Das Multifunktionsgerät Blackberry
"Da ist eine Desinformationskampagne gegen uns im Gange", sagte RIM-Chief-Operating-Officer Don Morrison im Gespräch mit der FTD. Das Unternehmen fühle sich durch seine Kritiker geschädigt: "Die gegen uns vorgetragenen Bedenken sind absolut falsch, und wir werden das auch beweisen." Medienberichten zufolge hatte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in einem internen Papier davor gewarnt, dass der über Blackberry-Geräte geschaltete E-Mail-Verkehr ungeschützt über den RIM-Netzwerkserver in London laufe und Inhalte damit für Dritte zugänglich sei. Genannt wurden in diesem Zusammenhang die britischen Sicherheitsbehörden, die ihre Einsicht zum Zwecke der Industriespionage nutzen könnten.
Der Fall zog weitere Kreise, als sich in der vergangenen Woche auch der Netzbetreiber E-Plus zu Wort meldete und seine Geschäftskunden über die Position des Bundesamtes informierte und schrieb, die Bedenken des BSI seien "sachlich korrekt". Morrison wies den Vorwurf von Sicherheitslücken von sich: "Jeder, der unsere Sicherheitsarchitektur prüft, wird zu dem Ergebnis kommen, dass sie voll und ganz den Standards demokratischer Regierungen entspricht."
Der Blackberry-Hersteller mit zurzeit 3,65 Millionen Kunden weltweit will die Zahl seiner Abnehmer bis zum Frühjahr 2006 auf fünf Millionen erhöhen - die nun geäußerten Sicherheitsbedenken könnten sich negativ auf das lukrative Weihnachtsgeschäft auswirken und die geplante Ausweitung gefährden. Am Montag kündigten die Kanadier daher überraschend an, ihre Taschen-PC vom Darmstädter Fraunhofer-Institut testen zu lassen. Ziel sei es, eine "umfassende Sicherheitsbewertung" der drahtlosen End-to-End-Kommunikationsplattform durchzuführen, teilte RIM am Montag mit. "Damit haben wir dann eine unabhängige und objektive Bewertung unserer Produkte", sagte Morrison. Allerdings werde die Prüfung "zwei bis drei Monate" dauern. "Beim Fraunhofer-Institut wurde uns aber versichert, dass man dem Fall oberste Priorität geben werde", sagte der Manager.
Horrorszenario für den Hersteller
Der Hersteller kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. Ungemach droht RIM im eskalierenden Patentrechtsstreit mit dem US-Unternehmen NTP. Die Auseinandersetzung könnte in ein Verkaufsverbot für RIM-Produkte auf dem US-Markt münden. NTP wirft dem Konkurrenten vor, gleich mehrere eigene Patente verletzt zu haben und NTP-Technologien für die Datenübertragung der Blackberrys zu nutzen.
Im März hatte sich RIM zu einem Vergleich und damit zur Zahlung von 450 Mio. $ bereit erklärt - doch schon im Sommer zogen die Kontrahenten erneut vor Gericht. Die Strategie der RIM-Manager, die NTP-Klage bis zum Ende einer Prüfung durch das US-Patentamt und einer endgültigen Entscheidung durch den Obersten Gerichtshof der USA aussetzen zu lassen, scheiterte jetzt an den Berufungsrichtern.
Damit wäre der Weg für die Kläger frei, Blackberry-Geräte per einstweilige Verfügung vom US-Markt nehmen zu lassen. Für den Hersteller ein Horrorszenario, denn auf den US-Markt entfallen 75 Prozent seines Geschäfts. Trotz der Niederlage vor Gericht und des drohenden Verkaufsstopps in den USA bemüht sich Morrison, gelassen zu bleiben: "Die Entscheidung ist keine große Überraschung für uns", sagte er. Das Management setze nun auf eine rasche Entscheidung der Richter zu RIMs Gunsten. "Es gibt inzwischen viele Belege, die für unsere Position sprechen", sagte er.
Analysten warnen unterdessen vor den Folgen, die ein Verkaufsverbot in den USA für RIM hätte: "Die Auswirkungen einer einstweiligen Verfügung wären schwerwiegend", meint etwa der Analyst Peter Misek vom kanadischen Investmenthaus Canaccord Capital. Allerdings stünden die Chancen 50 zu 50, dass sich RIM und NTP am Ende auf einen Vergleich einigen könnten. Die zu zahlende Summe könne dann zwischen 450 Mio. $ und 1 Mrd. $ liegen. Zum möglichen Ausgang des Streits wollte sich Morrison nicht äußern: "Das alles sind Spekulationen, jeder kann im Moment nur spekulieren."