in ihre Geräte. Zum anderen beschädigen sie damit die Geschäfte der Netzbetreiber, die für sie den größten Teil der Handys stark subventionieren und billig verkaufen. Nokia-Manager Robin Lindahl mahnt deshalb, rasch ein "Ökosystem zu schaffen, in dem alle leben können".
Das könnte selbst für die Sender schwer werden. Handy-TV unterliegt der Rundfunkaufsicht der Bundesländer. Und bei deren Medienanstalten haben die öffentlich-rechtlichen Sender bereits ihre Ansprüche auf die Hälfte der Übertragungskanäle angemeldet. Bezahlinhalte dürften gegen diesen Medienblock kaum ankommen.
Derzeit steuert die Branche auf eine kuriose Situation zu, sagt Experte Wilfert: "Die Netzbetreiber subventionieren den Start des Handy-TVs durch die kostengünstige Verbreitung der Endgeräte, am Ende profitieren praktisch nur die Inhalteanbieter. ARD und ZDF lachen sich jetzt schon ins Fäustchen."

TV-Konkurrenten
DVB-H Das Digital Video Broadcasting für Handys ist eine Weiterentwicklung des in Ballungsräumen ausgestrahlten Digital-TV. Meist wird ein Bildformat von 320 mal 200 Punkten unterstützt. Derzeit laufen weltweit etwa 30 Feldversuche - etwa in Berlin.
DMB Das Digital Multimedia Broadcasting ist eine Erweiterung des digitalen Radios DAB. In Korea ist es bereits in Betrieb, in Deutschland laufen Ausschreibungen.
UMTS Das Universal Mobile Telecommunication System ist eine Technik für Einzelverbindungen. Für TV ist sie nur begrenzt geeignet.
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  • Aus der FTD vom 16.02.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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