Angesichts des harten Wettbewerbs im Handygeschäft sucht der finnische Weltmarktführer neue Erlösquellen. Die Kostenloskultur im Netz zwingt Nokia dabei zu ungewöhnlichen Schritten.
von Björn MaatzBarcelona
Nokias Strategieschwenk vom Handykonzern zum Komplettanbieter für mobile Internetlösungen könnte sich über Jahrzehnte hinziehen. "Wir sprechen hier über einen Zeitraum von 10 bis 20 Jahren", sagte am Montag der für das Internetgeschäft zuständige Vorstand Tero Ojanperä der FTD. Durch die hauptsächlich von Google vorangetriebene Kostenloskultur des Internets sieht sich Nokia zunehmend gezwungen, eigene Dienste wie Navigation gratis anzubieten. Ojanperä hält das Geschäftsmodell des Konzerns aber nicht für gefährdet: "Es gibt doch keinen einfacheren Weg, als die Nachfrage anzukurbeln", sagte er auf dem Mobile World Congress.
Onlinevorstand Tero Ojanperä im FTD-Interview. Der Manager bietet mittlerweile sogar Navigationsdienstleistungen kostenl
Nokia versucht angesichts des harten Wettbewerbs im globalen Handygeschäft, neue Erlösquellen zu erschließen. Erzrivale Apple etwa bindet mit seinen teuren Endgeräten und dem von Experten oft gelobten Ökosystem aus Hard- und Software zahlungskräftige Kunden in entwickelten Märkten wie den USA und Europa an sich. Nokia zielt hingegen vor allem auf eine Vormachtstellung in Schwellenmärkten. In Indien und Indonesien bieten die Finnen seit 2009 ihren Dienst "Nokia Life Tools" an, der etwa einfachen Bauern auf dem Land aufzeigt, welche Preise sie auf umliegenden Märkten mit ihren Gütern erzielen können.
Auch mit mobilen Bezahlsystemen will Nokia Geld verdienen. Ein Pilotprojekt hat der Konzern gerade in der indischen Metropole Pune gestartet. Es gestaltet sich allerdings mühsam: Der Handykonzern ist dafür auf eine enge Abstimmung mit Banken, Händlern sowie Mobilfunkbetreibern angewiesen.
"Solche Services sind unser Hauptunterscheidungsmerkmal", sagte Ojanperä. Dazu zählt auch die seit Ende Januar kostenlos angebotene Navigationssoftware. Nokias Kalkül: Durch den Gratismehrwert kaufen die Nutzer deutlich mehr Handys des Herstellers. Branchenbeobachter sind aber uneins, ob der erhoffte Mehrabsatz die wegfallenden Umsatzerlöse kompensieren kann. Nokia hatte Ende 2007 für rund 8,1 Mrd. Euro den Kartendienstleister Navteq übernommen. Allein die Aktualisierung der Karten kostet laut Nokia jährlich 1 Mrd. Euro.
Im wachsenden Geschäft mit Smartphones hatte der Konzern in den letzten Jahren den Anschluss an Wettbewerber wie Research In Motion und Apple verloren. Analysten wie Nick Jones von der US-Marktforschungsfirma Gartner bezeichneten die Benutzerführung der Nokia-Geräte als "Albtraum".
Der Handymarktführer erkannte zudem erst spät den Trend zu Smartphones mit berührungsempfindlicher Oberfläche. Hier gelang Nokia 2009 eine Trendwende: Laut der Marktforschungsfirma Canalys steigerten die Finnen ihren globalen Marktanteil bei Touchscreen-Smartphones innerhalb eines Jahres von 1,5 auf 29,5 Prozent. Marktführer bleibt Apple: Jedes dritte weltweit verkaufte Smartphone mit Touchscreen ist ein iPhone.
Auch mit dem im Mai 2009 eröffneten Onlinemarktplatz Ovi Store hinkt Nokia hinterher. Aus Apples App Store wurden mittlerweile über drei Milliarden Applikationen heruntergeladen.
Auch das von Nokia 2008 eingeführte Musikangebot "Comes with Music" wird den Erwartungen bislang nicht gerecht. Die Plattenfirmen hatten gehofft, Nokia würde ihnen automatisch Millionen zahlende Nutzer zuführen. Bislang ist das Angebot erst in weltweit 27 Märkten verfügbar, in elf davon seit vergangener Woche.
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