"Glauben Sie, dass asiatische Unternehmen unehrlicher sind als amerikanische - haben Sie für sie andere Gefühle als für ein regionales Kultunternehmen?", fragte Samsung-Anwalt William Price beim Auftakt des Prozesses zwischen Apple und dem südkoreanischen Elektronikkonzern Samsung . "Startet Samsung deswegen mit einem Nachteil?"
Keiner der potenziellen Geschworenen im Gerichtssaal in San Jose hob die Hand. Auszuschließen ist ein Heimvorteil Apples in der Tat nicht. Der Technologiekonzern ist in Cupertino und damit keine 15 Kilometer vom Gerichtsgebäude zuhause. Er ist der Stolz der Region. Einige potenzielle Juroren gaben am Montag zu Protokoll, dass Familienangehörige und Freunde bei Apple arbeiten, viele, dass sie Walter Isaacsons Biografie über Steve Jobs gelesen hätten. Nur wenige besitzen kein Apple-Gerät, einige sogar Apple-Aktien.
Mit der Geschworenenauswahl begann am Montag der bislang größte Prozess im global geführten Patentkrieg von Apple und Samsung. Die beiden größten Smartphonehersteller der Welt beschuldigen einander der Patentverletzungen beim Bau ihrer Oberklassetelefone und Tablet-Computer und versuchen damit ihre Positionen in diesen Märkten zu stärken. Apple hat in zahlreichen Ländern Klage gegen Samsung und andere Hersteller von mobilen Geräten mit dem Android-Betriebssystem eingereicht. Die Konkurrenten sollen absichtlich Apples Hardware-Design und Software für das iPhone und iPad-Tablet kopiert haben. Samsung und andere Android-Hersteller fechten dabei einen Stellvertreterkrieg aus.
Apple zielt letztendlich auf den Android-Entwickler und Rivalen Google ab. Android ist mit einem Marktanteil von weltweit mehr als 50 Prozent zum populärsten Smartphone-Betriebssystem vor Apples Betriebssystem iOS aufgestiegen. Apple-Mitgründer Steve Jobs schwor, sich am vermeintlichen Kopierer Google zu rächen. "Ich werde wenn nötig meinen letzten Atemzug und jeden Penny der 40 Mrd. Dollar auf Apples Bankkonto aufwenden, um das zu berichtigen", sagte Jobs kurz vor seinem Tod vergangenen Oktober zu seinem Biografen Isaacson. Er werde Android "zerstören" und sei bereit, einen "thermonuklearen Krieg" zu führen, weil Android ein "gestohlenes Produkt" sei.
Apple begann den Kampf vor mehr als zwei Jahren mit einer Klage gegen den taiwanischen Android-Partner HTC . Im April vergangenen Jahres reichte Apple vor einem Bezirksgericht in San Jose Klage gegen Samsung ein. Die Kalifornier fordern 2,5 Mrd. Dollar Schadenersatz. Samsung reichte Gegenklage ein. Apple soll mehrere Samsung-Patente für drahtlose Kommunikationstechnologie verletzen.
Der Konzern fordert 2,4 Prozent vom Umsatz, den Apple mit Geräten gemacht hat, die Samsung-Technologie enthalten sollen. In dem Prozess, der vier Wochen dauern soll, werden gleichzeitig Apples Klage und Samsungs Gegenklage verhandelt.
Für die beiden Konzerne steht viel auf dem Spiel: Eine Schlappe in Kalifornien könnte sich für Samsung auf die Entwicklung seiner Produkte sowie andere Verfahren auswirken. Der Elektronikkonzern musste im Vorfeld bereits einige Niederlagen einstecken: Die für das Verfahren in San Jose zuständige Richterin Lucy Koh stoppte im Juni den Verkauf von Samsungs Galaxy Tab 10.1 in den USA. Sie hat auch ein Verkaufsverbot für Galaxy-Nexus-Handys verhängt. Dieses wurde allerdings von einem Berufungsgericht vorläufig aufgehoben.
Zudem könnten andere Android-Hersteller einschließlich der Google-Tochter Motorola Mobility betroffen sein. Das könnte die Verbreitung von Android dämpfen. Verliert Apple, könnte das negative Folgen für die Marktanteile von iPhone und iOS haben. Das iPhone, das der damalige Apple-Chef Jobs im Januar 2007 in San Francisco enthüllte, ist zum größten Umsatz- und Gewinnbringer des Unternehmens aufgestiegen.
Der Prozess in San Jose verspricht wie die Vorverhandlungen langwierig zu werden. Am Montagmorgen bildete sich vor dem Gerichtsgebäude im Silicon Valley eine lange Schlange, an der sich immer mehr Anwälte mit Dutzenden Kisten voller Gerichtsdokumente sowie Analysten, Medienvertreter und Zuschauer anstellten. Die mit Spannung erwarteten Eröffnungsplädoyers mussten auf Dienstag verschoben werden, da der erste Prozesstag für die Auswahl von zehn Geschworenen draufging.
Richterin Lucy Koh und das Heer der Apple- und Samsung-Anwälte versuchten im dichtgedrängten Saal im fünften Stock Vorurteile und Befangenheit unter den möglichen Geschworenen auszumachen. Koh befragte fast drei Dutzend Bürger unter anderem dazu, welche Handys und Tablets sie besitzen, ob sie demnächst ein Gerät von Apple oder Samsung zu kaufen gedenken, ob sie oder Freunde für Apple, Samsung, Google oder Motorola arbeiten, wer Patente besitzt, was sie lesen, was ihre Hobbys sind und ob sie unter der Rezession leiden.
Am späten Nachmittag wurden sieben Männer und drei Frauen in die Jury gewählt, darunter eine Versicherungsagentin, ein Projektmanager des Mobilfunkers AT&T , ein bankrotter Startup-Unternehmer und ein Systementwickler. Ein junger, arbeitsloser Gamer, der als Software-Entwickler bei einem Spielehersteller arbeiten möchte und dessen Großvater Apple-Aktien besitzt, wurde auch ausgewählt. Unter den Kandidaten, die von der Richterin entschuldigt oder von den Anwälten abgewählt wurden, befand sich ein Google-Designer. Ein aufgebotener Bürger entpuppte sich als Apple-Mitarbeiter. "Ich würde wollen, dass mein Arbeitgeber gewinnt", sagte der Mann. Auch er wurde nach Hause geschickt.
Trotz der hohen Gerichtskosten und des Risikos einer Niederlage dürfte sich der Kampf für Apple lohnen. Der Konzern verkaufte im jüngsten Quartal weniger iPhones als erwartet und verfehlte die Erwartungen der Analysten und Aktionäre. Viele Smartphone-Nutzer haben ihre Käufe aufgeschoben, weil sie auf das nächste iPhone warten. Das soll Apple neuesten Gerüchten zufolge am 12. September enthüllen, zusammen mit einem kleineren iPad. Apple-Sprecher, die am Montag das Verfahren gegen Samsung im Gericht in San Jose verfolgten, wollten die Gerüchte nicht kommentieren.