Das Schicksal des Satellitentelefon-Unternehmens Iridium hängt am seidenen Faden. Am Freitag entscheidet der New Yorker Konkursrichter Cornelius Blackshear, ob die 66 Satelliten des Unternehmens noch am gleichen Abend abgeschaltet werden. Obwohl die Mehrheit der Analysten nicht mehr an eine Rettung glaubt, brachte sich doch noch ein Investor ins Gespräch: Gene Curcio, Chef des Telekommunikations-Unternehmens Crescent Communications, kündigte an, Iridiums Satellitennetz kaufen zu wollen. Sollte Curcio sich heute nicht mit den Iridium-Gesellschaftern einigen, werden die 66 Satelliten wenige Tage später ihre Umlaufbahn verlassen, um in der Atmosphäre zu verglühen.
Iridium ist das bisher ehrgeizigste Projekt in der kurzen Geschichte der Mobilkommunikation und nun möglicherweise das größte Debakel. Mit Hilfe der 66 Satelliten können Iridium-Kunden von fast jedem Punkt der Erde aus telefonieren. Das Unternehmen scheiterte allerdings an den unhandlichen Geräten und immens hohen Preisen, die den Dienst unattraktiv machten. Im August 1999 leitete Iridium das Insolvenzverfahren ein, das heute mit der Auflösung des Unternehmens enden könnte.
Der größte Gesellschafter Motorola, der 18 Prozent an Iridium hält, hatte bereits vor einigen Tagen gedroht, den Dienst Freitagabend abzuschalten, falls sich bis Mittwoch kein Investor finden sollte. Die Frist war auf Grund von Terminschwierigkeiten des zuständigen Richters dann noch einmal um zwei Tage verlängert worden. Auf seiner Informationsseite für die Kunden verbreitet Motorola weiterhin Pessimismus: "Die endgültige Entscheidung des Gerichts könnte sehr kurz vor der geplanten Abschaltung am Freitag um 23.59 Uhr erfolgen, so dass uns in diesem Fall keine Zeit bleibt, sie über das Ende des Dienstes zu informieren", schreibt Motorola und fährt fort: "Falls Sie das noch nicht getan haben, schlagen wir vor, dass Sie Vorkehrungen treffen, um Ihre Kommunikationsbedürfnisse auf andere Weise zu stillen."
Das dürfte für die Besitzer der klobigen Iridium-Handys nicht so einfach sein. Denn ihre Geräte, die zwischen 3000 und 8000 DM gekostet haben, funktionieren auf keinem anderen Mobilfunk- oder Satellitentelefonnetz. Motorola will Neukunden aus diesem Jahr anbieten, die Telefone zurückzukaufen. Welche weiteren Belastungen auf das Unternehmen zukommen, ist noch unklar. Eine Gruppe von Inhabern von Iridium-Bonds plant, Motorola auf 3,5 Mrd.$ Schadenersatz zu verklagen. Die deutschen Gesellschafter Veba und RWE, die 8,8 Prozent an Iridium halten, haben die Investition vollständig abgeschrieben.
Sollte Gene Curcio das angeschlagene Unternehmen tatsächlich übernehmen, steht ihm eine schwere Last ins Haus. Erst vor wenigen Wochen war der Milliardär Graig McCaw, der Iridium kaufen wollte, wieder ausgestiegen, nachdem er sich die technischen Daten der Satelliten näher angesehen hatte. McCaws Begründung: Die Iridium-Technik passe nicht zu seinen anderen Satelliten-Unternehmen, ICO Global Communications und Teledesic.
Curcio müsste nicht nur eine veraltete Technik übernehmen, die statt Datenübertragung nur Sprachverkehr erlaubt, sondern auch die immens hohen Verluste tragen, die Iridium Monat für Monat erwirtschaftet. Denn die Zahl der Kunden ist mit etwa 50.000 weiterhin viel zu niedrig, um die Gewinnzone zu erreichen, und sie dürfte in der Unsicherheit der letzten Wochen noch gesunken sein. Zusätzlich rollt auf die Satellitentelefonie eine Welle von Preissenkungen zu, wenn in den nächsten Momaten weitere Unternehmen an den Start gehen. Konkurrent Globalstar hat in Nordamerika bereits den Betrieb aufgenommen und will ab Mai auch in Deutschland Telefon und Internet per Satellit anbieten. Zu den Gesellschaftern gehören neben Loral Space & Communications und Qualcomm auch DaimlerChrysler Aerospace und der britische Mobilfunker Vodafone Airtouch. Um das Iridium-Debakel nicht zu wiederholen, will das Unternehmen mit Kampfpreisen von unter 2$ pro Minute starten. In zwei Jahren will dann das Satellitenprojekt "Spaceway" von Hughes Electronics starten. Noch offen ist die Zukunft des ehrgeizigsten Projekts: McCaws Teledesic will 288 Satelliten im All positionieren, um breitbandige Datenübertragung an jedem Punkt der Erde zu sichern. Doch dafür braucht er noch 9 bis 10 Mrd.$ angesichts fallender Preise eine riskante Investition.